|
...
Die
Sonne stand schon hoch am Himmel. Eduard wurde es warm in
seiner wollenen Jacke. Die blonden Locken, die unter dem
Filzhut hervorquollen, waren feucht vom Schweiß. Eduard
rückte seine Brille gerade und blinzelte in das flirrende
Licht, das die grünhüglige Landschaft leuchten und die Äpfel
in den Bäumen rot aufglänzen ließ. Endlich Ruhe! Eduard
hörte die Lerchen hoch oben in der Luft, ein Bach mäanderte
durch grüne Wiesen. Unbeweglich stand der Reiher an seinem
Ufer, das von Silberweiden und Erlen gesäumt war. In der
Ferne sah der Dichter die Burg Weibertreu auftauchen, an
deren Fuß Kerner sich vor Jahren ein Haus gebaut hatte.
Das Kernerhaus war berühmt im Lande, alles, was literarischen
Rang und Namen hatte, aber auch Grafen, Wanderer und Studenten,
fanden Aufnahme und wurden reich bewirtet.
Der
Freund Justinus eilte ihm entgegen. Sein fleischiges Gesicht
mit den Hängebäckchen und den blanken Augen überstrahlte
einen Anflug der Schwermut, der auf seiner massigen Gestalt
zu liegen schien.
»Eduard, wie lacht mir das Herz, dich endlich hier
begrüßen zu können! Ist daheim alles in Ordnung?«
»Klara und ich werden bald eine Kur in Bad Mergentheim
machen. Die Mutter möchte nicht dabei sein, sie muss unser
Pfarrhaus vor den Gespenstern hüten, meint sie.«
»Ach, ist der Barausch, der alte Pfaffenschlingel,
wieder aufgetaucht?« »Nicht nur der. Ständig
gehen Lichter um, es kracht und knarrt. Wir können kaum
noch schlafen.«
»Du bist das Medium, Eduard. In dir zeigen sich Abgründe,
neben der lichten auch die Nachtseite des Lebens.«
»Mir wäre es lieber, wenn sich weniger Abgründe zeigen
würden, besonders, was meine Gesundheit betrifft. Und das
Schreiben von Predigten.«
»Fällt dir das immer noch so schwer?«
»Ich bin froh, wenn der Vikar sie schreibt und auch
für mich auf die Kanzel steigt.«
»Meiner Meinung nach ist es das beste, was du nach
deiner schweren Krankheit tun kannst: spazieren gehen, im
Rosengarten sitzen und dichten.«
»Die Bauern sagen, ich sei ein faules Luder.«
»Die wissen eben nicht, was es heißt, Pfarrer und
gleichzeitig Dichter zu sein.«
»Ach, Justinus, wenn du nicht gewesen wärst mit deiner
Medizin, ich wäre wohl nicht mehr am Leben.«
Vom
Gartentor her rief jemand Eduards Namen. Er wandte sich
um. Diese kleine, unscheinbare, gedrungene Gestalt, die
kräftige Nase, die blauen Augen und der graue Lockenkranz
um die spiegelnde Fläche seines Hauptes ...
»Uhland!«, rief er aus. »Seit den Tübinger
Tagen haben wir uns nicht mehr gesehen!«
2003
© by Christa Schmid-Lotz
|