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Rezensionen     Diome: Ketala
Autorenportraits Diome  Diome: Ketala
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Das Gedächtnis der Dinge
Von Sabine Adatepe ©
Die besten Liebesgeschichten existieren im Krieg, meint die senegalesisch-französische Autorin Fatou Diome, eine ehrliche Reporterin aus der Migritude, und meint damit auch den Kampf der Kulturen. Unbeschönigt schildert sie, wie die Hoffnung zahlloser junger Afrikaner auf ein paradiesisches Europa sich als Seifenblase erweist, zerplatzt, um nichts als Verzweiflung und Tod zu hinterlassen. Doch Diome ist keine Pessimistin und schon gar kein Trauerkloß, ihre Bücher sprühen vor Temperament und Lebensfreude. 2005 erhielt sie den Frankfurter LiBeraturpreis für ihren Debütroman Der Bauch des Ozeans. Dort führt Salie, die in Straßburg studiert und ihr Studium mit Putzen finanziert, einen zähen Kampf per Telefon mit ihrem Halbbruder Madické im Fischerdorf auf der Insel Niodior im Senegal. Am Ende gelingt es ihr, den fußballbegeisterten jungen Mann mit einem Finanzzuschuss zum Eröffnen eines Ladens zu bewegen, so dass er letztlich sich eine tragfähige Perspektive im eigenen Land aufbaut und auf die Reise ins angebliche Paradies Europa verzichtet. Diome beschrieb hier ihren ganz persönlichen Umgang mit den zahllosen Bittstellern, die an ihre Tür klopfen, um von der vermeintlich Arrivierten Hilfe zu bekommen: Statt Geld zu verschenken oder zu verleihen, gibt sie einmalig eine Finanzspritze für ein nachhaltiges Konzept. »Ich gebe euch Geld, aber rudern müsst ihr selbst«, lautet ihr Motto.
Ketala, Diomes zweiter Roman, ist das Zeugnis vom Scheitern einer großen Leidenschaft und Hoffnung. Abgelegt von der Hinterlassenschaft der viel zu jung gestorbenen Memoria - von jenen Gegenständen, die beim Kétala, der traditionellen Erbteilung acht Tage nach dem Tod einer Person, der Verwandtschaft zufallen: von Tür und Tisch, Sofa, Matratze, Maske, vollbusiger Frauenstatue und stolzer Jägerskulptur, alter Perlenkette, Armbanduhr, Stiefeletten, altmodischer Bluse, ja, vom Becio, dem frivolen Schurz und nicht zuletzt vom etwas dümmlichen Taschentuch. Ihre ganz persönlichen Erinnerungen an die ehemalige Besitzerin, vorgetragen theatralisch oder humorvoll, ironisch, witzig oder beckmesserisch je nach Persönlichkeit des einzelnen Gegenstandes unter Vorsitz der Maske des Weisen, entwerfen in den verbleibenden fünf Tagen und sechs Nächten das Mosaik eines verzweifelten Lebens zwischen Afrika und Europa, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Anpassung und Auflehnung.
Intelligent und in ihrem Bildungshunger von den Eltern unterstützt, wird für die junge Memoria ein passender Bräutigam gesucht - und gefunden in Makhou, dem klugen, höflichen, doch schon 33-jährigen Sohn aus guter Familie. Die Ehe wird geschlossen, in Memoria wächst Zuneigung für ihren Mann, der zwar nett zu ihr ist, sie als Frau jedoch nicht wahrnimmt. Nach einem Eklat beichtet er ihr seine Homosexualität und sein Glück mit der Ballettlehrerin Tamara, die eigentlich Tamsir heißt und gambischer Offizierssohn ist. Um seinem Dilemma zu entfliehen, beschließt Makhou, nach Frankreich zu gehen, wo er einst studierte. Überraschend schließt Memoria sich an, froh, der heimatlichen Enge und Sittenstrenge zu entkommen. Bei Makhous ehemaligen französischen Studienfreunden erlebt das junge Paar nicht die erhoffte freundlich unterstützende Aufnahme, erst in Straßburg kommt es auf die Beine - um den Preis einer neuen Affäre Makhous. Die Ehe zerbricht, Memoria wirft Makhou hinaus und verliert selbst rasch den Boden unter den Füßen. Zum Geldverdienen gezwungen, um die nie versiegenden Forderungen der Familie im Senegal zu erfüllen, verdingt sie sich zunächst als Edelhure. Doch schon ein Jahr, unendliche Landstraßen, Absteigen und Männer später ist sie ein Wrack. Der Arzt gibt ihr keine Chance mehr. Memoria fühlt das Ende nahen, schluckt ihren Stolz herunter und veranlasst ihren Noch-Ehemann Makhou, sie zurück nach Dakar zu bringen, wo sie innerhalb weniger Tage stirbt.
Der Bericht der Hinterlassenschaft wird immer wieder unterbrochen durch einen verstörten jungen Mann, der durch die Wohnung geistert, sich mal heulend aufs Sofa wirft, um dann wieder Türen schlagend hinauszustürmen. Irgendwann ahnt man: Es ist Makhou. Am Tag des unausweichlichen Kétala, als schon alle Verwandten im Hof auf die Teilung warten und gierig die Habseligkeiten der verfemten Verstorbenen begutachten, verweigert er sich der Tradition, schickt die ganze Sippe nach Hause und schwört, das Andenken Memorias selbst zu bewahren.
Erwachsener und reifer als Der Bauch des Ozeans zeigt Fatou Diome in Ketala eindrucksvoll das Dilemma des modernen Menschen auf der Suche nach Identität und Individualität im Gefängnis von Tradition einerseits und Verführungen der Moderne andererseits. Für die Wahlstraßburgerin ist es aus ihrer afrikanischen, animistischen Tradition, wie sie es nennt, selbstverständlich, alle Dinge als beseelt und mit eigener Stimme versehen zu betrachten. Die Gegenstände philosophieren über das Wesen des Menschen. Statt der Menschen, die Memoria auf die eine oder andere Art nur benutzt haben, sind sie die Träger des Erinnerns. Diome, die auch diesen Roman mit philosophischen und literarischen Zitaten von Nietzsche bis Frantz Fanon durchsetzte, überlässt nichts dem Zufall. Es ist Programm, wenn die Frau, der das Erinnern gilt, Memoria heißt.
Im Romantitel, bei dem in der deutschen Ausgabe auf den Accent in Kétala verzichtet wurde, bezieht Diome sich auf eine Bezeichnung, die in ihrer Sprache für »Generalversammlung« steht, für das Palaver, mit dem in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft das Leben ausgehandelt wird, und den rituellen Lobgesang der Griots, wie es in unerreichter Meisterschaft der ivorische Schriftsteller Amadou Kourouma in  Die Nächte des großen Jägers vorgemacht hatte. Auch bei Diome fehlen weder spöttische Einwürfe noch Verweise auf große Weisheiten der heimischen Kultur. Die Musikalität der afrikanischen Sprachen ins Französische zu übertragen, jene Sprache, die die selbstbewusste Senegalesin als ihre eigene empfindet, ist eines ihrer Anliegen. Beim Schreiben spricht sie sich die Sätze vor, nimmt auch schon mal Tamtams zur Hand, um den richtigen Rhythmus zu finden. Die Übersetzung ins Deutsche ist da eine besondere Herausforderung, die Brigitte Groß auch diesmal hervorragend meisterte.
Makhous Homosexualität, höchst empathisch dargestellt, ist Diome Metapher für die Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierung, die sie selbst in Frankreich machen musste. Mit Rückgriff auf den Ausspruch des togolesischen Autors Kofi Efoui, Afrika sei - in den Augen der Europäer - eine Fiktion, geht es Fatou Diome auch darum, Afrika »neu« zu erschaffen, es so darzustellen, wie sie es kennt und empfindet, unabhängig von und ursprünglicher als Kolonisation, Islam und Christentum. Als Migrantin weiß sie, dass die Rekonstruktion aus der Ferne nur zu einem hohem Preis möglich ist. Memoria lässt sich unmittelbar nach ihrer Rückkehr ans Meer fahren und deklamiert prophetisch und weltklug:
»Mama Afrika, verzeih! / Vergib deinen Kindern, daß sie vor Tagesanbruch davon sind / Sie kehren als andere heim / und kommen nie mehr zu dir zurück.«
(Originaltitel: Kétala)
1/2008
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