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Fortsetzung Leseprobe:»Das Tal der Vermissten«
...
»Was
hältst du davon zu tanzen?«
»Tanzen,
hier? Nein, das ist mir peinlich. Alle würden uns anstarren
...«
»Lass
sie starren, die sind doch bloß neidisch ...«
»Meinst
du wirklich?.. Aber hier tanzt doch sonst nie einer!«
»Ich
schon, ich hab' hier schon getanzt!«
»Wann,
mit wem?« Laura würde sich am liebsten auf die Zunge beißen,
aber es ist zu spät. Douglas lacht, aber antwortet.
»Zu
meinem Jahrestag, mit einer jungen Dame ..« Laura überhört
geflissentlich die junge Dame, fragt weiter:
»Deinem
Jahrestag? Meinst du Geburtstag?«
»Ach
was, Geburtstag, so was gibt's hier nicht, nein zu meinem
Jahrestag.«
»Hat
der Jahrestag was mit der Ankunft hier zu tun?«, fragt Laura.
»Exakt!«,
antwortet Douglas, steht auf, zieht Laura hoch und führt sie
in die Mitte des Schankraums, wo eine kleine Fläche genug
Raum bietet, auch für zwei, drei andere Paare bieten würde.
Doch sie sind und bleiben die einzigen, die tanzen. Entgegen
Lauras Befürchtung beachtet sie kaum jemand. Nachdem sie das
registriert hat, lässt sie sich vom Rhythmus wiegen und in
Douglas' Arme sinken. Eine Ewigkeit scheint zu vergehen, während
der sie die Augen geschlossen hält. Sie wieder öffnend, wird
ihr bewusst, dass erst ein einziges Musikstück verklungen
ist. Ein wenig aus Douglas' Griff gelöst, blickt sie ihn an,
empfängt sein Lächeln, lässt sich wieder fallen. Nach dem
Ende auch dieses Stücks, bringt Laura wieder etwas Distanz
zwischen die aufgeheizten Körper, sie fragt:
»Du
hast also bald wieder Jahrestag, den wie vielten?«
»Den
dritten!«
»Ist
das ein Grund zum Feiern?«
»Du
kannst Fragen stellen.«
»Ist
das ein Grund zum Feiern?«
»Das
kommt ganz auf den Einzelnen an!«
»Ist
es für dich ein Grund zum Feiern?«
»Ja
und nein, jedenfalls feiere ich!«
»Lädst
du mich ein ... wo feierst du überhaupt?«
»Na,
hier!«
»Lädst
du mich ein?« Douglas antwortet nicht, lächelt nur und drückt
Laura enger an sich. Sie lässt sich's gefallen, atmet tief
ein, genießt den Geruch seines Rasierwassers und vergisst
einen Moment lang alles um sich herum, vergisst das Tal, vergisst
wie sie hereingekommen ist, vergisst vor allem dieses Warum.
Sie schlägt die Augen auf. Geistesabwesend starrt sie zu den
Fischen an der gegenüberliegenden Wand, den fliegenden Fischen.
Das Motiv der Fische auf der Wandtapete ist in dem vermutlich
mittelalterlichen Gemälde – es ist ihr bisher nicht
aufgefallen – zumindest teilweise aufgenommen. Fische
mit aufgerissenen Mäulern; das Schnappen nach Luft hat sie
immer schon an Erstickungstod erinnert. Halbe Fischkörper,
kombiniert mit Menschen- oder Tierleibern, sind Bestandteile
der das Gemälde bevölkernden anderen Wesen einer Fabelwelt.
Sie erkennt den Maler dieses Bildes, der sie immer schon –
da ist er wieder, dieser Zeitbezug: immer schon!, hat die
historische Perspektive hier überhaupt Gültigkeit? –
gleichzeitig angezogen wie abgestoßen hat. Schon ist es geschehen,
dieses kleine Glück, der Moment der Selbstvergessenheit ist
vorüber. Sie versucht den Gedanken nach ihrem ganz persönlichen
Warum abzublocken. Sie flüchtet enger in die Umarmung ihres
Tanzpartners, denn mehr ist in diesem Moment Douglas für sie
nicht. Während der nächsten, Sekunden andauernden Musikpause
verbleibt sie in der Umarmung. Douglas lässt es geschehen,
während sie nicht einmal so weit auf der Höhe ihres Bewusstseins
ist, der Furcht, er könne diesen Umstand missverstehen, Ausdruck
geben zu können. Plötzlich beginnt sie zu frösteln. Erst die
Betrachtung des Gemäldes scheint sie herausgerissen zu haben
aus ihrer – wie ihr jetzt scheint – allzu schnellen
Anpassung an diese neue Welt. Jetzt erst, knapp vor Ablauf
der ersten Woche in diesem Tal wird ihr das Ausmaß, die Ungeheuerlichkeit
der Veränderung in ihrem Leben – Leben?! – bewusst.
Aus dem Frösteln wird ein regelrechtes Zittern. Sie erinnert
sich des Moments, wie sie die Mauer durchbrochen, dieses Tal
betreten hat. Mit einer Art Stolz, es geschafft zu haben.
Kein Gedanke daran, ob sie das wirklich wollte. Vielleicht
hat sie nur einen Menschen gebraucht, eine Gruppe hat sie
erwartet. Jetzt, da sie versucht, sich die einzelnen Mitglieder
des Empfangskomitees vorzustellen, wird ihr klar: Es war exakt
die Zusammensetzung wie heute Abend, mit einer Ausnahme: sie
selbst! Der Versuch, sich zu beruhigen, kann ihren Körper
kaum kontrollieren. Douglas drückt sie fester, flüstert leise:
»Es
geht uns allen so.« Sie hört seine Worte, ist aber zu sehr
in ihrer Erinnerung gefangen; sie kann sie nicht wirklich
verstehen, geschweige denn eine Antwort finden. Einer aus
der Gruppe – ist es Douglas gewesen? – hat ihr
den Weg gewiesen. Nein, es war nicht Douglas, sollte es etwa
dieser Streithahn Lucky gewesen sein ... nein, auch Lucky
war es nicht, es war ... sie erinnert sich wieder... Trotz
ihrer Benommenheit beim Eintritt war sie ob der Aufmachung
erstaunt, es war eine Art ... Sie ist ganz in ihre Grübelei
versunken, sie beachtet Douglas nicht, sondern blickt sich
um. Natürlich, da sitzt er ja! Die Aufmachung stimmt: mittelalterliche
Kleidung. Am liebsten würde sie gleich zu ihm hingehen. Dieser
Mensch hat ihr den Weg gewiesen. Wie kann es sein, fragt sie
sich, dass sie ihn an den vorhergehenden Abenden nicht beachtet
hat? Sollte er tatsächlich keinen der Abende hier gewesen
sein? Die gegenwärtige Situation wird ihr wieder bewusst,
sie spürt Douglas' enge Umarmung ... sie sagt:
»Was
hast du gesagt?«
»Ich
sagte: Es geht uns allen so ... «
»Du
meinst zu Anfang..?« flüstert sie zurück, ihr Körper hat sich
etwas beruhigt, aber sie fröstelt noch immer.
»Nein,
nicht zu Anfang, bei manchen setzt dieses Gefühl erst nach
Monaten ein ... das Fatale aber ist ... es kehrt immer wieder
... ich kenne niemanden hier, der es überwunden hätte ...
es heißt, ganz im Osten des Tales, am anderen Rand, hausten
einige Menschen, die sich nicht mehr um das Draußen
kümmerten ...«
»Es
ist ein fürchterliches Gefühl ...«
»Ich
weiß ...«
»Ich
möchte das nicht!« Anstelle einer Antwort drückt Douglas Laura
noch enger an sich, und sie fröstelt kaum noch. Die Musik
geht zu Ende. Laura schlägt die Augen auf und versucht, einen
Blick auf das Gemälde zu vermeiden. Auf dem Absatz dreht sie
sich um und steuert entschlossen den gemeinsamen Tisch an.
Nachdem
beide wieder sitzen, fragt sie Douglas:
»Du,
da hinten links, in der Ecke, der Tisch mit der gelben Tischdecke,
da sitzt ein Mann in mittelalterlichem Aufzug, der hat mir
bei meiner Ankunft den Weg gewiesen ...«
»Ich
weiß ...«
»Kennst
du ihn?«
»Ja,
das ist François!«
»Ich
möchte mit ihm reden! Meinst du, ich kann einfach hin zu ihm?«
»Warum
solltest du das nicht können?.. Wenn du's wirklich willst
... nur los!«
»Begleitest
du mich?«
»Wenn
du möchtest, kann ich François auch bitten, sich zu uns zu
setzen.«
»Würdest
du das tun?..«
»Klar,
warum denn nicht?!« Douglas ist bereits aufgestanden und losmarschiert.
Laura ergreift ein seltsames Gefühl. Irgendwie ist dieser
François etwas Besonderes für sie ... er hat ihr den Weg gewiesen
... auf der anderen Seite, was heißt das schon?.. Was hat
er denn groß vollbracht?! Mit einer Armbewegung hat er vage
eine Richtung vorgegeben, in die sie dann brav losgegangen
ist. Bei den ersten Lehmhäuschen hat sie angehalten. Ohne
weitere Einweisung hat sie die Tür des zweiten, etwas nach
hinten versetzten Hauses geöffnet und irgendwie gewusst, dahin
zu gehören. Sie wird aus ihrer Versunkenheit gerissen, weil
plötzlich Douglas neben ihr steht und sagt:
»Da
bin ich schon ... ich habe jemanden mitgebracht ...« Er deutet
auf den neben ihm stehenden François, der seinerseits eine
Handbewegung andeutet, die wohl einen Gruß darstellen soll.
Laura spürt, dass sie, warum weiß sie nicht, errötet. Sie
sagt:
»Hallo,
setzt euch doch! Ich freue mich, dass Sie uns Gesellschaft
leisten!«
François
beugt sich, nachdem er sich gesetzt hat, zu Laura hinüber,
ergreift mit seiner Rechten ihr Kinn, kneift und drückt es,
wie das eines kleinen Mädchens und sagt:
»Warum
so förmlich, Kleines? Ich bin François, und du bist die kleine
Laura, die vor einigen Tagen zu uns gestoßen ist. Ich freu'
mich, so ein reizendes Ding in unserer Gesellschaft zu haben
...« In jedem anderen Fall wäre Laura aufgefahren, hätte sich
dagegen verwahrt, so behandelt zu werden, aber hier ... François
... außerdem ist sie durch einen seltsamen Beiklang in François'
Stimme abgelenkt ... es klingt unglaublich fremd, exotisch,
schön wie eine seltene Pflanze. Fasziniert betrachtet sie
François, von dem sie nicht sagen könnte, welches Alter er
habe ... dreißig ... vierzig ... vielleicht fünfzig.
Douglas
fragt, ob sie noch was trinken wollten. Laura nickt, François
ebenso. Douglas winkt Errol heran und bestellt. Inzwischen
sind auch die letzten Tische und jeder einzelne Stuhl besetzt.
Die Unterhaltung ist bis zu einem Grad angeschwollen, dass
sie kaum noch auszublenden ist. Laura bildet sich ein, dadurch
gestört zu sein und deshalb nicht zu wissen, was sie sagen
könne. In Wahrheit ist sie befangen, ohne zu ahnen, weshalb.
Es ist, als würde François sie mit seiner, wie sie findet,
zur Schau getragenen Selbstsicherheit einschüchtern. François
sieht Laura an und sagt:
»Hast
du dich denn schon ein wenig bei uns eingelebt? Wie gefällt
dir dein Häuschen?«
»Das
Häuschen ist ... ausreichend ... ich brauche nicht viel Komfort
...«
»Komfort
...«, setzt François nach, »... du hast ein Bett ... eine
Kochgelegenheit ... einen Tisch ... Stühle ... ist das nicht
Komfort!« François lacht brüllend los! Laura spürt, die Art
des Lachens, dieses vollkommen unkontrollierte, den Körper
schüttelnde Aussichherausgehen hätte sie sonst gestört, aber
hier ... im Moment ... François ... es gehört zu ihm. An ihm
mag sie dieses Lachen. Und sie fällt mit ein wie auch Douglas.
Errol kommt mit den Gemütlichkeit verheißenden Getränken.
Sie rücken beiseite und lassen ihn seine Arbeit tun. Sie prosten
sich zu. Und François, was macht dieser François? Ungestraft
tätschelt er Lauras Wange, lacht dabei wieder ausgelassen.
Da ertönt aus der Ecke, von François' Tisch her ein Ruf:
»Hey
François, wie wär's mit 'nem Poker?!«
»Da
kann ich nicht nein sagen.«, sagt François zu Laura hin und
ruft laut:
»Ich
komme, teilt schon mal aus!« François steht auf, mit einem
Nicken zu Douglas und Laura und ohne ein weiteres Wort verlässt
er die Runde.
»Na,
das war ja ein kurzer Besuch ...« Laura ist etwas enttäuscht,
gleichzeitig erleichtert. Bei aller Sympathie für diesen verwegen
dreinschauenden Mann, fühlte sie sich doch befangen ... Sie
sieht François nach, der polternd bei seinen Kameraden angekommen
ist und schon im Setzen nach den Karten greift. Laura bemerkt
plötzlich, dass die Luft im Raum stickig geworden ist. Es
wird geraucht. Glücklicherweise, denkt Laura, raucht Douglas
nicht. Ob das schädlich ist, fragt sie sich. Douglas fragt
sie nicht. Wahrscheinlich aus Angst, er wüsste keine Antwort,
vielleicht auch, er wüsste sie nur zu genau. Sie bemerkt harmlos:
»Ein
sympathischer Kauz!« Und weiß um die Kargheit ihrer Charakterisierung.
Douglas nickt nur. Sie sieht sich erneut im Raum um. Vieles
ist immer noch neu für sie, nicht nur dieser Ort ... sich
gewöhnen bedeutet das nicht, sich Zeit zu lassen?.. Wieder
diese Perspektive.., obschon jetzt weniger historisch. Gewöhnung
bedeutet für sie doch mehr eine Frage der Körperchemie. Bedeutet
aber auch ein Sicheinlassen. Noch nie hat sie sich einfach
so eingelassen, es gibt immer Gründe ...
»Wie
war das bei dir, warum bist du hierher gekommen?«
»Fragestunde..?
Ich werd's dir irgendwann einmal erzählen, heute nicht! Für
heute hast du genug gehört. Versteh' doch! Du solltest noch
mit diesen Fragen warten!..«
»Es
ist unheimlich wichtig für mich ...«
»Ich
erzähl' es ein andermal ...«, verspricht er. Als sie aber
ein enttäuschtes Gesicht zieht, fügt er hinzu, »na gut, wenn
du es unbedingt möchtest, erzähl' ich dir Luckys Geschichte!«
»Mich
interessiert aber deine!«
»Luckys
oder gar keine!« Es ist nicht erkennbar, ob Douglas' Lächeln
versöhnlich oder eher abweisend gemeint ist. Laura entschließt
sich, noch einen letzten Versuch zu unternehmen:
»Weißt
du, wie es François hierher verschlagen hat?
»So
ungefähr, vielleicht kann er dir das selbst mal erzählen.
Ich habe den Eindruck, dass du ihn ... sehr interessant ...
findest ...« Sie nickt, verdrängt eine eingehende Analyse
des Gedankens, ob Douglas' Aussage womöglich anzüglich gemeint
war. Er sagt:
»Lucky?..«
»Erzähl'
schon!« Douglas setzt noch zu einem tiefen Schluck aus seinem
Glas an, dann beginnt er:
»Du
hast vielleicht von Lucky – gerade heut' Abend –
einen verkehrten Eindruck erhalten. Er ist eigentlich oder
sollte ich sagen war ... ganz anders, als es jetzt den Anschein
macht. Klar, er gehört, das weißt du nun, zur Gruppe der Zigarettenholer
... in seinem vorigen Leben war er Chemiker, ein erfolgreicher
dazu. Im Alter von 22 Jahren hat er bereits promoviert. Schon
ein Jahr davor gründete er mit einem Jugendfreund eine kleine
Firma. Gemeinsam widmeten sie sich der Erforschung und Entwicklung
von künstlichen Textilstoffen, diesen Sowieso-Tex. Bereits
zwei Jahre nach Douglas' Promotion hatten sie einen Stoff
entwickelt, der von der Industrie begeistert aufgenommen und
produziert wurde. Die beiden jungen Unternehmer wurden schnell
reich, ihre Firma wuchs, Douglas gründete eine Familie. Er
vertrug sich mit seiner Frau, die wie er aus Seattle kam,
ausgezeichnet ...«
»Das
klingt alles ein wenig zu glatt ... nimmst du mich nicht auf
den Arm?..«
»Ich
schwöre, es ist die Wahrheit ... soll ich weiter erzählen?«
»Klar
...«
»Er
gründete also eine Familie ...«
»Aber
Moment mal, sagtest du, Lucky kommt aus Seattle, wieso verstehe
ich ihn dann so gut?.. Wieso habe ich mich bis zu diesem Moment
nie gefragt, welche Sprache hier gesprochen wird?? Und wenn
ich jetzt darüber nachdenke ... Ich bin Italienerin ... ich
rede italienisch, weshalb versteht mich dann jeder? Wird man
bei der Ankunft hier von einer Art Heiligem Geist erleuchtet,
um ein babylonisches Sprachengewirr zu vermeiden?...« Laura
schlägt beide Hände vors Gesicht:
»Douglas,
welche Sprache spreche ich, welche sprichst du? Douglas, woher
kommst du?« Douglas nimmt ihre Hände in die seinen, streichelt
sie und redet behutsam auf Laura ein:
»Reg'
dich nicht auf ... Lass dir Zeit, du darfst nichts überstürzen
...« Laura macht ein entschlossenes, gleichzeitig banges Gesicht,
während sie nachhakt:
»Douglas,
sag' mir, woher du kommst!«
»...
aus Schottland ...«
»...
und du redest Englisch oder gar ... wie heißt das ... Gälisch?!«
Douglas Griff wird fester.
»Laura,
bleib ruhig! Du musst dir einfach Zeit lassen«
»Zeit,
Zeit, Zeit, was heißt das schon, Zeit, es gibt doch gar keine
Zeit hier!..« Laura hat zu schreien begonnen. Einige Blicke
von Nachbartischen fixieren sie kurz, wenden sich aber gleich
wieder ab. Ob sie wissen, welcher Teil des allgemeinen Dramas
sich am Nebentisch abspielt?
»Es
gibt Zeit, wenn auch in anderer Form ...«, entgegnet Douglas.
»Was
heißt das: in anderer Form? Fließt sie rückwärts oder in Schleifen,
ja das wird's sein, wir drehen uns im Kreis. Seit ich hier
bin, hat sich noch nichts ereignet. Jeden Abend sitzen wir
hier, dieselben Leute an den Nebentischen. Vorher hat irgend
so ein armer Trottel versucht, Eingang zu finden und –
natürlich! – versagt.«
»Heute
Abend haben wir getanzt!«, sagt Douglas.
»Wenn
es nicht eine endlose Wiederholung ist, was ist es dann? Was
bedeutet: die Zeit habe eine andere Form?«
»Du
wirst es verstehen lernen, du kannst nicht alles auf einmal
haben. Heute bist du offensichtlich erstmalig bereit, überhaupt
einen Wandel zu akzeptieren. Nach und nach wirst du die Qualität
der Veränderungen einzuschätzen lernen .«
»Ich
möchte es jetzt wissen, verstehst du Douglas, jetzt! Sprichst
du Gälisch mit mir, Herrje, ich verstehe Schottisch und weiß
nicht einmal, was das bedeutet. Wahrscheinlich trägst du ein
Schottenröckchen und ich seh' ne Jeans, ist das alles eine
Illusion ... bin ich tot! Vielleicht liege ich auf dem Meeresgrund
und diese ...«, sie deutet zu den Tapeten, »Fischchen knabbern
an mir rum.«
»Was
für ein Unsinn, natürlich bist du nicht tot! Du bist hier
in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten ...«
»Von
Leidensgenossen, willst du wohl sagen?..«
»Nein!
... ja, zum Teil sind es auch Leidensgenossen, viele haben
aber diesen Ort freiwillig gewählt ... Lucky zum Beispiel
... soll ich weiter von Lucky erzählen?.. Es ist interessant
... es wird dir helfen zu verstehen ...« Laura schweigt lange
Sekunden, ringt sich dann zu einem entschlossenen ›Erzähl'!‹
durch. In diesem Moment setzt die Musikbox wieder ein, irgendein
Witzbold hat Tom Dooley gewählt, was wunderbar zu Lauras
Stimmung passt. Sie verzieht angewidert das Gesicht. Douglas
versucht diese Tatsache zu ignorieren, fährt fort:
»Also,
Lucky gründete mit Glenda ...«
»Herrjemine,
Glenda, wie kann ein Mensch in unserer Zeit sein Kind Glenda
nen...« Laura unterbricht sich. Einerseits registriert sie
ihre Hysterie, andererseits beginnen ihre Gedanken beim Ausdruck
unsere Zeit abermals wilde Sprünge zu vollziehen, während
ein Sopran ›Hang down your head Tom Doooleeey ... hang
down your head and cry‹ trällert. Im selben Moment erschüttert
den Saloon ein so mächtiges Krachen, dass die meisten Gäste
erschreckt nach oben sehen. Durch die Decke des Raumes die
Ursache der Erschütterung ergründen zu wollen, ist jedoch
sinnlos. Im nächsten Moment klatscht Errol in die Hände, gleichzeitig
schreiend:
"Auf
Herrschaften, auf! Alles in den Schutzraum! Los los! Trödelt
doch nicht so!" Von Trödeln kann keine Rede sein. Alle
sind sofort aufgesprungen, auch Douglas, und Laura hat es
ihm gleichgetan. Lucky hat inzwischen mit seinem heutigen
Kontrahenten, den Tisch an dem sie saßen, zur Seite geschoben
und eine Kellerluke geöffnet. In diesem Moment sieht Laura
die ersten Gäste im Keller verschwinden. Schon ist der Körper
von François halb im Boden verschwunden, im nächsten Moment
ist er ganz weg, und die nächsten Gäste drängen nach. Douglas
nimmt Laura wie ein hilfloses, kleines Mädchen an der Hand
und führt sie zum Einstieg. Bemüht schnell steigen sie eine
behelfsmäßige Treppe hinunter. Laura erkennt trotz schwacher
Beleuchtung einige Bänke, von denen zwei schon vollständig
besetzt sind. Einen Moment zögert sie, in welche Richtung
sie sich wenden soll. Da wird sie unsanft von hinten geschubst.
Sie fährt nach hinten, um loszudonnern. Douglas kommt ihr
zuvor. Behutsam, aber entschlossen fasst er sie an den Schultern
und führt sie zu einer noch freien Bank im hinteren Teil des
Kellers. Sie setzen sich. Laura ist vollkommen konfus, registriert
aber, dass Douglas gelassen wirkt; eine unmittelbare Gefahr
scheint nicht zu bestehen. Trotzdem ist Laura aufgewühlt,
weiß auch darum und versucht ihre Frage möglichst ruhig zu
fassen:
»Was
ist hier los?«
»Massenheimsuchung«
Nur dieses eine Wort sagt Douglas.
»Massenheimsuchung?«
»Es
geschieht selten, ich habe es bisher erst einmal erlebt, aber
es kommt eben vor: eine Massenheimsuchung, das heißt so viele
Menschen versuchen gleichzeitig, Eingang zu finden, dass das
gesamte Gefüge ins Wanken gerät ... hörst du den Sturm ...
und das ist noch gar nichts ... du darfst dich nicht beunruhigen
lassen, das wird noch wesentlich schlimmer werden ... aber
uns kann nichts geschehen. Irgendwann beruhigt es sich auch
wieder. Von den vielen, die versuchen, hereinzukommen, werden
viele wieder aufgeben, einige Dutzend könnten es schaffen!«
»Einige
Dutzend?!«
»In
einigen Stunden bist du nichts Besonderes mehr, da gibt es
jede Menge Küken ...«
»Küken?«
»
... so nennen wir die Neuen hier: Küken. Noch bist du das
Küken ...«
»Danke
Schön!«
»Keine
Ursache« Douglas lächelt und rückt näher an Laura heran. Er
umfasst ihre Schultern, während das Donnern vorerst in ein
anhaltendes Heulen übergegangen ist.
»Versuch'
nicht die Situation auszunützen!«
»Ist
das eine Einladung?!« Douglas' Schmunzeln verschwindet sofort
aus seinem Gesicht, weil Laura schluchzend in sich zusammenbricht.
Douglas drückt sie enger an sich. Es gelingt ihm kaum, Lauras
Körper ruhig zu halten; ein verzweifeltes Rütteln und Aufbäumen
hat ihn erfasst.
»Komm
leg' dich hin, es ist genug Platz auf der Bank. Es wird dir
gleich wieder besser gehen...« Laura schüttelt ablehnend den
Kopf, wehrt sich aber nicht, als Douglas aufsteht und ihr
dabei hilft, sich auszustrecken. Dann setzt er sich ans Ende
ihres Kopfes, nimmt ihn behutsam auf, rückt näher und bettet
ihn auf seinen Schoß. Er greift an ihre Stirn, prüft und stellt
fest, sie habe etwas erhöhte Temperatur, was nur verständlich
sei bei den heutigen Ereignissen. Laura sagt nichts. Sie hört
dem Heulen des Windes nach, das wieder stärker geworden ist.
Erneut hebt ein mächtiges Donnern an, ihr gesamter Körper
bebt mit. Douglas flüstert ihr beruhigende Worte ins Ohr.
Sie spürt, wie alles vor ihrem inneren Auge verschwimmt. Im
nächsten Moment wird Lauras Welt schwarz.
* * *
Das
nächste, was Laura wahrnimmt, ist Douglas Hand an ihrer Stirn.
Sie könnte nicht sagen, ob sie zehn Sekunden oder zehn Stunden
weg war. Dass sie trotz der ungemütlichen Liegestatt noch
keine Gliederschmerzen verspürt, spricht für erstere Annahme.
Sie ist Douglas für seine psychologisch einfühlsame und praktische
Hilfestellung sehr dankbar. Sie fasst seine Hand an ihrer
Stirn und drückt sie sanft, ihre Augen sind nach wie vor verschlossen.
Über die Tatsache, plötzlich diese Stimme wiederzuhören, diesen
Klang, erschrickt sie. Das passt nicht zu Douglas, das ist
nicht Douglas ... sie schlägt die Augen auf. François grinst
ihr breit entgegen. Sie liegt in François‘ Schoß. Erschreckt
fährt sie hoch. Es ist ihr fürchterlich peinlich. Sie sagt:
»Wo
ist Douglas, wie viel Zeit ist vergangen?«
»Ganz
ruhig ... du warst etwa eine Stunde weggetreten ... Wie fühlst
du dich, Kleines? Willst du dich noch ein wenig ausruhen ...
leg dich ruhig wieder hin ... « François deutet auf seinen
Schoß und lässt wieder sein brüllendes Lachen vernehmen.
© by Janko Kozmus
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