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Fortsetzung Leseprobe:»Das Tal der Vermissten«

...

»Was hältst du davon zu tanzen?«

»Tanzen, hier? Nein, das ist mir peinlich. Alle würden uns anstarren ...«

»Lass sie starren, die sind doch bloß neidisch ...«

»Meinst du wirklich?.. Aber hier tanzt doch sonst nie einer!«

»Ich schon, ich hab' hier schon getanzt!«

»Wann, mit wem?« Laura würde sich am liebsten auf die Zunge beißen, aber es ist zu spät. Douglas lacht, aber antwortet.

»Zu meinem Jahrestag, mit einer jungen Dame ..« Laura überhört geflissentlich die junge Dame, fragt weiter:

»Deinem Jahrestag? Meinst du Geburtstag?«

»Ach was, Geburtstag, so was gibt's hier nicht, nein zu meinem Jahrestag.«

»Hat der Jahrestag was mit der Ankunft hier zu tun?«, fragt Laura.

»Exakt!«, antwortet Douglas, steht auf, zieht Laura hoch und führt sie in die Mitte des Schankraums, wo eine kleine Fläche genug Raum bietet, auch für zwei, drei andere Paare bieten würde. Doch sie sind und bleiben die einzigen, die tanzen. Entgegen Lauras Befürchtung beachtet sie kaum jemand. Nachdem sie das registriert hat, lässt sie sich vom Rhythmus wiegen und in Douglas' Arme sinken. Eine Ewigkeit scheint zu vergehen, während der sie die Augen geschlossen hält. Sie wieder öffnend, wird ihr bewusst, dass erst ein einziges Musikstück verklungen ist. Ein wenig aus Douglas' Griff gelöst, blickt sie ihn an, empfängt sein Lächeln, lässt sich wieder fallen. Nach dem Ende auch dieses Stücks, bringt Laura wieder etwas Distanz zwischen die aufgeheizten Körper, sie fragt:

»Du hast also bald wieder Jahrestag, den wie vielten?«

»Den dritten!«

»Ist das ein Grund zum Feiern?«

»Du kannst Fragen stellen.«

»Ist das ein Grund zum Feiern?«

»Das kommt ganz auf den Einzelnen an!«

»Ist es für dich ein Grund zum Feiern?«

»Ja und nein, jedenfalls feiere ich!«

»Lädst du mich ein ... wo feierst du überhaupt?«

»Na, hier!«

»Lädst du mich ein?« Douglas antwortet nicht, lächelt nur und drückt Laura enger an sich. Sie lässt sich's gefallen, atmet tief ein, genießt den Geruch seines Rasierwassers und vergisst einen Moment lang alles um sich herum, vergisst das Tal, vergisst wie sie hereingekommen ist, vergisst vor allem dieses Warum. Sie schlägt die Augen auf. Geistesabwesend starrt sie zu den Fischen an der gegenüberliegenden Wand, den fliegenden Fischen. Das Motiv der Fische auf der Wandtapete ist in dem vermutlich mittelalterlichen Gemälde – es ist ihr bisher nicht aufgefallen – zumindest teilweise aufgenommen. Fische mit aufgerissenen Mäulern; das Schnappen nach Luft hat sie immer schon an Erstickungstod erinnert. Halbe Fischkörper, kombiniert mit Menschen- oder Tierleibern, sind Bestandteile der das Gemälde bevölkernden anderen Wesen einer Fabelwelt. Sie erkennt den Maler dieses Bildes, der sie immer schon – da ist er wieder, dieser Zeitbezug: immer schon!, hat die historische Perspektive hier überhaupt Gültigkeit? – gleichzeitig angezogen wie abgestoßen hat. Schon ist es geschehen, dieses kleine Glück, der Moment der Selbstvergessenheit ist vorüber. Sie versucht den Gedanken nach ihrem ganz persönlichen Warum abzublocken. Sie flüchtet enger in die Umarmung ihres Tanzpartners, denn mehr ist in diesem Moment Douglas für sie nicht. Während der nächsten, Sekunden andauernden Musikpause verbleibt sie in der Umarmung. Douglas lässt es geschehen, während sie nicht einmal so weit auf der Höhe ihres Bewusstseins ist, der Furcht, er könne diesen Umstand missverstehen, Ausdruck geben zu können. Plötzlich beginnt sie zu frösteln. Erst die Betrachtung des Gemäldes scheint sie herausgerissen zu haben aus ihrer – wie ihr jetzt scheint – allzu schnellen Anpassung an diese neue Welt. Jetzt erst, knapp vor Ablauf der ersten Woche in diesem Tal wird ihr das Ausmaß, die Ungeheuerlichkeit der Veränderung in ihrem Leben – Leben?! – bewusst. Aus dem Frösteln wird ein regelrechtes Zittern. Sie erinnert sich des Moments, wie sie die Mauer durchbrochen, dieses Tal betreten hat. Mit einer Art Stolz, es geschafft zu haben. Kein Gedanke daran, ob sie das wirklich wollte. Vielleicht hat sie nur einen Menschen gebraucht, eine Gruppe hat sie erwartet. Jetzt, da sie versucht, sich die einzelnen Mitglieder des Empfangskomitees vorzustellen, wird ihr klar: Es war exakt die Zusammensetzung wie heute Abend, mit einer Ausnahme: sie selbst! Der Versuch, sich zu beruhigen, kann ihren Körper kaum kontrollieren. Douglas drückt sie fester, flüstert leise:

»Es geht uns allen so.« Sie hört seine Worte, ist aber zu sehr in ihrer Erinnerung gefangen; sie kann sie nicht wirklich verstehen, geschweige denn eine Antwort finden. Einer aus der Gruppe – ist es Douglas gewesen? – hat ihr den Weg gewiesen. Nein, es war nicht Douglas, sollte es etwa dieser Streithahn Lucky gewesen sein ... nein, auch Lucky war es nicht, es war ... sie erinnert sich wieder... Trotz ihrer Benommenheit beim Eintritt war sie ob der Aufmachung erstaunt, es war eine Art ... Sie ist ganz in ihre Grübelei versunken, sie beachtet Douglas nicht, sondern blickt sich um. Natürlich, da sitzt er ja! Die Aufmachung stimmt: mittelalterliche Kleidung. Am liebsten würde sie gleich zu ihm hingehen. Dieser Mensch hat ihr den Weg gewiesen. Wie kann es sein, fragt sie sich, dass sie ihn an den vorhergehenden Abenden nicht beachtet hat? Sollte er tatsächlich keinen der Abende hier gewesen sein? Die gegenwärtige Situation wird ihr wieder bewusst, sie spürt Douglas' enge Umarmung ... sie sagt:

»Was hast du gesagt?«

»Ich sagte: Es geht uns allen so ... «

»Du meinst zu Anfang..?« flüstert sie zurück, ihr Körper hat sich etwas beruhigt, aber sie fröstelt noch immer.

»Nein, nicht zu Anfang, bei manchen setzt dieses Gefühl erst nach Monaten ein ... das Fatale aber ist ... es kehrt immer wieder ... ich kenne niemanden hier, der es überwunden hätte ... es heißt, ganz im Osten des Tales, am anderen Rand, hausten einige Menschen, die sich nicht mehr um das Draußen kümmerten ...«

»Es ist ein fürchterliches Gefühl ...«

»Ich weiß ...«

»Ich möchte das nicht!« Anstelle einer Antwort drückt Douglas Laura noch enger an sich, und sie fröstelt kaum noch. Die Musik geht zu Ende. Laura schlägt die Augen auf und versucht, einen Blick auf das Gemälde zu vermeiden. Auf dem Absatz dreht sie sich um und steuert entschlossen den gemeinsamen Tisch an.

Nachdem beide wieder sitzen, fragt sie Douglas:

»Du, da hinten links, in der Ecke, der Tisch mit der gelben Tischdecke, da sitzt ein Mann in mittelalterlichem Aufzug, der hat mir bei meiner Ankunft den Weg gewiesen ...«

»Ich weiß ...«

»Kennst du ihn?«

»Ja, das ist François!«

»Ich möchte mit ihm reden! Meinst du, ich kann einfach hin zu ihm?«

»Warum solltest du das nicht können?.. Wenn du's wirklich willst ... nur los!«

»Begleitest du mich?«

»Wenn du möchtest, kann ich François auch bitten, sich zu uns zu setzen.«

»Würdest du das tun?..«

»Klar, warum denn nicht?!« Douglas ist bereits aufgestanden und losmarschiert. Laura ergreift ein seltsames Gefühl. Irgendwie ist dieser François etwas Besonderes für sie ... er hat ihr den Weg gewiesen ... auf der anderen Seite, was heißt das schon?.. Was hat er denn groß vollbracht?! Mit einer Armbewegung hat er vage eine Richtung vorgegeben, in die sie dann brav losgegangen ist. Bei den ersten Lehmhäuschen hat sie angehalten. Ohne weitere Einweisung hat sie die Tür des zweiten, etwas nach hinten versetzten Hauses geöffnet und irgendwie gewusst, dahin zu gehören. Sie wird aus ihrer Versunkenheit gerissen, weil plötzlich Douglas neben ihr steht und sagt:

»Da bin ich schon ... ich habe jemanden mitgebracht ...« Er deutet auf den neben ihm stehenden François, der seinerseits eine Handbewegung andeutet, die wohl einen Gruß darstellen soll. Laura spürt, dass sie, warum weiß sie nicht, errötet. Sie sagt:

»Hallo, setzt euch doch! Ich freue mich, dass Sie uns Gesellschaft leisten!«

François beugt sich, nachdem er sich gesetzt hat, zu Laura hinüber, ergreift mit seiner Rechten ihr Kinn, kneift und drückt es, wie das eines kleinen Mädchens und sagt:

»Warum so förmlich, Kleines? Ich bin François, und du bist die kleine Laura, die vor einigen Tagen zu uns gestoßen ist. Ich freu' mich, so ein reizendes Ding in unserer Gesellschaft zu haben ...« In jedem anderen Fall wäre Laura aufgefahren, hätte sich dagegen verwahrt, so behandelt zu werden, aber hier ... François ... außerdem ist sie durch einen seltsamen Beiklang in François' Stimme abgelenkt ... es klingt unglaublich fremd, exotisch, schön wie eine seltene Pflanze. Fasziniert betrachtet sie François, von dem sie nicht sagen könnte, welches Alter er habe ... dreißig ... vierzig ... vielleicht fünfzig.

Douglas fragt, ob sie noch was trinken wollten. Laura nickt, François ebenso. Douglas winkt Errol heran und bestellt. Inzwischen sind auch die letzten Tische und jeder einzelne Stuhl besetzt. Die Unterhaltung ist bis zu einem Grad angeschwollen, dass sie kaum noch auszublenden ist. Laura bildet sich ein, dadurch gestört zu sein und deshalb nicht zu wissen, was sie sagen könne. In Wahrheit ist sie befangen, ohne zu ahnen, weshalb. Es ist, als würde François sie mit seiner, wie sie findet, zur Schau getragenen Selbstsicherheit einschüchtern. François sieht Laura an und sagt:

»Hast du dich denn schon ein wenig bei uns eingelebt? Wie gefällt dir dein Häuschen?«

»Das Häuschen ist ... ausreichend ... ich brauche nicht viel Komfort ...«

»Komfort ...«, setzt François nach, »... du hast ein Bett ... eine Kochgelegenheit ... einen Tisch ... Stühle ... ist das nicht Komfort!« François lacht brüllend los! Laura spürt, die Art des Lachens, dieses vollkommen unkontrollierte, den Körper schüttelnde Aussichherausgehen hätte sie sonst gestört, aber hier ... im Moment ... François ... es gehört zu ihm. An ihm mag sie dieses Lachen. Und sie fällt mit ein wie auch Douglas. Errol kommt mit den Gemütlichkeit verheißenden Getränken. Sie rücken beiseite und lassen ihn seine Arbeit tun. Sie prosten sich zu. Und François, was macht dieser François? Ungestraft tätschelt er Lauras Wange, lacht dabei wieder ausgelassen. Da ertönt aus der Ecke, von François' Tisch her ein Ruf:

»Hey François, wie wär's mit 'nem Poker?!«

»Da kann ich nicht nein sagen.«, sagt François zu Laura hin und ruft laut:

»Ich komme, teilt schon mal aus!« François steht auf, mit einem Nicken zu Douglas und Laura und ohne ein weiteres Wort verlässt er die Runde.

»Na, das war ja ein kurzer Besuch ...« Laura ist etwas enttäuscht, gleichzeitig erleichtert. Bei aller Sympathie für diesen verwegen dreinschauenden Mann, fühlte sie sich doch befangen ... Sie sieht François nach, der polternd bei seinen Kameraden angekommen ist und schon im Setzen nach den Karten greift. Laura bemerkt plötzlich, dass die Luft im Raum stickig geworden ist. Es wird geraucht. Glücklicherweise, denkt Laura, raucht Douglas nicht. Ob das schädlich ist, fragt sie sich. Douglas fragt sie nicht. Wahrscheinlich aus Angst, er wüsste keine Antwort, vielleicht auch, er wüsste sie nur zu genau. Sie bemerkt harmlos:

»Ein sympathischer Kauz!« Und weiß um die Kargheit ihrer Charakterisierung. Douglas nickt nur. Sie sieht sich erneut im Raum um. Vieles ist immer noch neu für sie, nicht nur dieser Ort ... sich gewöhnen bedeutet das nicht, sich Zeit zu lassen?.. Wieder diese Perspektive.., obschon jetzt weniger historisch. Gewöhnung bedeutet für sie doch mehr eine Frage der Körperchemie. Bedeutet aber auch ein Sicheinlassen. Noch nie hat sie sich einfach so eingelassen, es gibt immer Gründe ...

»Wie war das bei dir, warum bist du hierher gekommen?«

»Fragestunde..? Ich werd's dir irgendwann einmal erzählen, heute nicht! Für heute hast du genug gehört. Versteh' doch! Du solltest noch mit diesen Fragen warten!..«

»Es ist unheimlich wichtig für mich ...«

»Ich erzähl' es ein andermal ...«, verspricht er. Als sie aber ein enttäuschtes Gesicht zieht, fügt er hinzu, »na gut, wenn du es unbedingt möchtest, erzähl' ich dir Luckys Geschichte!«

»Mich interessiert aber deine!«

»Luckys oder gar keine!« Es ist nicht erkennbar, ob Douglas' Lächeln versöhnlich oder eher abweisend gemeint ist. Laura entschließt sich, noch einen letzten Versuch zu unternehmen:

»Weißt du, wie es François hierher verschlagen hat?

»So ungefähr, vielleicht kann er dir das selbst mal erzählen. Ich habe den Eindruck, dass du ihn ... sehr interessant ... findest ...« Sie nickt, verdrängt eine eingehende Analyse des Gedankens, ob Douglas' Aussage womöglich anzüglich gemeint war. Er sagt:

»Lucky?..«

»Erzähl' schon!« Douglas setzt noch zu einem tiefen Schluck aus seinem Glas an, dann beginnt er:

»Du hast vielleicht von Lucky – gerade heut' Abend – einen verkehrten Eindruck erhalten. Er ist eigentlich oder sollte ich sagen war ... ganz anders, als es jetzt den Anschein macht. Klar, er gehört, das weißt du nun, zur Gruppe der Zigarettenholer ... in seinem vorigen Leben war er Chemiker, ein erfolgreicher dazu. Im Alter von 22 Jahren hat er bereits promoviert. Schon ein Jahr davor gründete er mit einem Jugendfreund eine kleine Firma. Gemeinsam widmeten sie sich der Erforschung und Entwicklung von künstlichen Textilstoffen, diesen Sowieso-Tex. Bereits zwei Jahre nach Douglas' Promotion hatten sie einen Stoff entwickelt, der von der Industrie begeistert aufgenommen und produziert wurde. Die beiden jungen Unternehmer wurden schnell reich, ihre Firma wuchs, Douglas gründete eine Familie. Er vertrug sich mit seiner Frau, die wie er aus Seattle kam, ausgezeichnet ...«

»Das klingt alles ein wenig zu glatt ... nimmst du mich nicht auf den Arm?..«

»Ich schwöre, es ist die Wahrheit ... soll ich weiter erzählen?«

»Klar ...«

»Er gründete also eine Familie ...«

»Aber Moment mal, sagtest du, Lucky kommt aus Seattle, wieso verstehe ich ihn dann so gut?.. Wieso habe ich mich bis zu diesem Moment nie gefragt, welche Sprache hier gesprochen wird?? Und wenn ich jetzt darüber nachdenke ... Ich bin Italienerin ... ich rede italienisch, weshalb versteht mich dann jeder? Wird man bei der Ankunft hier von einer Art Heiligem Geist erleuchtet, um ein babylonisches Sprachengewirr zu vermeiden?...« Laura schlägt beide Hände vors Gesicht:

»Douglas, welche Sprache spreche ich, welche sprichst du? Douglas, woher kommst du?« Douglas nimmt ihre Hände in die seinen, streichelt sie und redet behutsam auf Laura ein:

»Reg' dich nicht auf ... Lass dir Zeit, du darfst nichts überstürzen ...« Laura macht ein entschlossenes, gleichzeitig banges Gesicht, während sie nachhakt:

»Douglas, sag' mir, woher du kommst!«

»... aus Schottland ...«

»... und du redest Englisch oder gar ... wie heißt das ... Gälisch?!« Douglas Griff wird fester.

»Laura, bleib ruhig! Du musst dir einfach Zeit lassen«

»Zeit, Zeit, Zeit, was heißt das schon, Zeit, es gibt doch gar keine Zeit hier!..« Laura hat zu schreien begonnen. Einige Blicke von Nachbartischen fixieren sie kurz, wenden sich aber gleich wieder ab. Ob sie wissen, welcher Teil des allgemeinen Dramas sich am Nebentisch abspielt?

»Es gibt Zeit, wenn auch in anderer Form ...«, entgegnet Douglas.

»Was heißt das: in anderer Form? Fließt sie rückwärts oder in Schleifen, ja das wird's sein, wir drehen uns im Kreis. Seit ich hier bin, hat sich noch nichts ereignet. Jeden Abend sitzen wir hier, dieselben Leute an den Nebentischen. Vorher hat irgend so ein armer Trottel versucht, Eingang zu finden und – natürlich! – versagt.«

»Heute Abend haben wir getanzt!«, sagt Douglas.

»Wenn es nicht eine endlose Wiederholung ist, was ist es dann? Was bedeutet: die Zeit habe eine andere Form?«

»Du wirst es verstehen lernen, du kannst nicht alles auf einmal haben. Heute bist du offensichtlich erstmalig bereit, überhaupt einen Wandel zu akzeptieren. Nach und nach wirst du die Qualität der Veränderungen einzuschätzen lernen .«

»Ich möchte es jetzt wissen, verstehst du Douglas, jetzt! Sprichst du Gälisch mit mir, Herrje, ich verstehe Schottisch und weiß nicht einmal, was das bedeutet. Wahrscheinlich trägst du ein Schottenröckchen und ich seh' ne Jeans, ist das alles eine Illusion ... bin ich tot! Vielleicht liege ich auf dem Meeresgrund und diese ...«, sie deutet zu den Tapeten, »Fischchen knabbern an mir rum.«

»Was für ein Unsinn, natürlich bist du nicht tot! Du bist hier in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten ...«

»Von Leidensgenossen, willst du wohl sagen?..«

»Nein! ... ja, zum Teil sind es auch Leidensgenossen, viele haben aber diesen Ort freiwillig gewählt ... Lucky zum Beispiel ... soll ich weiter von Lucky erzählen?.. Es ist interessant ... es wird dir helfen zu verstehen ...« Laura schweigt lange Sekunden, ringt sich dann zu einem entschlossenen ›Erzähl'!‹ durch. In diesem Moment setzt die Musikbox wieder ein, irgendein Witzbold hat Tom Dooley gewählt, was wunderbar zu Lauras Stimmung passt. Sie verzieht angewidert das Gesicht. Douglas versucht diese Tatsache zu ignorieren, fährt fort:

»Also, Lucky gründete mit Glenda ...«

»Herrjemine, Glenda, wie kann ein Mensch in unserer Zeit sein Kind Glenda nen...« Laura unterbricht sich. Einerseits registriert sie ihre Hysterie, andererseits beginnen ihre Gedanken beim Ausdruck unsere Zeit abermals wilde Sprünge zu vollziehen, während ein Sopran ›Hang down your head Tom Doooleeey ... hang down your head and cry‹ trällert. Im selben Moment erschüttert den Saloon ein so mächtiges Krachen, dass die meisten Gäste erschreckt nach oben sehen. Durch die Decke des Raumes die Ursache der Erschütterung ergründen zu wollen, ist jedoch sinnlos. Im nächsten Moment klatscht Errol in die Hände, gleichzeitig schreiend:

"Auf Herrschaften, auf! Alles in den Schutzraum! Los los! Trödelt doch nicht so!" Von Trödeln kann keine Rede sein. Alle sind sofort aufgesprungen, auch Douglas, und Laura hat es ihm gleichgetan. Lucky hat inzwischen mit seinem heutigen Kontrahenten, den Tisch an dem sie saßen, zur Seite geschoben und eine Kellerluke geöffnet. In diesem Moment sieht Laura die ersten Gäste im Keller verschwinden. Schon ist der Körper von François halb im Boden verschwunden, im nächsten Moment ist er ganz weg, und die nächsten Gäste drängen nach. Douglas nimmt Laura wie ein hilfloses, kleines Mädchen an der Hand und führt sie zum Einstieg. Bemüht schnell steigen sie eine behelfsmäßige Treppe hinunter. Laura erkennt trotz schwacher Beleuchtung einige Bänke, von denen zwei schon vollständig besetzt sind. Einen Moment zögert sie, in welche Richtung sie sich wenden soll. Da wird sie unsanft von hinten geschubst. Sie fährt nach hinten, um loszudonnern. Douglas kommt ihr zuvor. Behutsam, aber entschlossen fasst er sie an den Schultern und führt sie zu einer noch freien Bank im hinteren Teil des Kellers. Sie setzen sich. Laura ist vollkommen konfus, registriert aber, dass Douglas gelassen wirkt; eine unmittelbare Gefahr scheint nicht zu bestehen. Trotzdem ist Laura aufgewühlt, weiß auch darum und versucht ihre Frage möglichst ruhig zu fassen:

»Was ist hier los?«

»Massenheimsuchung« Nur dieses eine Wort sagt Douglas.

»Massenheimsuchung?«

»Es geschieht selten, ich habe es bisher erst einmal erlebt, aber es kommt eben vor: eine Massenheimsuchung, das heißt so viele Menschen versuchen gleichzeitig, Eingang zu finden, dass das gesamte Gefüge ins Wanken gerät ... hörst du den Sturm ... und das ist noch gar nichts ... du darfst dich nicht beunruhigen lassen, das wird noch wesentlich schlimmer werden ... aber uns kann nichts geschehen. Irgendwann beruhigt es sich auch wieder. Von den vielen, die versuchen, hereinzukommen, werden viele wieder aufgeben, einige Dutzend könnten es schaffen!«

»Einige Dutzend?!«

»In einigen Stunden bist du nichts Besonderes mehr, da gibt es jede Menge Küken ...«

»Küken?«

» ... so nennen wir die Neuen hier: Küken. Noch bist du das Küken ...«

»Danke Schön!«

»Keine Ursache« Douglas lächelt und rückt näher an Laura heran. Er umfasst ihre Schultern, während das Donnern vorerst in ein anhaltendes Heulen übergegangen ist.

»Versuch' nicht die Situation auszunützen!«

»Ist das eine Einladung?!« Douglas' Schmunzeln verschwindet sofort aus seinem Gesicht, weil Laura schluchzend in sich zusammenbricht. Douglas drückt sie enger an sich. Es gelingt ihm kaum, Lauras Körper ruhig zu halten; ein verzweifeltes Rütteln und Aufbäumen hat ihn erfasst.

»Komm leg' dich hin, es ist genug Platz auf der Bank. Es wird dir gleich wieder besser gehen...« Laura schüttelt ablehnend den Kopf, wehrt sich aber nicht, als Douglas aufsteht und ihr dabei hilft, sich auszustrecken. Dann setzt er sich ans Ende ihres Kopfes, nimmt ihn behutsam auf, rückt näher und bettet ihn auf seinen Schoß. Er greift an ihre Stirn, prüft und stellt fest, sie habe etwas erhöhte Temperatur, was nur verständlich sei bei den heutigen Ereignissen. Laura sagt nichts. Sie hört dem Heulen des Windes nach, das wieder stärker geworden ist. Erneut hebt ein mächtiges Donnern an, ihr gesamter Körper bebt mit. Douglas flüstert ihr beruhigende Worte ins Ohr. Sie spürt, wie alles vor ihrem inneren Auge verschwimmt. Im nächsten Moment wird Lauras Welt schwarz.

* * *

Das nächste, was Laura wahrnimmt, ist Douglas Hand an ihrer Stirn. Sie könnte nicht sagen, ob sie zehn Sekunden oder zehn Stunden weg war. Dass sie trotz der ungemütlichen Liegestatt noch keine Gliederschmerzen verspürt, spricht für erstere Annahme. Sie ist Douglas für seine psychologisch einfühlsame und praktische Hilfestellung sehr dankbar. Sie fasst seine Hand an ihrer Stirn und drückt sie sanft, ihre Augen sind nach wie vor verschlossen. Über die Tatsache, plötzlich diese Stimme wiederzuhören, diesen Klang, erschrickt sie. Das passt nicht zu Douglas, das ist nicht Douglas ... sie schlägt die Augen auf. François grinst ihr breit entgegen. Sie liegt in François‘ Schoß. Erschreckt fährt sie hoch. Es ist ihr fürchterlich peinlich. Sie sagt:

»Wo ist Douglas, wie viel Zeit ist vergangen?«

»Ganz ruhig ... du warst etwa eine Stunde weggetreten ... Wie fühlst du dich, Kleines? Willst du dich noch ein wenig ausruhen ... leg dich ruhig wieder hin ... « François deutet auf seinen Schoß und lässt wieder sein brüllendes Lachen vernehmen.

© by Janko Kozmus