|
|
|
|
|
1949
Am 15. Oktober wird Boualem Sansal in Tenient el Had,
einem Dorf in der Nähe von Oran, Algerien, geboren.
1950er
Als der Vater bei einem Unfall ums Leben kommt, zieht
die Mutter mit ihren vier Kindern, alles Jungen, zu ihren
Eltern nach Vialar (heute Tissemsilt), Südwest-Algerien.[1]
1956
zieht
die Familie wegen des Unabhängigkeitskriegs nach
Algier, wo sie im Viertel Belcourt leben wird.[1]
|
|
|
1960er
Klassisch gymnasiale Bildung mit den Fächern Latein u. Altgriechisch.
|
1968
Beginn des Ingnieurstudiums in Algier, an der Ecole polytechnique.
|
1970
u. 80er
Abschluss des Ingnieurstudiums: Diplom. Danach Doktorstudium im
Bereich Industrielle Wirtschaft und Promotion. Parallel dazu Statistikunterricht
an der Ecole polytechnique und Unternehmensforschung in
einem Management-Institut, die in zehnjähriger Tätigkeit
als Lehrer und Berater mündet.[1] |
1986
Ernennung
zum Generaldirektor einer öffentlichen Consulting-Firma für den
Bereich Geschäftsführung und Informatik. |
1992
Beginn seiner Beratertätigkeit als hoher Beamter im Industrieministerium. |
1992-1994
Publikation
zweier technischer Fachbücher, über "das Messen
von Produktivität" sowie über "das Nachbrennen
in Turboreaktoren". |
|
1999
Le
serment des barbares[2]
(dt. Der Schwur der Barbaren, Übersetzung: Regina
Keil-Sagawe, Gifkendorf 1999), Roman, Paris.- In dem Städtchen
Rouiba werden am selben Tag zwei Männer ermordet, der einflussreiche
Moh und der mittellose, kürzlich aus Frankreich zurückgekehrte
Landarbeiter Abdallah Bakour. Kommissar Si Larbi entdeckt, dass
die beiden Taten in Zusammenhang stehen. Die Untersuchung gerät
schnell zu einer Kritik der Verhältnisse des Landes.
Ausgezeichnet
mit dem Prix Tropiques für Le serment des barbares.
Ausgezeichnet
mit dem Prix du Premier Roman für Le serment
des barbares.
|
2000
L‘enfant
fou de l‘arbre creux (dt: Das verrückte Kind aus dem
hohlen Baum, Übersetzung: Regina Keil-Sagawe, Gifkendorf
2002), Roman, Paris. - Im Mittelpunkt dieses satirischen Romans
stehen zwei zum Tode Verurteilte in einem algerischen Gefängnis:
Der in → Algerien
geborene
Franzose Pierre, der auf der Suche nach seiner Identität
und seiner leiblichen Mutter heimlich ins Land zurückgekehrt
war und der Algerier Farid, der sich an den Grausamkeiten der
Islamisten beteiligt hat. Während im Hof ein Kind angekettet
ist[3],
unterhalten sie sich über das Leben, über die Welt und
Algerien. Da meldet sich eine Menschenrechtskommission zum Besuch
an. Die Gefängnisverwaltung gerät in Panik. |
2001
Ausgezeichnet mit dem Michel-Dard-Literaturpreis für L‘enfant
fou de l‘arbre creux. |
2003
Dis-moi
le paradis [4](dt:
Erzähl mir vom Paradies, Übersetzung: Regina
Keil-Sagawe, Gifkendorf 2004), Roman, Paris. - In der "Bar des
Amis" im berühmten Stadtteil "Bab el Oued" von
Algier treffen sich einige Freunde - ein Schriftsteller, ein Arzt,
ein Verliebter und der Wirt, ein ehemaliger Widerstandskämpfer
- in gemütlicher Runde. Während sie rauchen und trinken,
erzählen sie die unglaublichsten Geschichten über ihr
Land.
Journal intime et politique, Algérie 40 ans après
(Persönliches und Politisches Tagebuch, Algerien, 40 Jahre
danach), gemeinsam mit Maïssa Bey, Mohamed Kacimi, Nourredine
Saadi, Leïla Sebbar.
Kündigung
durch das Industrieministerium wegen seiner kritischen Haltung[5].
|
2005
Harraga (dt: Harraga;
Übersetzung: Riek Walter. Gifkendorf 2007), Roman. Paris
2005. - Im Mittelpunkt des Romans steht eine abwesende Person,
ein Harraga, wie man in Algerien Emigranten bezeichnet.
Bei der wohlhabenden und unverheirateten Ärztin Lamia taucht
eines Tages die junge und lebensfrohe Chérifa auf. Sie
behauptet von Lamias verschollenem Bruder schwanger zu sein. Mit
ihrer Anwesenheit zwingt sie Lamia, die vor der autoritären
und männlich dominierten Realität die Flucht nach innen
angetreten hat, sich erneut mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen. |
2006
Poste restante : Alger : Lettre de colère et d'espoir à mes
compatriotes (Postlagernd: Algier: Zorniger und hoffnungsvoller
Brief an meine Landsleute; Übersetzung: Ulrich Zieger. Gifkendorf
2008), Essay. Paris 2006.[6] |
2007
Petit éloge de la mémoire : Quatre mille et une années de nostalgie
(Kleine Lobrede auf die Erinnerung: Viertausend und ein Jahr der
Nostalgie). |
2008
Le village de l'Allemand : Ou Le journal des frères Schiller
(dt: Das Dorf des Deutschen; Übersetzung: Ulrich Zieger.
Gifkendorf 2009), Roman. Paris 2008. - Die beiden Brüder
Rachel (für Rachid-Helmut) und Malrich (für Malek-Ulrich)
Schiller leben in einem Pariser Vorort, während ihre Mutter,
eine Algerierin und ihr Vater, ein Deutscher, in der algerischen
Heimat, in einem Dorf verblieben sind. Bei einem Attentat von
Islamisten werden die Beiden getötet. Durch dieses Ereignis
gerät die Familiengeschichte in Bewegung; die Brüder
erfahren, dass ihr Vater Hans Schiller - Held der Nationalen Befreiungsfront
Algeriens - ein ranghoher SS-Offizier war.[7]
Ausgezeichnet
mit dem Prix
Louis-Guilloux für Le village de l'Allemand : Ou Le journal
des frères Schiller.[8]
|
| Boualem
Sansal lebt mit seiner Frau und seinen beiden erwachsenen Töchtern
in der Nähe von Algier, in Boumerdès. |
|
|
|
"Das
erste Mal, als ich Dich an der Rezeption eines algerischen Hotels
traf, habe ich Dich lange beobachtet: Du bist jemand, der nicht
unter Menschen geht, Du bist reserviert und Du redest wenig.
Ich glaube gar, dass Du jemand bist, der schüchtern ist."
- Ali Ghanem in einem Interview, in: Quotidien d'Oran,
v. 24.09.2000.
|
|
"Boualem
Sansal genießt diese kleine Fluchten. Sicher lenkt er seinen
alten Wagen durch die hochgelegenen Stadtteile Algiers. Zu Fuß
geht der 57-jährige Schriftsteller nur noch ungern, seit der
Terror seine Heimat Algerien in den 90er-Jahren heimgesucht
hat. (...) 'Heftige Kritik kann man nicht glaubwürdig vom Ausland
aus üben', sagt Sansal mit sicherer Stimme, bevor er die Rundfahrt
auf den Höhen Algiers beendet." Reiner Wandler, Das
unbequeme Gewissen Algeriens, taz v. 13.12.2007.
|
|
|
| 1)
Die Daten zu Kindheit, Studium und Ingenieurstätigkeit sind
zitiert nach Angaben der Sansal-Seite des Merlin
Verlags, der das
Werk des
algerischen Autors in deutscher Übersetzung herausgibt. |
2) In einem Interview
für das englischsprachige Algeria Interface fragt
Zineb Moussaoui den Autor, der bis dahin rein technische Bücher
verfasst hatte, wie es zu diesem ersten Roman kam. B.S. entgegnet,
das Buch sei als Antwort auf die "unerträgliche Gewalt,
ausgeführt von Barbaren" in seinem Lande zu verstehen
... Im Übrigen seien nicht nur die Terroristen die Barbaren,
eine Anspielung auf die Verhältnisse, auf die Si Larbi, der
Protagonist des Buches, bei der Untersuchung von zwei Mordfällen
in den Bildungs-, Rechts- und Bildungsinstitutionen des Ortes
Rouiba stößt. Ob er nicht tatsächlich - wie ihm
seine Kritiker entgegenhielten - ein "koloniales Paradies"
beschreibe, indem er dem alten Rouiba nachtrauere? Die französischen
Kleingewerbetreibenden, die er vor 1962 erlebt habe, seien ganz
gewöhnliche Europäer gewesen, die sich niedergelassen
hatten, antwortet Sansal. - Der erste Romanentwurf, erzählt
Sansal weiter, stand in vier Monaten, dann habe er zwei weitere
Jahre daran gearbeitet, um ihn zu perfektionieren; irgendwann
musste es zu einem Ende kommen. Und er war erleichtert. (Vgl.
Zineb Moussaoui, INTERFACE INTERVIEWS BOUALEM
SANSAL, in: Algeria Interface)
Der Roman wurde inzwischem unter der Regie von Yves Boisset verfilmt;
das Drehbuch schrieb Jorge Semprun, die Hauptrolle übernahm
Omar Sharif. |
| 3)
In einem Interview mit Daniel Bermond für die Revue LIRE
verweist Sansal auf die symbolische Funktion der Figur des stummen
Kindes im Gefängnishof; es steht für die Situation seines
Landes. |
| 4)
Anlässlich
des Erscheinens dieses Romans wurde B.S. in einem Interview gefragt,
was für ihn das
Paradies bedeute.
Sansal antwortete: "Das ist das Leben mit seinen guten und
schlechten Seiten. In dem Moment, in dem man es akzeptiert, wie
es ist, ist es schon das Paradies. In dem Moment, in dem man nicht
mehr zufrieden ist, verwirft man alles, was einem begegnet und
man ist in der Hölle. Das Leben ist paradiesisch, wenn man
es akzeptiert. Es sind die kleinen Sachen des alltäglichen
Lebens. Das ist sehr schön. In dem Moment, in dem man beginnt
wählerisch zu werden, akzeptiert man Verschiedenes nicht
... man begibt sich selbst in die Hölle". (Vgl. Interview
v. O. Hind, in: L'Expression v. 2.04.2003) |
| 5)
In einem Interview mit Ali
Ghanem für die algerische Tageszeitung Quotidien
d'Oran bezeichnet Boualem Sansal im Mai des Jahres
2003 seinen Chef, den Industrieminister El-Hachemi Djaaboub, als
Islamisten.
|
6)
Boualem Sansals Bücher sind in seiner algerischen Heimat,
wo er immer noch lebt, verboten und erscheinen seit Jahren im
Original in Paris.
In der Form eines offenen Briefs prangert Sansal in Postlagernd:
Algier "nicht nur" die Missstände in seiner
algerischen Heimat an; er richtet sich neben seinen Landsleuten
an alle aufgeklärten Menschen. Postlagernd:
Algier
sei "eine Streitschrift in guter alter französischer Tradition",
schreibt Reiner Wandler in der taz. |
| 7)
In einem Interview von Grégoire Leménager
anlässlich der Buchveröffentlichung nimmt dieser Bezug
auf die Aussage einer der Hauptfiguren des Romans, die den Imam
im Pariser Vorort wie einen SS-Angehörigen wahrnehme, und
"...wenn ich sehe, was die Islamisten hier und anderswo machen,
dann sage ich mir, dass sie die Nazis noch übertreffen werden,
eines Tages, wenn sie an der Macht sind". Daran angeschlossen
die direkte Frage: "Inwieweit teilen Sie diesen Standpunkt?"
Sansal antwortet: "Wir leben unter einem national-islamistischen
Regime und einer von Terrorismus geprägten Umgebung, und wir sehen
sehr wohl, dass die Grenze zwischen Islamismus und Nazismus dünn
ist ...). Vgl. "La frontière entre islamisme et nazisme est
mince", Grégoire
Leménager. in:
Le
Nouvel Observateur v. 10.01.2008. (Übersetzung: www.perlentaucher.de
und J.K.)
- Siehe auch das Video von radioalger
zum Gespräch über das Buch! |
| 8)
Der Preis wird seit 1983 jährlich an einen frz.-sprachigen
Schriftsteller vergeben, dessen Werk in Sprache und Geist den
Werten des bretonischen Vorbilds Louis Guilloux verpflichet ist,
das sich gegen "jegliche Schwarzmalerei" und die "Aufopferung
des Individuums für eine abstrakte Ideologie" richtet.
|
Wichtigste
Quellen:
| Interviews: |
Zineb
Moussaoui, INTERFACE INTERVIEWS BOUALEM SANSAL, in: Algeria
Interface v. 3.02.2000
Ali Ghanem, L’actualité ça se vend, l’Algérie
aussi, in: Quotidien d'Oran, v. 24.09.2000.
Ali Ghanem, Boualem Sansal, ou le "Paradis d'écrire",
in: Quotidien d'Oran, v. 8.-10.05.2003.
O.
Hind, in: L'Expression v. 2.04.2003 |
|
|
|
|
INTERFACE
INTERVIEWS BOUALEM SANSAL, Zineb Moussaoui, in: Algeria
Interface (in engl. Sprache) |
|
Das
unbequeme Gewissen Algeriens, v. Reiner Wandler, taz v. 13.12.2007. |
| Boualem
Sansals deutscher Verlag: Merlin-Verlag |
|
|
|
2004-2010
© by Janko Kozmus
|
|
|
Die Straßenverbrenner (zu: Harraga) |
|
|
|
Assia Djebar, Algerien
|
Yasmina Khadra, Algerien |
Hamid Skif, Algerien |
Alaa al Aswani, Ägypten |
|
Tahar Ben Jelloun, Marokko
|
Tarek Eltayeb, Sudan |
Gamal al-Ghitani, Ägypten |
|
Khalil Gibran, Libanon
|
Mohammed Khaïr-Eddine, Marokko |
Sahar Khalifa, Palästina |
|
Elias Khoury, Libanon
|
|
Ibrahim al-Koni, Libyen
|
|
Amin Maalouf, Libanon
|
|
Nagib Machfus, Ägypten
|
|
Alia Mamduch, Irak
|
|
Nawal El Saadawi, Ägypten
|
|
Rafik Schami, Syrien/Deutschland
|
|
Miral al-Tahawi, Ägypten
|
Najem Wali, Irak |
|
Mustafa Zikri, Ägypten
|
|
|
|