Wassermusik
ist der erste Roman des 1948 im Bundesstaat New York geborenen
Schriftstellers Thomas Coraghessan Boyle. Ein Werk, dessen Erscheinen
den Leser wie ein Paukenschlag traf, erinnernd an jene Pauken,
die in der Partitur von Händels Wassermusik, die vorgeblich
für eine Lustfahrt von König George I. auf der Themse komponiert
wurde, zwar nicht auftauchen, in den Aufführungen jedoch häufig
verwendet werden. Besagtes Ereignis hat im Übrigen, wenn überhaupt,
knapp hundert Jahre vor der Romanhandlung stattgefunden. Der
Autor selbst stellt einen direkten Zusammenhang zu Händels Werk
nirgendwo her. Nach eigener Aussage bezweckte er mit dem Titel
"die Neudeutung des historischen Romans aus der Sicht eines
schnöseligen Besserwissers ("wiseguy") des 20. Jahrhunderts".
Gleichwohl ist das Werk durchspült von dem Rhythmus, von der
"Musik des Wassers", was nicht verwundern kann, steht in seinem
Mittelpunkt doch die Erforschung der an einem afrikanischen
Strom gelegenen Gebiete.
Nach
der Abspaltung der amerikanischen Kolonien war das Ende der
ersten Blüte des British Empire besiegelt. Doch fackelte der
länderfressende Moloch nicht lange und wandte sich anderen territorialen
Verlockungen zu. Es galt die Reize Ozeaniens zu ermessen und
Asiens Geschichte neu zu schreiben und nur vervielfachte Anstrengungen
und übermenschlicher Mut waren imstande, sich nicht nur den
Rändern jenes schwarzen Lochs zu nähern, das das Unbekannte
symbolisiert, den Blick an seine Tiefe zu verlieren, sondern
seiner Sogwirkung zu widerstehen und es gleichzeitig zu schmecken,
zu riechen, zu erleiden, sein Inneres in allen erdenklichen
Facetten auszuloten, das Innere Afrikas.
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| Mungo
Park - Reisen
ins innerste Afrika |
In
weiten Teilen ist Wassermusik ein Roman über den Versuch
der Erforschung Westafrikas. Boyle folgt dabei, soweit es die
beschriebene Route angeht, eng den autobiographischen Aufzeichnungen
seines Protagonisten Mungo Park. Anderes, vornehmlich die Beschreibung
dessen Führers Johnson, ist frei interpretiert und die Parallelhandlung
- mit Ned Rise im Mittelpunkt - weist keinen historischen Hintergrund
auf. Zwei ausdehnte Expeditionen führten Mungo Park um 1800
nach Westafrika. Der Fluss Niger hatte es dem Schotten angetan.
Von dessen Erkundung konnte ihn selbst seine Liebe zu Ailie
Andersen, der Tochter des Landarztes, bei dem er in die Lehre
gegangen war, nicht abhalten. Treu an Parks Seite steht der
Afrikaner Johnson, eine interessante Figur nach realer Vorlage,
die als Roman-Johnson aber jene Überzeichnung erfährt, die typisch
erscheint für diesen ersten Roman und für das gesamte literarische
Schaffen Boyles. Der Roman-Johnson erinnert einerseits an Robinsons
Freitag, rückt gleichzeitig seemeilenweit von dieser Figur ab.
Als ein Wanderer zwischen zwei Welten, als ein mit Bildung ausgestatteter
Dandy steht er weit über dem Durchschnitt der damaligen und
auch der heutigen Europäer hinsichtlich Sprachbegabung und Wissen.
So beansprucht er beispielsweise, für seine Dienste nicht mit
barer Münze entlohnt zu werden, sondern mit einer Shakespeare-Ausgabe.
Immer wieder ist es Johnson, der "Mr. Park" mit Gerissenheit
und klugem Rat zur Seite steht und dessen jugendliche Naivität
und himmelschreiende Hilflosigkeit entlarvt. Mit Finesse und
dem Einsatz von - auf afrikanische Verhältnisse zugeschnittener
- Diplomatie bewahrt er Mungo Park und seine Mannen vor dem
gierigen Zugriff lokaler Fürsten und Könige, was nicht immer
gelingen will. Die Expedition gerät mehrfach in Gefangenschaft
und verliert nach und nach ihre Mitglieder. Die Gelegenheit,
einen solchen Inhalt mit skurriler Dynamik aufzuladen, ergreift
der Sprachenthusiast T. C. Boyle nur zu gern. Dabei lässt die
parallele Beschreibung des Lebens von Ned Rise in London ebenso
wenig an Spannung zu wünschen übrig, zu der der permanente Wechsel
in der Perspektive seinen strukturellen Beitrag leistet.
Mit
der Gestaltung der teilweise absurden Versuche des Underdog
Rise, nach einem Schlag des Schicksals ohne zu zögern - Nomen
est omen: - "aufzuerstehen" und der auf derselben Ebene befindlichen
Beschreibung der zähen Verfolgung des Ziels durch Mungo Park,
der sich weder durch tödliche Gefahren noch durch eigene Unzulänglichkeiten
beirren lässt, "Ich werde den Lauf dieses Flusses kartographieren
und wenn ich vorher nackt durch die Hölle tanzen muß", reift
das Buch Wassermusik zu einem Schelmenroman nach großem
Vorbild heran. Erst gegen Ende des Erzählwerks begegnen und
vereinen sich dessen Hauptfiguren. Mit Ironie, unabdingbarer
Bestandteil des handwerklichen Repertoires eines jeden pikaresken
Romans, befeuert auch T.C. Boyle seinen Sprachwitz. Bereits
in den Erzählanfängen thematisiert er in ihrem Geist mangelnde
Sprachkenntnis als Grundproblem des Afrikaforschers: "Zwar war
der Entdeckungsreisende von freundlichem und entgegenkommendem
Naturell, doch wiesen seine Kenntnisse des Arabischen gewisse
Lücken auf".
Die
Beschreibung der Taten der beiden Schelme spiegeln zwangsläufig
ihre äußeren Verhältnisse wider. Hier thront das Kernstück des
britischen Reichs und da erstrecken sich die von "Wilden" bevölkerten,
"barbarischen" Reiche Westafrikas, reichlich Gelegenheit für
den Leser zum Vergleich beider Lebenswelten. So fragt er sich
denn auch ein ums andere Mal: Woher denn der Bewohner der westlichen
Hemisphäre den Mut und die Zuversicht nehme, der eigenen Welt
den Stempel "zivilisiert" aufzudrücken, sie als zu umschmeichelndes
Gegenstück jener anderen zu begreifen und bewahren zu wollen?
Boyle stellt dem dreckigen, stinkigen, von Mosquitos gequälten
Inneren Afrikas nicht die kultivierte, belesene, die aufgeklärte
Metropole der bürgerlichen oder Oberschicht entgegen. Er breitet
vor dem Leser ein ebenso stinkendes und schmutzstarrendes Milieu
aus, das London der untersten Schichten, des Oliver Twist, -
oder um es mit dem Wort eines Deutschen auszudrücken, der ein
halbes Jahrhundert später im Zentrum des Empires leben wird:
- des Lumpenproletariats, das über den Überlebenstrieb
hinaus nur von einem einzigen Bedürfnis getrieben wird: von
Habsucht.
Das
gesittete, das friedliche Leben Europas findet der Leser in
Ailies Schottland vor, wiewohl der direkte Vergleich unpassend
erscheint, handelt es sich bei diesen Romanabschnitten eher
um eine Innen- und Seelensschau als um eine Darstellung äußerer
Verhältnisse. Verbunden sind diese Welten durch den Briefwechsel
der Liebenden und späteren Eheleute. Aufschlussreich ist das
Postskriptum jenes Briefes Mungo Parks an Ailie, in dem er dieser
- nach heimlichen Vorbereitungen - seine zweite große Reise
nach Westafrika ankündigt. Die erste - soviel sei verraten -
war ein großer (Teil-)Erfolg, barg aber ebenso viele Haarsträubereien
in sich wie die zweite, deren Triebfeder keiner Erläuterung
bedarf: "Ich höre es in meinen Träumen, höre es des Morgens,
wenn ich erwache und die Vögel in den Bäumen singen - ein Rascheln,
ein Raunen - den Klang von Musik. Weißt du, was das ist? Der
Niger. Rauschend und tosend braust er seiner verborgenen Mündung
entgegen, ins Meer hinaus. Ich höre das ständig, Ailie. Tag
und Nacht. Musik."
Der
Roman Wassermusik stellt ein einziges sprachliches
Erdbeben dar, eine semantische Eruption, einen Wortvulkan, der
seine Tätigkeit niemals aufgibt, der sich zwischendurch nur
mal kurz räuspert, denkt er an Schottland, an die sensiblen
Briefe, an Ailies Sinn und Sinnlichkeit, um im nächsten Moment
wieder loszuspucken, dass einem Hören und Sehen vergeht. Eingenebelt
vom hochgewirbelten Wortrauch starrt man ungläubig auf ihre
Bedeutungszeichen, ihrem Sinn nicht trauend: Das ist doch nicht
möglich! Was diesen Figuren widerfährt, ist von einer anderen
Welt, es hat nichts mehr gemein mit den Wegen, die bis dahin
meist strahlende Heroen betraten. Auch die mochten schon als
dreckig, gar unbegehbar beschrieben gewesen sein, aber hier
schlagen einem die Ausdünstungen von Londons Drecksgassen und
Afrikas Schlammpfaden mit einer Intensität entgegen, dass man
sich die Nase zuhalten möchte. Die sprachgewaltige Welt des
Thomas Coraghessan Boyle - eine Art Prototyp und Vorbild vieler
Nachahmer - war geboren, ausgestattet mit sämtlichen Reizen
und Reizungen, die das menschliche Sensorium aufzunehmen in
der Lage ist. Und sind doch bloß Wörter. |