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Leseprobe:
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Endlich
war der Redakteur zufrieden. Nun wurde der Dichter zum Intendanten
beordert. Händeschütteln, große Worte von Ehre und unverbrüchlicher
Freundschaft und die Einladung, eine Serie von Sendungen
zu übernehmen. Als Mann spontaner Entschlüsse - solange
sie seinen Prinzipien entsprachen - krempelte Hikmet sogleich
die Ärmel hoch, um an Ort und Stelle über Einzelheiten zu
verhandeln. Doch, erfahren im Umgang mit ihren bürokratischen
Vorgesetzten, drängte die Dolmetscherin freundlich aber
bestimmt zum Aufbruch. Noch an der Tür übermittelte sie
dem Dichter Grüße von Neruda, der sein Pflichtprogramm bei
Rundfunk und Parteikadern bereits absolviert hatte. Hikmet
hatte seinen Gruß an die Teilnehmer des Festivals vom Vortage
gehört und war hingerissen von dem Pathos dieser Friedensbotschaft,
auch wenn er kein Wort verstanden und sich nur grobe Züge
hatte übersetzen lassen.
Seine Miene hellte sich auf. Leicht irritiert von dem doch
etwas abrupten Ende des Gesprächs mit dem Intendanten, mochte
er sich den Kopf an einem solch schönen Tag nicht über launige
Bürokraten zerbrechen. »Wo hast du ihn gesehen, Genossin?«
fragte er die Dolmetscherin. Statt zu antworten, lächelte
sie spitzbübisch: »Er erwartet Sie. Wir fahren Sie
gleich hin!«
Von
Weitem schon erkannte er ihn. Die unvermeidliche Schirmmütze,
ein leichter Pullover über dem Hemd trotz der Augustwärme
und im Mundwinkel die Pfeife. Die großen, klugen Augen auf
zwei junge Mädchen gerichtet, die ihm am Tisch gegenübersaßen
und aufgeregt auf ihn einsprachen. Ein leichtes Schmunzeln
um den Mund. Als Hikmet heran war, erhob sich der Chilene
und umarmte ihn freudig: »Merhaba, kardas!«
Hikmet lachte: »Du lernst noch Türkisch, bevor ich
einen Satz auf Spanisch zustande bringe, hermano querido!«
Schon hatte jemand einen Stuhl herangezogen und die Freunde
hatten keine Augen und Ohren mehr für all die jugendlichen
Bewunderer rings umher. Hikmet beglückwünschte den großen
Chilenen zu der gelungenen Rundfunkansprache.
»Exil, mein Freund«, erwiderte Neruda bedächtig
lächelnd, »ist wie ein neues Gefühl für Heimat.«
»Heimat als Exil, warum nicht?« stimmte Hikmet
zu. »Vielleicht ein schaler Geschmack auf der Zunge,
wenn man zulange auf diesem Wort herumkaut. Doch ohne den
dumpfen, den fauligen Gestank der Kerker. Aber«, unterbrach
er sich mit einem Lachen, »lass uns nicht vom Exil
reden. Wes täglich Brot es ist, der redet doch viel lieber
von der Heimat. Das Land, seine Menschen, seine Bäume, seine
Wasser...«
»Der Bosporus lässt dich nicht los. So geht es uns
allen, die wir das Meer kennen. Wenn ich an Valparaiso denke...«
»Fallen dir zuerst die Frauen ein!« lachte Hikmet.
...
2003
© by Sabine Adatepe
Dieselbe
Autorin hat einen weiteren interessanten Text verfasst -
für das 19. Jh.:
I
d e a l u n d R e a l i t é
von S a b i n e A d a t e p e
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