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     M. Frisch - B. Brecht
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Last Update: 31.05.05


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BEGEGNUNGEN AUS DER TINTENWELT

D e r   A u g e n z e u g e
M a x   F r i s c h   b e g e g n e t   B e r t o l t   B r e c h t
    Z ü r i c h   1 9 4 8    
von  E w a   B i e l s k a

Leseprobe:

...

Ein großes Fenster setzte den Blick auf den See und die Berge frei. Brecht schätzte es allerdings nicht wegen der herrlichen Aussicht, sondern wegen des Lichts, der Helle, wie er zu sagen pflegte. Der Natur galt sein Interesse weniger als der Gesellschaft; schließlich galt es diese zu verändern. Das Zimmer ließ Gemütlichkeit nicht aufkommen; die wäre Brecht unerträglich gewesen. Selbst wenn sie in einem Gespräch ansatzweise auftauchte, setzte er ihr ein rasches Ende. Eine gemütliche Unterhaltung wäre ihm als Zeitverschwendung erschienen. Die Einrichtung vermittelte einen provisorischen Eindruck; als ob man alles mit wenigen Griffen in Koffer packen könnte, um den Ort innerhalb kürzester Zeit zu verlassen. Brecht war in der Rolle des Flüchtlings gefangen, der schon viele Bahnhöfe verlassen hatte, ein Passant unserer Zeit, während des Exils nirgends auf einen längeren Aufenthalt eingerichtet, öfter die Länder als die Schuhe wechselnd. Auch in Herrliberg war er Bewohner nur auf kurze Zeit, sein endgültiges Ziel sollte, und zwar schon bald, Berlin sein. Er saß da mit dem etwas schräg geneigten Kopf, die graue Schirmmütze wie immer in die Stirn gezogen, im Gesicht der wohl bekannte konzentrierte Ausdruck.

Zur Sprache kam Frischs Absicht, der Einladung zum Congrès Mondial des Intellectuels pour la Paix nach Wroclaw zu folgen. Brecht war an den Verhältnissen in den sozialistischen Länder interessiert, kannte diese aus eigener Erfahrung jedoch nicht. Allerdings schien ihm das, was er über die Situation wusste, Sorgen zu bereiten, zumindest deutete dies sein Gesichtausdruck an. Er zeigte auf das Tischchen vor ihnen, auf dem eine Illustrierte lag:

»Sehen Sie sich das bitte mal an!
Was meinen Sie?
Schauen Sie mal in den Artikel über Polen ...
Ja, ich hab's! Worauf wollen Sie hinaus?
Sehen Sie sich die in Schlesien aufgenommenen Bilder mal näher an! Ich befürchte, sie dokumentieren Misshandlungen von Einheimischen an Deutschen!
Da könnten Sie Recht haben, meinte Frisch. Damit nicht genug, forderte ihn sein Gegenüber auf, der Sache auf den Grund zu gehen:
Nehmen Sie die Bilder mit und klären Sie das, schließlich werden Sie mit Leuten von der Regierung zusammentreffen. Finden Sie heraus, ob man diesen Berichten Glauben schenken kann!

Frisch konnte sich nicht vorstellen, dass die Vertreter der Macht bereit sein würden, bei einem Bankett auf die Anschuldigungen einer Illustrierten einzugehen, und er äußerte sich auch dementsprechend:
Ich kann doch nicht bei einem Bankett ... Die Einwände überzeugten Brecht nicht:
Fragen kann man immer und wenn die Missstände tatsächlich zutreffen, muss man etwas dagegen unternehmen.

...

Wörtliche Zitate (im Text kursiv) zitiert nach:
Frisch, Max, Die Tagebücher 1946 - 1949 und 1966 - 1971, Frankfurt am Main 1983.

 

2004 © by Ewa Bielska

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