|
Leseprobe:
...
Ein
großes Fenster setzte den Blick auf den See und die Berge
frei. Brecht schätzte es allerdings nicht wegen der herrlichen
Aussicht, sondern wegen des Lichts, der Helle, wie
er zu sagen pflegte. Der Natur galt sein Interesse weniger
als der Gesellschaft; schließlich galt es diese zu verändern.
Das Zimmer ließ Gemütlichkeit nicht aufkommen; die wäre
Brecht unerträglich gewesen. Selbst wenn sie in einem Gespräch
ansatzweise auftauchte, setzte er ihr ein rasches Ende.
Eine gemütliche Unterhaltung wäre ihm als Zeitverschwendung
erschienen. Die Einrichtung vermittelte einen provisorischen
Eindruck; als ob man alles mit wenigen Griffen in Koffer
packen könnte, um den Ort innerhalb kürzester Zeit zu verlassen.
Brecht war in der Rolle des Flüchtlings gefangen, der
schon viele Bahnhöfe verlassen hatte, ein Passant unserer
Zeit, während des Exils nirgends auf einen längeren
Aufenthalt eingerichtet, öfter die Länder als die Schuhe
wechselnd. Auch in Herrliberg war er Bewohner nur auf
kurze Zeit, sein endgültiges Ziel sollte, und zwar schon
bald, Berlin sein. Er saß da mit dem etwas schräg geneigten
Kopf, die graue Schirmmütze wie immer in die Stirn gezogen,
im Gesicht der wohl bekannte konzentrierte Ausdruck.
Zur
Sprache kam Frischs Absicht, der Einladung zum Congrès
Mondial des Intellectuels pour la Paix nach Wroclaw
zu folgen. Brecht war an den Verhältnissen in den sozialistischen
Länder interessiert, kannte diese aus eigener Erfahrung
jedoch nicht. Allerdings schien ihm das, was er über die
Situation wusste, Sorgen zu bereiten, zumindest deutete
dies sein Gesichtausdruck an. Er zeigte auf das Tischchen
vor ihnen, auf dem eine Illustrierte lag:
»Sehen
Sie sich das bitte mal an!
Was meinen Sie?
Schauen Sie mal in den Artikel über Polen ...
Ja, ich hab's! Worauf wollen Sie hinaus?
Sehen Sie sich die in Schlesien aufgenommenen Bilder mal näher
an! Ich befürchte, sie dokumentieren Misshandlungen
von Einheimischen an Deutschen!
Da könnten Sie Recht haben,
meinte Frisch. Damit nicht genug, forderte ihn sein Gegenüber
auf, der Sache auf den Grund zu gehen:
Nehmen Sie die Bilder mit und klären Sie das, schließlich
werden Sie mit Leuten von der Regierung zusammentreffen. Finden
Sie heraus, ob man diesen Berichten Glauben schenken kann!
Frisch
konnte sich nicht vorstellen, dass die Vertreter der Macht
bereit sein würden, bei einem Bankett auf die Anschuldigungen
einer Illustrierten einzugehen, und er äußerte sich auch
dementsprechend:
Ich kann doch nicht bei einem Bankett ...
Die Einwände überzeugten Brecht nicht:
Fragen kann man immer und wenn die Missstände tatsächlich
zutreffen, muss man etwas dagegen unternehmen.
...
Wörtliche
Zitate (im Text kursiv) zitiert nach:
Frisch, Max, Die Tagebücher 1946 - 1949 und 1966 - 1971,
Frankfurt am Main 1983.
2004
© by Ewa Bielska
|