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Leseprobe:
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»Du, verzeih!«, rief sie aus und eilte dem Mann
in der Vorhalle entgegen: »Ich komme zu spät zu unserem
ersten Treffen zu zweit!«
»Aber Schwesterchen, die paar Minuten...«, entgegnete
Paul, »immerhin haben wir sieben Jahre lang auf diese
Begegnung gewartet.«
»Tja«, seufzte sie und blieb vor ihm stehen.
»Gisèle lässt dich grüßen. Sie ist mit dem Kleinen
unterwegs, ihm die Alpen zu zeigen.«
»Deine Frau ist reizend«, erwiderte Nelly, »und
der kleine Eric so allerliebst. Nachdem er mich mit den
Rosen begrüßte, hab ich den Kummer von heute früh fast vergessen.«
»Welchen Kummer?«
»Hach, nichts!«, winkte sie ab und lächelte
befangen, »nur eine Belanglosigkeit, überhaupt nicht
der Rede wert...« Sie trat an Pauls Seite, hakte sich
an der rechten Seite bei ihm ein und fragte freundlich scherzend:
»Sag mal, was stehen wir eigentlich hier in der Hotelhalle
rum?«
»Gehen wir hinunter zum See?«
»Ja, es ist bestimmt ein schöner Ort für unseren ersten
Spaziergang«, sagte sie. Gemeinsam verließen
sie das Hotel und traten Schulter an Schulter in den hellen
Tag.
»Welch
ein herrlicher Tag!«, strahlte Nelly.
»Ja«, sagte Paul. Sie schlenderten ein Stück
weit die Straße entlang, bogen dann rechterhand zum Seeufer
ein. Kaum sahen sie in einiger Ferne zwischen den Häuserzeilen
das leuchtend blaue Wasser aufblitzen, stoppte Paul.
»Was ist mit dir?«, fragte Nelly.
»Mir geht seit vorhin eine Frage im Kopf herum. Du
sagtest etwas von einem Kummer, den du heute früh --«
»Nein, frag mich nicht«, fiel sie ihm ins Wort,
»es war eine Kleinigkeit, im Grunde nichts.«
»Na, dann kannst du's mir ja erzählen.«
»Paul, ich wollte es dir gegenüber gar nicht erwähnen...«
»Schwesterchen, komm, heraus mit der Sprache!«
»Tja, weißt du«, setzte sie an, »ich war
halt bis zuletzt in großer Sorge vor dieser Reise. Und heute
früh, als ich in Stockholm den Flieger bestieg, war ich
dermaßen in Panik, dass ich auf der Gangway gleich wieder
umkehren wollte.«
»Du hast immer noch solche Scheu vor dem Fliegen?«
»Na ja«, fuhr die Frau fort, »der Steward
der schwedischen Airlines hat mich sehr nett betreut. Und
kaum in der Luft habe ich mich ein wenig beruhigen können.
Dann aber«, sagte sie, schluckte kurz, sprach weiter,
»flogen wir geradewegs über Deutschland...«
- Sie verstummte.
»Es tut mir leid«, tröstete Paul und nahm
ihre Hand. Nelly sah zu Boden, und er glaubte auf einmal,
ein leises Schluchzen zu hören. Gleich darauf schaute
sie auf und sagte: »Komm! Komm, gehen wir weiter!«
»Ja- aber--«
»Komm, weiter! Stehen wir nicht wie angewurzelt auf
dem Bürgersteig herum, die Passanten werden schon neugierig.«
Sie setzten ihren Weg fort. Und die fremde und doch so vertraute
Frau an seiner Seite drehte ihren Kopf, sah über die eigene
Schulter hinweg und zu Paul hinauf: »Trotz allem...«,
sagte sie, und ihr Gesicht hellte sich auf, als ihre Blicke
sich trafen: »Trotz allem, mein Bruder, dies ist ein
herrlicher Tag!«
...
2004
© by Andreas Erdmann
Derselbe
Autor hat weitere interessante Texte für die zweite
Anthologie (19. Jh.) verfasst:
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