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     N. Sachs - P. Celan
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Last Update: 31.05.05

 


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BEGEGNUNGEN AUS DER TINTENWELT

  E i n e   H i m m e l f a h r t  
P a u l   C e l a n   b e g e g n e t   N e l l y   S a c h s
          Z ü r i c h   1 9 6 0          
von  A n d r e a s   E r d m a n n

Leseprobe:
...


»Du, verzeih!«, rief sie aus und eilte dem Mann in der Vorhalle entgegen: »Ich komme zu spät zu unserem ersten Treffen zu zweit!«
»Aber Schwesterchen, die paar Minuten...«, entgegnete Paul, »immerhin haben wir sieben Jahre lang auf diese Begegnung gewartet.«
»Tja«, seufzte sie und blieb vor ihm stehen.
»Gisèle lässt dich grüßen. Sie ist mit dem Kleinen unterwegs, ihm die Alpen zu zeigen.«
»Deine Frau ist reizend«, erwiderte Nelly, »und der kleine Eric so allerliebst. Nachdem er mich mit den Rosen begrüßte, hab ich den Kummer von heute früh fast vergessen.«
»Welchen Kummer?«
»Hach, nichts!«, winkte sie ab und lächelte befangen, »nur eine Belanglosigkeit, überhaupt nicht der Rede wert...« Sie trat an Pauls Seite, hakte sich an der rechten Seite bei ihm ein und fragte freundlich scherzend: »Sag mal, was stehen wir eigentlich hier in der Hotelhalle rum?«
»Gehen wir hinunter zum See?«
»Ja, es ist bestimmt ein schöner Ort für unseren ersten Spaziergang«, sagte sie. Gemeinsam verließen sie das Hotel und traten Schulter an Schulter in den hellen Tag.

»Welch ein herrlicher Tag!«, strahlte Nelly.
»Ja«, sagte Paul. Sie schlenderten ein Stück weit die Straße entlang, bogen dann rechterhand zum Seeufer ein. Kaum sahen sie in einiger Ferne zwischen den Häuserzeilen das leuchtend blaue Wasser aufblitzen, stoppte Paul.
»Was ist mit dir?«, fragte Nelly.
»Mir geht seit vorhin eine Frage im Kopf herum. Du sagtest etwas von einem Kummer, den du heute früh --«
»Nein, frag mich nicht«, fiel sie ihm ins Wort, »es war eine Kleinigkeit, im Grunde nichts.«
»Na, dann kannst du's mir ja erzählen.«
»Paul, ich wollte es dir gegenüber gar nicht erwähnen...«
»Schwesterchen, komm, heraus mit der Sprache!«
»Tja, weißt du«, setzte sie an, »ich war halt bis zuletzt in großer Sorge vor dieser Reise. Und heute früh, als ich in Stockholm den Flieger bestieg, war ich dermaßen in Panik, dass ich auf der Gangway gleich wieder umkehren wollte.«
»Du hast immer noch solche Scheu vor dem Fliegen?«
»Na ja«, fuhr die Frau fort, »der Steward der schwedischen Airlines hat mich sehr nett betreut. Und kaum in der Luft habe ich mich ein wenig beruhigen können. Dann aber«, sagte sie, schluckte kurz, sprach weiter, »flogen wir geradewegs über Deutschland...« - Sie verstummte.
»Es tut mir leid«, tröstete Paul und nahm ihre Hand. Nelly sah zu Boden, und er glaubte auf einmal, ein leises Schluchzen zu hören. Gleich darauf schaute sie auf und sagte: »Komm! Komm, gehen wir weiter!«
»Ja- aber--«
»Komm, weiter! Stehen wir nicht wie angewurzelt auf dem Bürgersteig herum, die Passanten werden schon neugierig.«
Sie setzten ihren Weg fort. Und die fremde und doch so vertraute Frau an seiner Seite drehte ihren Kopf, sah über die eigene Schulter hinweg und zu Paul hinauf: »Trotz allem...«, sagte sie, und ihr Gesicht hellte sich auf, als ihre Blicke sich trafen: »Trotz allem, mein Bruder, dies ist ein herrlicher Tag!«

...

2004 © by Andreas Erdmann

 

Derselbe Autor hat weitere interessante Texte für die zweite Anthologie (19. Jh.) verfasst:

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