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Leseprobe:
Wien, 11. März 1938
Der
Föhnsturm zerrt so heftig an meinem Hut, dass ich ihn mit
der Hand festhalten und tief in die Stirn drücken muss.
Mit der anderen Hand schlage ich den Kragen meines Mantels
hoch. Ich hasse Stürme und mehr noch hasse ich Gewitter.
Aber ich muss weiter, muss zu einem Treffen. Es gibt Neues
zu berichten, das Ende meiner finanziellen Misere scheint
in Sicht.
Der
Sturm wirbelt die Flugblätter durcheinander und trägt die
skandierenden Stimmen der Demonstranten davon: »Rot-Weiß-Rot
bis in den Tod. Rot-Weiß-Rot bis in den Tod.«
Die
von Bundeskanzler Schuschnigg initiierte Abstimmung über
die Eigenständigkeit Österreichs wird ein eindeutiges Ergebnis
bringen und den Braunen ein für alle mal eine Absage erteilen.
Dieser Gedanke erfüllt mich mit Freude und Genugtuung. Hatten
die Nazis doch alle meine Stücke mit Aufführungsverbot belegt,
weder Kasimir und Karoline noch Glaube, Liebe
Hoffnung oder die Geschichten aus dem Wienerwald
durften im Deutschen Reich mehr aufgeführt werden.
Ich haste weiter. »Hoch Schuschnigg. Hoch Österreich«,
begleitet es mich bis an mein Ziel, das Haus meiner lieben
alten Freundin Berta Zuckerkandl. Bei den letzten Treffen
hat sie sich zwar aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen
lassen, aber die Tradition ihrer Salons wird von allen Beteiligten
weiter gepflegt.
Ich
betrete den eleganten Raum und sehe, dass meine Freunde
mich schon erwarten. Alexander, Franzl und Carl stehen beisammen,
mein Bruder Lajos kommt mir entgegen. Die Stimmung der Demonstranten
hat sich auf mich übertragen und die Worte drängen euphorisch
aus mir heraus: »Kein Hitler-Gruß wagt sich mehr
hervor! Wir Österreicher haben uns wieder gefunden!«
Die
Gesichter meiner Freunde spiegeln nichts von meiner Begeisterung.
Stattdessen graben Kummer und Sorge tiefe Falten in ihre
Züge.
»Ödön«,
sagt Franzl, »es gibt Gerüchte
«
...
2004
© by Fran Henz
Dieselbe Autorin hat einen weiteren interessanten Text - für
die zweite Anthologie (19. Jh.) - verfasst:
G
e s p e n s t e r s o m m e r
von F r a n H e n z
Weitere
Texte der Autorin sowie Buchvorstellungen, Termine für
Lesungen und anderes mehr finden Sie auf der HP der Autorin:
www.fran-henz.com
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