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Leseprobe:
...
Er
las aus ›Goya‹. Konzentriert, mit geradem Rücken und gesenktem
Kopf. Seine Augen hinter den Gläsern verfolgten die Buchstaben
auf dem Papier, und hierbei musste er zu seinem Bedauern
feststellen, dass auch seine Sehkraft zusehends schwand.
Da war nicht nur das Problem mit den Zähnen. Um zwanzig
Uhr hatte er begonnen, und er las exakt fünfundzwanzig Minuten.
Als er geendet hatte, applaudierten alle artig. Mann hatte
die ganze Zeit wie ein Stock dagesessen, aufmerksam lauschend
- das zumindest hatte er aus dem Augenwinkel beobachtet,
auch während des Vortragens. Jetzt flatterte dienstfertig
Marta zwischen den Gästen umher, bot Erfrischungen an und
scherzte. Die Diskussion über das eben Gehörte würde in
wenigen Minuten beginnen. Das erste Wort würde wie üblich
Mann haben. Der war heute alleine gekommen, ohne seine Frau
Katja. In der Art eines Generalkonsuls schlug Mann sanft
aber bestimmt mit einem Löffelchen an seine Teetasse und
bat um Ruhe. Distinguiert spitzte er die Lippen.
»Meine lieben Freunde«, setzte er an, in angemessener, dem
Anlass eher entsprechenden Lautstärke als der Vorleser,
was jenen sofort in einem ungünstigen Licht erscheinen ließ.
»Lassen Sie mich ein paar Worte verlieren über den noch
diktierfrischen Roman unseres Freundes Lion. Sehen wir von
der Wahl des Themas ab...«
Der
zu richtende Lion Feuchtwanger stand mit leicht gesenktem
Haupt, so als sprengte die Aufnahme der anstehenden Kritik
schon jetzt sein Nervenkostüm. Trotzdem hatte er ein einnehmendes
aber schüchternes Lächeln aufgesetzt, welches sein Gesicht
in Millionen kleine Fältchen knitterte, das der Schar der
Zuhörer suggerieren sollte, dass ihn jegliche Kritik, wie
subtil auch immer, nicht werde anfechten können. Leichte
Bauchschmerzen, die zum Glück niemand sehen konnte, straften
eine solche Gelassenheit Lügen. Wie vor dem Vater, früher,
wenn er etwas verbockt hatte, fühlte er sich zuweilen, wenn
Mann urteilte. Eigentlich überhaupt, wenn Mann mit ihm oder
besser: zu ihm sprach. Nur weil der den Nobelpreis bekommen
hatte, eine Ehre, die etliche Jahre zurücklag, führte der
sich auf wie der oberste Richter. Diese Gedanken sprudelten
Feuchtwanger durch den Kopf, während Mann druckreife Sentenzen
auswarf, er selbst aber die Anwesenden genauer in Augenschein
nahm. Literaten wie er, Kritiker, Schauspieler, Künstler.
Alles Ausländer - hier, in der sonnigen neuen Welt. Natürlich
ein paar Frauen, die ihn anbeteten.
...
Ein
paar Tage später traf er Mann zufällig beim Spaziergang
am Strand. Er selbst hatte der von Marta verordneten Gymnastik
entfliehen wollen und zog einen gemeinen Fußmarsch vor.
Mann trug eine Kopfbedeckung zur Sonnenabwehr, die ihn als
Ausländer stigmatisierte. Heute fühlte Feuchtwanger sich
in der Stimmung, eine lockere, vielleicht endlich persönliche
Unterhaltung mit Mann zu führen, den anderen auszuquetschen.
Man grüßte sich herzlich, doch förmlich und einigte sich,
ein nahegelegenes Café zu frequentieren. Nachdem sie Saft
bestellt hatten, schwiegen sie eine Weile. Feuchtwanger
wusste nicht recht, wie er das Thema zur Sprache bringen
könnte, wohingegen Mann mit der Situation zufrieden schien.
Eine laue Brise fuhr durch die aufgestellten Sonnenschirme.
Mit einem Seufzer lehnte Mann sich zurück, hob den Sonnenhut
vom Kopf, zog aus der Hosentasche ein Taschentuch und trocknete
sich mit leicht zitterndem Arm die Stirn. Feuchtwanger wippte
nervös mit dem Fuß, hatte das Gefühl, diese Gelegenheit
nicht ungenutzt verstreichen lassen zu dürfen.
»Welche Sonnencreme benutzen Sie eigentlich?« fragte entschärfend,
aber durchaus ehrlich interessiert Mann.
Das Profane des Gesagten verblüffte Feuchtwanger. Er hatte
sich auf einen theoretischen Diskurs gefasst gemacht. Sah
sich jetzt aber ermutigt in seinem Vorhaben.
»Werter Freund«, leitete er vorsichtig ein, »Ihre Romane
haben ja gewissermaßen Vorbildcharakter für mich, aber in
einem scheiden sich unsere Geister... aus welchem Grund
scheuen Sie sich, das Sexuelle, Körperliche deutlicher zu
beschreiben oder dies überhaupt thematisch breiter anzulegen?«
Feuchtwanger rechnete mit verstimmter Abwehr, doch Mann
fixierte ihn ernst und nippte an seinem Saft.
»Auch in der Realität pflege ich nicht jedem dargebotenen
Reiz zu verfallen. Meine Romanfiguren verhalten sich ihrer
gesellschaftlichen Stellung entsprechend. Wenn es eine Funktion
erfüllen soll, handeln die Figuren triebbestimmt oder ihre
Sexualität wird diskutiert.«
»Oft thematisieren Sie die homosexuelle Liebe... auch aus
eigener Anschauung?«
...
2003
© by Uta Jung Karpalov
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