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     Th. Mann-L. Feuchtwanger
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Last Update: 31.05.05

 


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BEGEGNUNGEN AUS DER TINTENWELT

P a c i f i c   P a l i s a d e s
L i o n   F e u c h t w a n g e r   b e g e g n e t   T h o m a s   M a n n
       K a l i f o r n i e n   1 9 5 0       
von  U t a   J u n g   K a r p a l o v

Leseprobe:

... Er las aus ›Goya‹. Konzentriert, mit geradem Rücken und gesenktem Kopf. Seine Augen hinter den Gläsern verfolgten die Buchstaben auf dem Papier, und hierbei musste er zu seinem Bedauern feststellen, dass auch seine Sehkraft zusehends schwand. Da war nicht nur das Problem mit den Zähnen. Um zwanzig Uhr hatte er begonnen, und er las exakt fünfundzwanzig Minuten. Als er geendet hatte, applaudierten alle artig. Mann hatte die ganze Zeit wie ein Stock dagesessen, aufmerksam lauschend - das zumindest hatte er aus dem Augenwinkel beobachtet, auch während des Vortragens. Jetzt flatterte dienstfertig Marta zwischen den Gästen umher, bot Erfrischungen an und scherzte. Die Diskussion über das eben Gehörte würde in wenigen Minuten beginnen. Das erste Wort würde wie üblich Mann haben. Der war heute alleine gekommen, ohne seine Frau Katja. In der Art eines Generalkonsuls schlug Mann sanft aber bestimmt mit einem Löffelchen an seine Teetasse und bat um Ruhe. Distinguiert spitzte er die Lippen.
»Meine lieben Freunde«, setzte er an, in angemessener, dem Anlass eher entsprechenden Lautstärke als der Vorleser, was jenen sofort in einem ungünstigen Licht erscheinen ließ. »Lassen Sie mich ein paar Worte verlieren über den noch diktierfrischen Roman unseres Freundes Lion. Sehen wir von der Wahl des Themas ab...«

Der zu richtende Lion Feuchtwanger stand mit leicht gesenktem Haupt, so als sprengte die Aufnahme der anstehenden Kritik schon jetzt sein Nervenkostüm. Trotzdem hatte er ein einnehmendes aber schüchternes Lächeln aufgesetzt, welches sein Gesicht in Millionen kleine Fältchen knitterte, das der Schar der Zuhörer suggerieren sollte, dass ihn jegliche Kritik, wie subtil auch immer, nicht werde anfechten können. Leichte Bauchschmerzen, die zum Glück niemand sehen konnte, straften eine solche Gelassenheit Lügen. Wie vor dem Vater, früher, wenn er etwas verbockt hatte, fühlte er sich zuweilen, wenn Mann urteilte. Eigentlich überhaupt, wenn Mann mit ihm oder besser: zu ihm sprach. Nur weil der den Nobelpreis bekommen hatte, eine Ehre, die etliche Jahre zurücklag, führte der sich auf wie der oberste Richter. Diese Gedanken sprudelten Feuchtwanger durch den Kopf, während Mann druckreife Sentenzen auswarf, er selbst aber die Anwesenden genauer in Augenschein nahm. Literaten wie er, Kritiker, Schauspieler, Künstler. Alles Ausländer - hier, in der sonnigen neuen Welt. Natürlich ein paar Frauen, die ihn anbeteten.

...

Ein paar Tage später traf er Mann zufällig beim Spaziergang am Strand. Er selbst hatte der von Marta verordneten Gymnastik entfliehen wollen und zog einen gemeinen Fußmarsch vor. Mann trug eine Kopfbedeckung zur Sonnenabwehr, die ihn als Ausländer stigmatisierte. Heute fühlte Feuchtwanger sich in der Stimmung, eine lockere, vielleicht endlich persönliche Unterhaltung mit Mann zu führen, den anderen auszuquetschen. Man grüßte sich herzlich, doch förmlich und einigte sich, ein nahegelegenes Café zu frequentieren. Nachdem sie Saft bestellt hatten, schwiegen sie eine Weile. Feuchtwanger wusste nicht recht, wie er das Thema zur Sprache bringen könnte, wohingegen Mann mit der Situation zufrieden schien. Eine laue Brise fuhr durch die aufgestellten Sonnenschirme. Mit einem Seufzer lehnte Mann sich zurück, hob den Sonnenhut vom Kopf, zog aus der Hosentasche ein Taschentuch und trocknete sich mit leicht zitterndem Arm die Stirn. Feuchtwanger wippte nervös mit dem Fuß, hatte das Gefühl, diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen zu dürfen.
»Welche Sonnencreme benutzen Sie eigentlich?« fragte entschärfend, aber durchaus ehrlich interessiert Mann.
Das Profane des Gesagten verblüffte Feuchtwanger. Er hatte sich auf einen theoretischen Diskurs gefasst gemacht. Sah sich jetzt aber ermutigt in seinem Vorhaben.
»Werter Freund«, leitete er vorsichtig ein, »Ihre Romane haben ja gewissermaßen Vorbildcharakter für mich, aber in einem scheiden sich unsere Geister... aus welchem Grund scheuen Sie sich, das Sexuelle, Körperliche deutlicher zu beschreiben oder dies überhaupt thematisch breiter anzulegen?« Feuchtwanger rechnete mit verstimmter Abwehr, doch Mann fixierte ihn ernst und nippte an seinem Saft.
»Auch in der Realität pflege ich nicht jedem dargebotenen Reiz zu verfallen. Meine Romanfiguren verhalten sich ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechend. Wenn es eine Funktion erfüllen soll, handeln die Figuren triebbestimmt oder ihre Sexualität wird diskutiert.«
»Oft thematisieren Sie die homosexuelle Liebe... auch aus eigener Anschauung?«
...

2003 © by Uta Jung Karpalov

 

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