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Leseprobe:
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Bei der zweiten Zigarette, die ich mir anzünde, schaut er
verschmitzt rüber und hält seine erste immer noch trocken
zwischen den Fingern. Ich sehe mich in diesem 15 qm-Altersruhesitz
um: Ein Kühlschrank, ein Schreibtisch, ein Bett, zwei Gartenstühle,
eine Kommode und neben der Tür ein Sideboard, auf dem abgelegte
Wäsche kleine Türme darstellt. Mittendrin thront Huncke
auf einem standesgemäßen Altherrenstuhl in einer Pose des
Überlebenden.
Mir selbst ging es nicht besser, ich hatte vor vier
Wochen ein Flugzeug bestiegen und mich auf Spurensuche begeben,
und währenddessen einige Staatsgrenzen überschritten. Ich
zeichnete einen Weg nach, den ich nur aus Büchern kannte,
und der mich zum Schluss nach New York führte. »Was
willst du noch wissen?« fragt er.
»Lohnt es sich in der heutigen Zeit zu leben, verglichen
mit der, die du früher erlebt hast?«
»Mach keine Witze. Findest du es lohnenswert heute
zu leben? Wenn ich dich in vierzig Jahren dasselbe frage,
wirst du mir die 80er oder 90er Jahre als besonders toll
beschreiben. Es ist der tägliche Kampf des Daseins, den
man bestreiten muss. Weißt du, wenn du nicht hierbleiben
willst, kannst du gehen, ich will damit sagen, die Eventualitäten
stehen offen: Dort ist das Fenster, da die Tür ...«
»Mit der Möglichkeit, das Fenster zu wählen, kennst
du dich ja bestens aus ...«
»Ja. Manchmal scheint die Ausweglosigkeit nur durch
einen Selbstmord zu lösen zu sein, aber das sind die Umstände
der persönlichen Problematik und nicht die der Zeit.«
Ich will ihn gerade fragen, wovon er überhaupt lebt, denn
der Verkauf der Bücher hat ihm keinen Penny eingebracht,
da schellt das Telefon.
»O.K.«, sagt er, »nur bitte nicht vor
16 Uhr, und bringt Bargeld mit, keine verdammten Schecks.«
An mich gewandt erklärt er: »Die Kerle vom BBC wollen
eine Reportage über Dr. Kinsey machen, dem ich damals als
Verbindungsmann für seine Recherchen gedient habe.«
Interviews und Lesungen sind seine so genannte Gehaltsaufbesserung,
und wenn er sich bewegt, dann aus diesem Grund. Offiziell
kriegt Huncke eine Minimalrente von der Foundation of Greatfull
Dead.
»Vergiss nicht, dass ich nicht stehle und auch keine
Menschen umbringe«, schmunzelt er.
...
2004
© by Hartmuth Malorny
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