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Als
es dann losging, der große und einzige MERZkünstler anhob,
seine Ursonate vorzutragen, war Paul
überrascht, wie gut ihm das jeden Sinns enthobene Vokalgedicht
gefiel. Dabei hätte er vorbereitet sein können, er kannte
das Gedicht "An Anna Blume". Es waren allerdings zwei völlig
unterschiedliche Dinge, die Lektüre eines so gearteten Gedichts
und die Darbietung durch den Autor persönlich. Und es war
kein gewöhnlicher Vortrag, es war weit, weit mehr! Die Einzigartigkeit
der Vorführung lenkte Paul zunächst vom Eigentlichen, vom
Inhalt ab. Der Komponist in ihm führte ihn dann an diesen
heran, an die Laute, die gutturalen, weit hinten im Gaumen
geformten, dann wieder nach vorne, in Lippenrichtung geschobenen.
Und dieses eine Mal waren sie nicht Medium, Überträger von
Information, von Botschaft. Sie selbst bildeten das Ureigentliche,
den Inhalt. Oder waren sie vielleicht doch Ausdruck eines
Zustandes, eines Seins? Während die Laute schon verklangen,
drängte sich dem Berliner Zuhörer ein Bild, ein Begriff
auf, der dem Ganzen Sinn zu geben schien, obschon er sich
gleichzeitig dafür tadelte, es in das Korsett eines rationalen
Zugriffs zu zwängen: Seelenmusik ... oder eigentlich, nicht
Seelenmusik, sondern es glich mehr einem Grunzen,
einem Grunzen der Seele. Das war es, ein Suhlen in einem
absoluten Wonnegefühl: Seelengrunzen! Um so ergreifender,
mit welchem Ernst, mit welcher Inbrunst Schwitters seinen
Text deklamierte. In keiner Sekunde geriet Paul in Versuchung,
ein Lachen unterdrücken zu müssen. Er spürte, es würde wohl
wenige Momente in seinem Leben geben, die mit diesem zu
vergleichen seien, dieser Faszination, die davon ausging,
einen geistbegabten Menschen Laute von sich geben zu hören,
die sowohl nationaler Färbung als auch jeglicher Sprachstruktur
enthoben waren. Eine Entführung in eine Art vorsprachliche,
jeden Gedankens bare, universale Welt. Diese Silben würde
er nie vergessen:
Lanke
tr gll.
Pe pe pe pe pe
Ooka. Ooka. Ooka. Ooka.
Lanke tr gll.
Pii pii pii pii pii
Tzüüka. Tzüüka. Tzüüka. Tzüüka.
Noch
benommen vom Vortrag, notierte sich Paul die Worte, deren
Betonung sowie den Rhythmus, vielleicht ließe sich das später
als Thema für ein Musikstück verwenden. Bereits während
der Verfertigung seiner Notizen wurde Paul gedrängt, nun
auch etwas von seiner Kunst zum Besten zu geben. Er spielte
einige kleine Stücke auf dem Klavier, und anschließend fragte
Schwitters seinen Sohn:
"Wie
findest du es?" worauf der antwortete:
"Schrecklich!"
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2004-2005
© by Greg Niamey
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Kurt
Schwitters (Pseudonym: Kurt Merz Schwitters) - 20.06.1887
Hannover - 08.01.1948 Ambleside/Westmoreland. 1909-14 Studium
an der Kunstakademie Dresden. Seit 1915 in Hannover. 1920
Begegnung mit Hans Arp. Gründer und Hrsg. der dadaistischen
Zeitschrift ›Merz‹; Mitarbeiter des ›Sturm‹. 1937 Emigration
nach Norwegen, 1940 Flucht vor der Gestapo nach England,
dort Porträtmaler. - Maler, besonders von Collagen, die
er als Merz-Bilder bezeichnete, und Dichter in Verbindung
zum Dadaismus mit grotesk-phantastischen, humorvollen Gedichten
und Prosatexten; daneben dramatische Szenen, satirische
Essays und Manifeste. Vielseitiger Experimentator, der keinerlei
Materialtabuisierung akzeptiert. Mit seiner Technik der
- oft bewusst provokativen - Sichtbarmachung des Banalen
und Antizipationen unsemantischer Poesie bedeutender Innovator
neuerer Kunstentwicklung. Schwitters Affinität zu Dada führt
zu keiner Bindung mit den politisch engagierten Berliner
Dadaisten, die das Fehlen eines entsprechenden Engagements
bei ihm bemängeln. Schwitters dagegen will seine künstlerische
Arbeit nicht funktionalisiert sehen.
WERKE
(Auswahl): Anna Blume, Gedichte 1919; Memoiren Anna Blumes
in Bleie, Dichtung. 1922; Die Blume Anna, Gedichte 1923;
Auguste Bolte, Prosa 1923 (n. 1966); Die Märchen vom Paradies,
1924; Familie Hahnepeter, Kinderbuch 1924; Die Scheuche,
Märchen 1925; Veilchen, Gedichte 1931; Ursonate, 1932.
- Anna Blume und ich, Auswahl, hg. E. Schwitters 1965; Emils
blaue Augen, Grotesken, hg. E. Schwitters u. F. Lach 1971.
QUELLEN:
Brockhaus-Enzyklopädie
in 24 Bd., 19. Auflage, Mannheim, 1993.
Digitale
Bibliothek: Band 9: Killy Literaturlexikon, (c) Bertelsmann
Lexikonverlag. Band 13: Wilpert, Lexikon der Weltliteratur,
(c) Alfred Kröner Verlag.
Paul
Bowles
Zur
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