Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
linie
   TEXTE GESUCHT
   BEGEGNUNGEN 20. JH.
     P. Bowles - K. Schwitters
linie
Last Update: 31.08.06

BEGEGNUNGEN AUS DER TINTENWELT bei amazon bestellen
BEGEGNUNGEN
AUS DER TINTENWELT
bei amazon bestellen!

bei Libri bestellen



alle Bücher v. KURT SCHWITTERS bei amazon
Kurt Schwitters bei amazon

 

alle Bücher v. PAUL BOWLES bei amazon
Paul Bowles bei amazon


BEGEGNUNGEN AUS DER TINTENWELT

M E R Z - A u s f l u g
P a u l   B o w l e s   b e g e g n e t   K u r t   S c h w i t t e r s
  H a n n o v e r   1 9 3 1  
von  G r e g   N i a m e y

Leseprobe:

...

Als es dann losging, der große und einzige MERZkünstler anhob, seine Ursonate vorzutragen, war Paul überrascht, wie gut ihm das jeden Sinns enthobene Vokalgedicht gefiel. Dabei hätte er vorbereitet sein können, er kannte das Gedicht "An Anna Blume". Es waren allerdings zwei völlig unterschiedliche Dinge, die Lektüre eines so gearteten Gedichts und die Darbietung durch den Autor persönlich. Und es war kein gewöhnlicher Vortrag, es war weit, weit mehr! Die Einzigartigkeit der Vorführung lenkte Paul zunächst vom Eigentlichen, vom Inhalt ab. Der Komponist in ihm führte ihn dann an diesen heran, an die Laute, die gutturalen, weit hinten im Gaumen geformten, dann wieder nach vorne, in Lippenrichtung geschobenen. Und dieses eine Mal waren sie nicht Medium, Überträger von Information, von Botschaft. Sie selbst bildeten das Ureigentliche, den Inhalt. Oder waren sie vielleicht doch Ausdruck eines Zustandes, eines Seins? Während die Laute schon verklangen, drängte sich dem Berliner Zuhörer ein Bild, ein Begriff auf, der dem Ganzen Sinn zu geben schien, obschon er sich gleichzeitig dafür tadelte, es in das Korsett eines rationalen Zugriffs zu zwängen: Seelenmusik ... oder eigentlich, nicht Seelenmusik, sondern es glich mehr einem Grunzen, einem Grunzen der Seele. Das war es, ein Suhlen in einem absoluten Wonnegefühl: Seelengrunzen! Um so ergreifender, mit welchem Ernst, mit welcher Inbrunst Schwitters seinen Text deklamierte. In keiner Sekunde geriet Paul in Versuchung, ein Lachen unterdrücken zu müssen. Er spürte, es würde wohl wenige Momente in seinem Leben geben, die mit diesem zu vergleichen seien, dieser Faszination, die davon ausging, einen geistbegabten Menschen Laute von sich geben zu hören, die sowohl nationaler Färbung als auch jeglicher Sprachstruktur enthoben waren. Eine Entführung in eine Art vorsprachliche, jeden Gedankens bare, universale Welt. Diese Silben würde er nie vergessen:

Lanke tr gll.
Pe pe pe pe pe
Ooka. Ooka. Ooka. Ooka.
Lanke tr gll.
Pii pii pii pii pii
Tzüüka. Tzüüka. Tzüüka. Tzüüka.

Noch benommen vom Vortrag, notierte sich Paul die Worte, deren Betonung sowie den Rhythmus, vielleicht ließe sich das später als Thema für ein Musikstück verwenden. Bereits während der Verfertigung seiner Notizen wurde Paul gedrängt, nun auch etwas von seiner Kunst zum Besten zu geben. Er spielte einige kleine Stücke auf dem Klavier, und anschließend fragte Schwitters seinen Sohn:

"Wie findest du es?" worauf der antwortete:
"Schrecklich!"

...

2004-2005 © by Greg Niamey

ZURÜBERSICHT

Kurt Schwitters (Pseudonym: Kurt Merz Schwitters) - 20.06.1887 Hannover - 08.01.1948 Ambleside/Westmoreland. 1909-14 Studium an der Kunstakademie Dresden. Seit 1915 in Hannover. 1920 Begegnung mit Hans Arp. Gründer und Hrsg. der dadaistischen Zeitschrift ›Merz‹; Mitarbeiter des ›Sturm‹. 1937 Emigration nach Norwegen, 1940 Flucht vor der Gestapo nach England, dort Porträtmaler. - Maler, besonders von Collagen, die er als Merz-Bilder bezeichnete, und Dichter in Verbindung zum Dadaismus mit grotesk-phantastischen, humorvollen Gedichten und Prosatexten; daneben dramatische Szenen, satirische Essays und Manifeste. Vielseitiger Experimentator, der keinerlei Materialtabuisierung akzeptiert. Mit seiner Technik der - oft bewusst provokativen - Sichtbarmachung des Banalen und Antizipationen unsemantischer Poesie bedeutender Innovator neuerer Kunstentwicklung. Schwitters Affinität zu Dada führt zu keiner Bindung mit den politisch engagierten Berliner Dadaisten, die das Fehlen eines entsprechenden Engagements bei ihm bemängeln. Schwitters dagegen will seine künstlerische Arbeit nicht funktionalisiert sehen.

WERKE (Auswahl): Anna Blume, Gedichte 1919; Memoiren Anna Blumes in Bleie, Dichtung. 1922; Die Blume Anna, Gedichte 1923; Auguste Bolte, Prosa 1923 (n. 1966); Die Märchen vom Paradies, 1924; Familie Hahnepeter, Kinderbuch 1924; Die Scheuche, Märchen 1925; Veilchen, Gedichte 1931; Ursonate, 1932. - Anna Blume und ich, Auswahl, hg. E. Schwitters 1965; Emils blaue Augen, Grotesken, hg. E. Schwitters u. F. Lach 1971.

QUELLEN:
Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bd., 19. Auflage, Mannheim, 1993.
Digitale Bibliothek: Band 9: Killy Literaturlexikon, (c) Bertelsmann Lexikonverlag. Band 13: Wilpert, Lexikon der Weltliteratur, (c) Alfred Kröner Verlag.

Paul Bowles
Zur Bio- und Bibliografie zu P. B. geht's hier lang -->

ZURÜBERSICHT