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     M. Kaléko - W. Mehring
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Last Update: 31.05.05

 


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BEGEGNUNGEN AUS DER TINTENWELT

V o m   R o m a n i s c h e n   C a f é   i n s   E x i l
M a s c h a   K a l é k o   b e g e g n e t   W a l t e r   M e h r i n g
        B e r l i n   1 9 3 3       
von  V e r a   H o h l e i t e r

Leseprobe:
...

Der Kellner kommt mit dem Cognac zurück. Sie fragt: »Ist heute etwas Besonderes? Ist ziemlich voll hier.« - »Oh ja,« antwortet der Kellner, »wir erwarten heute einen Vortrag von Herrn Walter Mehring über Die Technik des lyrischen Gedichts.« - »Oh, klingt gut, mal sehen, wenn ich hier gut vorankomme, höre ich mir das an. Vielleicht lerne ich ja noch was dazu.«

Sie kannte Mehring. Er kam oft ins Romanische Café. Ihr gefiel sein anarchischer Humor, seine Respektlosigkeit und sein Sinn fürs Groteske. Sie amüsierte es, wenn er mit Hut und Fliege und Pfeife den Dandy spielte, so überzogen, dass er zu einer lebenden Karikatur wurde. Sie mochte seine Selbstironie und sie mochte auch seine frechen, beißend-spöttischen Verse. Sie bewunderte sein politisches Gespür und den Mut, mit dem er seine Meinung vertrat. Und schließlich verband sie ihre Liebe zu Berlin: Walter Mehring, der in Berlin aufgewachsen war, lange in Paris gelebt hatte und dann aus Sehnsucht an die Spree zurückgekehrt war, und Mascha Kaléko aus der galizischen Provinz, die als Emigrantenkind einmal quer durch Deutschland gezogen war, bevor sie in Berlin fand, was sie suchte - den Ort, an dem sie sie selbst sein und zu der Schriftstellerin werden konnte, die sie sein wollte. Wenn sie sich mit Mehring unterhielt und sie beide in einer albern-aufgedrehten Stimmung waren, berlinerten sie, dass sie höchstens die alten Marktweiber verstanden.

»Wann soll denn der Vortrag beginnen?« fragt Mascha den Kellner. »In einer halben Stunde, würde ich sagen.« »Darauf würde ich nicht wetten,« flüstert sie, mit Blick auf die Tür, die krachend aufgestoßen worden war. Ein Trupp SA-Männer in brauner Uniform steht mitten im Raum. Die Gespräche an den Cafétischen verstummen.

Einer der SA-Männer wendet sich an den alten Kellner: »Wir haben hier einen Haftbefehl für Walter Mehring. Können Sie uns sagen, wo wir den Herrn finden.« »Bedaure,« antwortet der Kellner höflich, »Herrn Mehring habe ich heute noch nicht gesehen.« Mascha wirft sich ihren Wintermantel über und ruft dem Kellner zu: »Ich gehe schnell ein paar Zigaretten kaufen. Ich bezahle später. Bin gleich zurück.« Der Kellner nickt. Die SA-Männer beachten sie gar nicht.

Mascha rennt auf die Budapester Straße hinaus. An der Ecke bleibt sie stehen. Sie kauft sich ein Päckchen Zigaretten. Sie stellt sich nahe an einen Hauseingang und zündet sich eine Zigarette an. Dann sieht sie ihn. Klein und schmal, in Mantel und Hut. Er geht kerzengerade in der Mitte des Gehsteigs. Sie stürzt auf ihn zu. »Mehring, Sie müssen sofort verschwinden. Da oben ist die Hakenkreuz-Hilfspolizei mit einem Haftbefehl für Sie!« ...

2003 © by Vera Hohleiter

Dieselbe Autorin hat einen weiteren interessanten Text verfasst - für das 19. Jh.:

T h o r e a u s   K o m p a s s
von  V e r a   H o h l e i t e r

ZURÜBERSICHT

Walter Mehring - 29.04.1896 Berlin - 3. 10. 1981 Zürich; Sohn des Schriftstellers Sigmar M.; 1914/15 Studium der Kunstgeschichte in Berlin und München; Mitbegründer des Berliner Dada; 1915-17 Mitglied des ›Sturm‹-Kreises; seit 1921 Korrespondent deutscher Zeitungen in Paris; 1928-33 wieder in Berlin, 1933-38 Korrespondent in Wien; 1938 von der SS an der Schweizer Grenze gefasst, kann jedoch entkommen; 1939 in Frankreich interniert; flieht 1940 über La Martinique in die USA, wo er als us-amerikanischer Staatsbürger bis zu seiner Rückkehr nach Europa (Ascona, Zürich) 1953 lebte. - W.M. ist Lyriker, Erzähler, Dramatiker sowie Satiriker. Schonungsloser Kritiker der bürgerlichen Moral; entwickelt in seinen Chansons einen eigenen Stil, der ihm den Beinamen ›Bänkelsänger von Berlin‹ einbringt.

WERKE (Auswahl): Die Frühe der Städte, Drama 1916; Das politische Cabaret, Gedichte 1920; In Menschenhaut, aus Menschenhaut ..., Erzählungen 1924; Algier, Novellen 1927; Paris in Brand, Roman 1927; Der Kaufmann von Berlin, Drama 1929; Die Gedichte, Lieder und Chansons, 1929; Die höllische Komödie, Drama 1932; Die Nacht des Tyrannen, Roman 1937; Die verlorene Bibliothek, Autobiographie 1952; Morgenlied eines Gepäckträgers, Gedichte 1959; Berlin-Dada, Erinnerungen 1959; Kleines Lumpenbrevier, Gedichte 1965; Briefe aus der Mitternacht, Gedichte 1971; Wir müssen weiter, Autobiographie 1979.

Mascha Kaléko - eigentlich: M. Aufen-Engel, 07.06.1907 Schidlow/Galizien (Chrzanów/Polen) - 21.01.1975 Zürich. - Lyrikerin. Tochter russisch-jüdischer Emigranten; kleinbürgerliche Verhältnisse, 1914 flüchtet die Familie nach Deutschland. Ab 1918 in Berlin, ein Zentrum jüdischen Lebens. Mittlere Reife, Lehre bei der Arbeiterfürsorge der jüdischen Organisationen Deutschlands, daneben Abendkurse in Philosophie und Psychologie an der Humboldt-Universität. 1928 Heirat mit dem Journalisten Saul Kaléko, Mitarbeiter der ›Jüdischen Rundschau‹. Ab 1929 erste Gedichte in der ›Vossischen Zeitung‹, der ›Weltbühne‹ u.a. 1933 erste Buchveröffentlichung "Das lyrische Stenogrammheft". 1935 verbrennen die Nationalsozialisten in Berlin ihre Bücher; 1938 Flucht nach New York. Sie schreibt für die deutschsprachige Exilzeitschrift ›Aufbau‹, Tätigkeit als Werbetexterin. 1960 Emigriation nach Jerusalem. - Zunächst zynisch-spöttische Zeitgedichte, später fließen die Erfahrungen des Exils in M. K.s Poesie ein.

WERKE (Auswahl): Das lyrische Stenogrammheft, Gedichte 1932; Kleines Lesebuch für Große, Gedichte 1934 u. 1974; Der Papagei, die Mamagei, Gedichte 1961; Verse in Dur und Moll, Gedichte 1967; Wie's auf dem Mond zugeht, Gedichte 1971; Hat alles seine zwei Schattenseiten, Gedichte 1973; In meinen Träumen läutet es Sturm, Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass München 1977; Der Gott der kleinen Webfehler, Prosa, 1977 und als Paperback: Der Gott der kleinen Webefehler. Spaziergänge durch New Yorks Lower Eastside u. Greenwich-Village. Mit einem Nachwort von Horst Krüger. Berlin 1981; Heute ist morgen schon gestern, Gedichte 1980; Verse für Zeitgenossen. Hamburg 1980; Der Stern, auf dem wir leben, Gedichte 1984; Ich bin von anno dazumal. Chansons, Lieder, Gedichte. München 1987; Die paar leuchtenden Jahre. Hg. v. Gisela Zoch-Westphal. München 2003.

QUELLEN:

Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bd., 19. Auflage, Mannheim, 1993.
Digitale Bibliothek: Band 9: Killy Literaturlexikon, (c) Bertelsmann Lexikonverlag. Band 13: Wilpert, Lexikon der Weltliteratur, (c) Alfred Kröner Verlag.

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