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Leseprobe:
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Der
Kellner kommt mit dem Cognac zurück. Sie fragt: »Ist heute
etwas Besonderes? Ist ziemlich voll hier.« - »Oh ja,« antwortet
der Kellner, »wir erwarten heute einen Vortrag von Herrn
Walter Mehring über Die Technik des lyrischen Gedichts.«
- »Oh, klingt gut, mal sehen, wenn ich hier gut vorankomme,
höre ich mir das an. Vielleicht lerne ich ja noch was dazu.«
Sie
kannte Mehring. Er kam oft ins Romanische Café. Ihr gefiel
sein anarchischer Humor, seine Respektlosigkeit und sein
Sinn fürs Groteske. Sie amüsierte es, wenn er mit Hut und
Fliege und Pfeife den Dandy spielte, so überzogen, dass
er zu einer lebenden Karikatur wurde. Sie mochte seine Selbstironie
und sie mochte auch seine frechen, beißend-spöttischen Verse.
Sie bewunderte sein politisches Gespür und den Mut, mit
dem er seine Meinung vertrat. Und schließlich verband sie
ihre Liebe zu Berlin: Walter Mehring, der in Berlin aufgewachsen
war, lange in Paris gelebt hatte und dann aus Sehnsucht
an die Spree zurückgekehrt war, und Mascha Kaléko aus der
galizischen Provinz, die als Emigrantenkind einmal quer
durch Deutschland gezogen war, bevor sie in Berlin fand,
was sie suchte - den Ort, an dem sie sie selbst sein und
zu der Schriftstellerin werden konnte, die sie sein wollte.
Wenn sie sich mit Mehring unterhielt und sie beide in einer
albern-aufgedrehten Stimmung waren, berlinerten sie, dass
sie höchstens die alten Marktweiber verstanden.
»Wann
soll denn der Vortrag beginnen?« fragt Mascha den Kellner.
»In einer halben Stunde, würde ich sagen.« »Darauf würde
ich nicht wetten,« flüstert sie, mit Blick auf die Tür,
die krachend aufgestoßen worden war. Ein Trupp SA-Männer
in brauner Uniform steht mitten im Raum. Die Gespräche an
den Cafétischen verstummen.
Einer
der SA-Männer wendet sich an den alten Kellner: »Wir haben
hier einen Haftbefehl für Walter Mehring. Können Sie uns
sagen, wo wir den Herrn finden.« »Bedaure,« antwortet der
Kellner höflich, »Herrn Mehring habe ich heute noch nicht
gesehen.« Mascha wirft sich ihren Wintermantel über und
ruft dem Kellner zu: »Ich gehe schnell ein paar Zigaretten
kaufen. Ich bezahle später. Bin gleich zurück.« Der Kellner
nickt. Die SA-Männer beachten sie gar nicht.
Mascha
rennt auf die Budapester Straße hinaus. An der Ecke bleibt
sie stehen. Sie kauft sich ein Päckchen Zigaretten. Sie
stellt sich nahe an einen Hauseingang und zündet sich eine
Zigarette an. Dann sieht sie ihn. Klein und schmal, in Mantel
und Hut. Er geht kerzengerade in der Mitte des Gehsteigs.
Sie stürzt auf ihn zu. »Mehring, Sie müssen sofort verschwinden.
Da oben ist die Hakenkreuz-Hilfspolizei mit einem Haftbefehl
für Sie!« ...
2003
© by Vera Hohleiter
Dieselbe
Autorin hat einen weiteren interessanten Text verfasst -
für das 19. Jh.:
T
h o r e a u s K o m p a s s
von V e r a H o h l e i t e r
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Walter
Mehring - 29.04.1896 Berlin - 3. 10. 1981 Zürich; Sohn
des Schriftstellers Sigmar M.; 1914/15 Studium der Kunstgeschichte
in Berlin und München; Mitbegründer des Berliner Dada; 1915-17
Mitglied des ›Sturm‹-Kreises; seit 1921 Korrespondent deutscher
Zeitungen in Paris; 1928-33 wieder in Berlin, 1933-38 Korrespondent
in Wien; 1938 von der SS an der Schweizer Grenze gefasst,
kann jedoch entkommen; 1939 in Frankreich interniert; flieht
1940 über La Martinique in die USA, wo er als us-amerikanischer
Staatsbürger bis zu seiner Rückkehr nach Europa (Ascona,
Zürich) 1953 lebte. - W.M. ist Lyriker, Erzähler, Dramatiker
sowie Satiriker. Schonungsloser Kritiker der bürgerlichen
Moral; entwickelt in seinen Chansons einen eigenen Stil,
der ihm den Beinamen ›Bänkelsänger von Berlin‹ einbringt.
WERKE
(Auswahl): Die Frühe der Städte, Drama 1916; Das politische
Cabaret, Gedichte 1920; In Menschenhaut, aus Menschenhaut
..., Erzählungen 1924; Algier, Novellen 1927; Paris in Brand,
Roman 1927; Der Kaufmann von Berlin, Drama 1929; Die Gedichte,
Lieder und Chansons, 1929; Die höllische Komödie, Drama
1932; Die Nacht des Tyrannen, Roman 1937; Die verlorene
Bibliothek, Autobiographie 1952; Morgenlied eines Gepäckträgers,
Gedichte 1959; Berlin-Dada, Erinnerungen 1959; Kleines Lumpenbrevier,
Gedichte 1965; Briefe aus der Mitternacht, Gedichte 1971;
Wir müssen weiter, Autobiographie 1979.
Mascha
Kaléko - eigentlich: M. Aufen-Engel, 07.06.1907 Schidlow/Galizien
(Chrzanów/Polen) - 21.01.1975 Zürich. - Lyrikerin. Tochter
russisch-jüdischer Emigranten; kleinbürgerliche Verhältnisse,
1914 flüchtet die Familie nach Deutschland. Ab 1918 in Berlin,
ein Zentrum jüdischen Lebens. Mittlere Reife, Lehre bei
der Arbeiterfürsorge der jüdischen Organisationen Deutschlands,
daneben Abendkurse in Philosophie und Psychologie an der
Humboldt-Universität. 1928 Heirat mit dem Journalisten Saul
Kaléko, Mitarbeiter der ›Jüdischen Rundschau‹. Ab 1929 erste
Gedichte in der ›Vossischen Zeitung‹, der ›Weltbühne‹ u.a.
1933 erste Buchveröffentlichung "Das lyrische Stenogrammheft".
1935 verbrennen die Nationalsozialisten in Berlin ihre Bücher;
1938 Flucht nach New York. Sie schreibt für die deutschsprachige
Exilzeitschrift ›Aufbau‹, Tätigkeit als Werbetexterin. 1960
Emigriation nach Jerusalem. - Zunächst zynisch-spöttische
Zeitgedichte, später fließen die Erfahrungen des Exils in
M. K.s Poesie ein.
WERKE
(Auswahl): Das lyrische Stenogrammheft, Gedichte 1932; Kleines
Lesebuch für Große, Gedichte 1934 u. 1974; Der Papagei,
die Mamagei, Gedichte 1961; Verse in Dur und Moll, Gedichte
1967; Wie's auf dem Mond zugeht, Gedichte 1971; Hat alles
seine zwei Schattenseiten, Gedichte 1973; In meinen Träumen
läutet es Sturm, Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass
München 1977; Der Gott der kleinen Webfehler, Prosa, 1977
und als Paperback: Der Gott der kleinen Webefehler. Spaziergänge
durch New Yorks Lower Eastside u. Greenwich-Village. Mit
einem Nachwort von Horst Krüger. Berlin 1981; Heute ist
morgen schon gestern, Gedichte 1980; Verse für Zeitgenossen.
Hamburg 1980; Der Stern, auf dem wir leben, Gedichte 1984;
Ich bin von anno dazumal. Chansons, Lieder, Gedichte. München
1987; Die paar leuchtenden Jahre. Hg. v. Gisela Zoch-Westphal.
München 2003.
QUELLEN:
Brockhaus-Enzyklopädie
in 24 Bd., 19. Auflage, Mannheim, 1993.
Digitale
Bibliothek: Band 9: Killy Literaturlexikon, (c) Bertelsmann
Lexikonverlag. Band 13: Wilpert, Lexikon der Weltliteratur,
(c) Alfred Kröner Verlag.
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