Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
linie

Leseprobe:

     E l f e   u n d   T i t a n     
von  C h r i s t i n a   D i e h l

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Die Familie Smith empfängt sie zunächst ebenso höflich wie befremdet, doch man kommt sich zunehmend näher. Sie glaubt, in den Augen der Mutter nach einiger Zeit so etwas wie Sympathie zu lesen, die Schwestern verlieren in gleichem Maße an Distanziertheit, und an ihrem Verleger, dem Sohn des Hauses, kann Charlotte nur mehr sympathische Züge finden, nachdem er ihr hier als Privatmann und nicht so sehr geschäftlich gegenübertritt. In dieser Umgebung wird es ihr leicht, andere literarische Größen sehen zu wollen, und so trifft Smith Vorbereitungen für eine Begegnung zwischen William Makepeace Thackeray, dem gefeierten Autor von ›Jahrmarkt der Eitelkeit‹, und der berühmten Autorin von ›Jane Eyre‹. Es mag ihm ein wenig mulmig gewesen sein vor diesem Gipfeltreffen, denn die Charaktere der beiden waren durchaus nicht geeignet, sich zu einem harmonischen Ganzen fügen zu lassen.

Da war Thackeray, geboren in Kalkutta, seit dem sechsten Lebensjahr in England erzogen, danach Cambridgestudent und unermüdlicher Reisender: Frankreich hatte er gesehen, Italien und Deutschland, in Weimar war er gar Goethe begegnet. Nach Hause zurückgekehrt verjubelte er das Vermögen seines verstorbenen Vaters und versuchte sich danach mit Leidenschaft als Schriftsteller. 1849 war er gerade achtunddreißig Jahre alt, schon breitschädelig, mit dem weiten, herabgezogenen Mund, der langen, wenn auch gezähmten Mähne, und der etwas plattgedrückten breiten Nase. Er trat als ein lärmender, sehr selbstbewusster Mensch auf, der sich mit fröhlicher Unbekümmertheit durch das Leben bewegte, spöttisch durch die winzigen Brillengläser spitzte und großzügig seinen Witz in den Salons versprühte.

Charlotte dagegen, die Winzige, die Scheue, die Kurzsichtige, hat fast ihr ganzes Leben in der Heide- und Moorlandschaft um Haworth verbracht ...

2005 © by Christina Diehl

 

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