Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Leseprobe:

  M ä r k i s c h e r   N a p f k u c h e n  
von  A n d r e a s   E r d m a n n

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Es war am Vortag von Pfingsten im Jahr 1816. In Wiepersdorf, auf dem märkischen Landgut des Hauses von Arnim erblühte der Mai. Alles im Garten erstrahlte im Licht: Goldstern und Ginster und wogender Flieder, und hinter den Rosen erstreckten sich Felder im frischen, leuchtenden Grün bis an den schattigen Waldrand.

Droben im Gutshaus bellte der Spitz und erschallte das helle Lachen der Kleinen, während draußen auf der Terrasse Clemens mit seiner Schwester Bettina scherzte. Unterdessen suchte sich Achim bei seinem Freund Wilhelm Gehör zu verschaffen - dieser jedoch hatte allerhand Mühe, den zappelnden Jüngsten der Arnims im Griff zu behalten, bis die Kinderfrau kam und ihm das vor Vergnügen jauchzende Kind - »Hoppla, Herr Grimm!« - aus dem Arm nahm.

Auf einmal begann Margarethe, die Köchin des Hauses, laut zu klagen und rief aus dem Fenster der Küche: »Oh Hilfe, mir stehen die Haare zu Berge! Ich bin wohl mit einem Dutzend Händen am Werk, dabei fehlt mir noch eine Hand zum Rühren des Teigs für unseren Märkischen Napfkuchen.«

»Frau Grethel, ich komme!« rief Clemens zurück und schwang sich in einem Satz von der Bank: »Ich komme, ich eile und fliege zu Ihnen und rühre den Teig. Wozu ist denn meine Dichterhand da?«

»Sie, Herr Brentano, wollen mir helfen?« tönte die Köchin: »Mir scheint, Ihre Hand ist vielmehr zum Rühren poetischer Worte bestimmt.«

»Nicht nur, meine Liebe! Sie werden sehen, in der Hand eines Dichters gerät gar der Kuchen zum schönsten Gedicht.«

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2004 © by Andreas Erdmann

 

Derselbe Autor hat weitere interessante Texte verfasst - für das 19. Jh.:

         S p r a c h m u s i k         
von  A n d r e a s   E r d m a n n

und für die erste Anthologie (20. Jh.)

       E i n e   H i m m e l f a h r t       
von  A n d r e a s   E r d m a n n

 

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