Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Leseprobe:

         S p r a c h m u s i k         
von  A n d r e a s   E r d m a n n

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»Dann sein' S so frei und gehn' S zu ihm 'nein! Der Grillparzer beißt nicht.«
»Tja, aber...«, setzte die andere an, biss sich auf die Lippen - sprach weiter: »Ich... ich war ja erst vor ein paar Tagen bei ihm und bin ihm heut vielleicht nicht willkommen.«
»Nicht willkommen? A Schmäh, wie kommn' S darauf!?« fragte Frau Kathi verwundert.
»Ach, wissen' S, ich las ihm neulich ein neues Drama von mir. Und er fand es vermutlich ermüdend und wenig dramatisch. Denn als ich zum Schluss kam, fällte er gar kein Urteil und zeigte mir bloß den Hauch eines Lächelns auf seinem teuren, tiefernsten Antlitz.«
»Demnach hat er ihr Theaterstück nicht getadelt...«
»Nein, das nicht, aber auch nicht gelobt. Ich fürchte, ich raubte ihm bloß seine kostbare Zeit«, sagte die junge Frau, senkte den Blick und bemerkte: »Kein Wunder, mir fehlt wohl die Reife, um solch einen melodischen Klang und rhythmischen Zauber im Wort zu erzeugen, wie es dem alten Herrn selber in seinen Versen gelingt.«
»Nu, reden' S kei Schmarrn, meine Teuerste!« trat ihr Frau Kathi schmunzelnd entgegen: »Sie sind in der Kunst höchst begnadet und schreiben die besten Geschichten. Und außerdem... Sie kennen doch unsern Grillparzer! Er verkörpert gewiss den größten noch lebenden Dichter in Öst'reich, und viele Autoren landauf, landab streiten schon um seine Nachfolge. Er findet's abscheulich, und, um dem Streit nicht zum Krieg aufzuschüren, hütet er sich, jedwedem andern ein Lob auszusprechen.«
»Ja, ja, ich weiß...« - »Doch was nun Ihre Person und Ihr Drama betrifft: Sein' S sicher, wenn ihm das Stück nicht zug'sagt hätt, würd er mir und meinen Schwestern davon erzählt haben. Doch da er kei einzig's Wort darüber erwähnte, können' S ganz sicher sein, dass ihm Ihre Verse sehr wohl gefielen.«
»Meinen Sie wirklich?« fragte Marie, woraufhin ihr Frau Kathi wohlwollend zunickte: »Also gehen' S ruhig zu ihm und bereiten' S ihm eine Freude! Denn Sie und ihre Poesie, meine Liebe, sind beim Grillparzer allezeit ein willkommener Gast!«

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2005 © by Andreas Erdmann

 

Derselbe Autor hat weitere interessante Texte verfasst - für das 19. Jh.:

    M ä r k i s c h e r   N a p f k u c h e n    
von  A n d r e a s   E r d m a n n

und für die erste Anthologie (20. Jh.)

       E i n e   H i m m e l f a h r t       
von  A n d r e a s   E r d m a n n

 

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