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»Dann sein' S so frei und gehn' S zu ihm 'nein! Der
Grillparzer beißt nicht.«
»Tja, aber...«, setzte die andere an, biss sich
auf die Lippen - sprach weiter: »Ich... ich war ja
erst vor ein paar Tagen bei ihm und bin ihm heut vielleicht
nicht willkommen.«
»Nicht willkommen? A Schmäh, wie kommn' S darauf!?«
fragte Frau Kathi verwundert.
»Ach, wissen' S, ich las ihm neulich ein neues Drama
von mir. Und er fand es vermutlich ermüdend und wenig dramatisch.
Denn als ich zum Schluss kam, fällte er gar kein Urteil
und zeigte mir bloß den Hauch eines Lächelns auf seinem
teuren, tiefernsten Antlitz.«
»Demnach hat er ihr Theaterstück nicht getadelt...«
»Nein, das nicht, aber auch nicht gelobt. Ich fürchte,
ich raubte ihm bloß seine kostbare Zeit«, sagte die
junge Frau, senkte den Blick und bemerkte: »Kein Wunder,
mir fehlt wohl die Reife, um solch einen melodischen Klang
und rhythmischen Zauber im Wort zu erzeugen, wie es dem
alten Herrn selber in seinen Versen gelingt.«
»Nu, reden' S kei Schmarrn, meine Teuerste!«
trat ihr Frau Kathi schmunzelnd entgegen: »Sie sind
in der Kunst höchst begnadet und schreiben die besten Geschichten.
Und außerdem... Sie kennen doch unsern Grillparzer! Er verkörpert
gewiss den größten noch lebenden Dichter in Öst'reich, und
viele Autoren landauf, landab streiten schon um seine Nachfolge.
Er findet's abscheulich, und, um dem Streit nicht zum Krieg
aufzuschüren, hütet er sich, jedwedem andern ein Lob auszusprechen.«
»Ja, ja, ich weiß...« - »Doch was nun
Ihre Person und Ihr Drama betrifft: Sein' S sicher, wenn
ihm das Stück nicht zug'sagt hätt, würd er mir und meinen
Schwestern davon erzählt haben. Doch da er kei einzig's
Wort darüber erwähnte, können' S ganz sicher sein, dass
ihm Ihre Verse sehr wohl gefielen.«
»Meinen Sie wirklich?« fragte Marie, woraufhin
ihr Frau Kathi wohlwollend zunickte: »Also gehen'
S ruhig zu ihm und bereiten' S ihm eine Freude! Denn Sie
und ihre Poesie, meine Liebe, sind beim Grillparzer allezeit
ein willkommener Gast!«
...
2005
© by Andreas Erdmann
Derselbe
Autor hat weitere interessante Texte verfasst - für
das 19. Jh.:
M
ä r k i s c h e r N a p f k u c h e n
von A n d r e a s E r d m a n n
und
für die erste Anthologie (20. Jh.)
E
i n e H i m m e l f a h r t
von A n d r e a s E r d m a n n
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