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... Es
freute Wieland, dass ihn ein junger Dichter aufgesucht hatte,
aber es war auch ein zwiespältiges Gefühl, schon seit einiger
Zeit zog er sich am liebsten in sein Schneckenhaus zurück.
Er glaubte oft, nicht mehr zu Gesprächen mit den Jungen
zu taugen.
Nun
sah er in das glatte, fast mädchenhafte Gesicht seines Besuchers,
ein Gesicht mit Ponyfransen, das Gesicht eines recht unkriegerischen
Mannes, dem man es nicht ohne weiteres abnahm, dass er in
Kriegsdienste treten wollte. Es war eher ein Schöngeist,
der ihm von den letzten Tagen in Weimar erzählte, ein Mann,
von dem er nicht hätte sagen können, ob seine Natur viel
versprach oder ob ihm seine schwachen Nerven schon bald
üble Streiche spielen würden. Wie dem armen Lenz, fiel ihm
ein, den Goethe vom Hofe verjagt hatte, dem Waldbruder mit
seinen Krankheitsausbrüchen und Selbstmordversuchen, der
nun schon fast ein Dutzend Jahre tot war, einsam auf einer
Moskauer Straße verkommen, verrückt und doch genial. Nein,
mit den Worten genial und Genie, dachte Wieland, sollte
man sorgsam umgehen. Was hatte Lessing so genialisch gesagt:
Wer mich ein Genie nennt, dem geb ich ein paar Ohrfeigen,
dass er denken soll, es wären vier!
Das
Gespräch kam nur schleppend in Gang. Es war trotz Wielands
Freude über den Gast zunächst höfliche Konversation, Gerede
mit Stockungen, mit nur angedeuteten und abgebrochenen Einfällen.
Wieland war begierig darauf, zu hören, wie weit Kleists
Manuskript Robert Guiskard, Herzog der Normänner,
das in der Schweiz begonnen worden war, inzwischen gediehen
sei, aber Kleist wehrte ab. Er wolle an einem der nächsten
Tage mit ihm ausführlich darüber reden, denn es läge ihm
viel an seinem Urteil. Wieland begann erneut über Parks
und Gärten zu sprechen und über das Glück des Landlebens.
»Mein
Park«, sagte er, »ist kein üppiger Garten eines
Alcinous oder der Hesperiden, aber ich konnte hier zurückgezogen
leben und musste dabei nicht zum Verächter des Schönen und
zum Feind des Vergnügens werden. Lieber wäre es mir freilich
gewesen, wenn alle, die ich liebe, hierher gekommen wären
und wir hätten - wie einst Stadion in Warthausen - eine
kleine Republik von guten Menschen gründen können.«
»Hätten
Sie mich gern einbezogen?«, fragte Kleist ein wenig
süffisant. Er wusste, dass ein höflicher Mensch diese Frage
bejahen musste.
Aber
Wieland überlegte und sah ihn nachdenklich an. Was hatte
er da von guten Menschen gefaselt? War es wichtig, dass
die Mitglieder eines Literatenkreises gute Menschen waren?
War nicht eher ihre Phantasie gefragt, ihre Denkfähigkeit
und ihre Toleranz? Für das, was man landläufig einen guten
Menschen nannte, hielt er Kleist nicht. Er mochte ihn sehr,
gleichzeitiig irritierte ihn dessen merkwürdige Mischung
von extremer Zartheit und versteckter Brutalität, die er
bei sich selbst immer gezügelt hatte, hinzu kam eine Neigung
zur Selbstzerstörung, die er an ihm beobachtet zu haben
glaubte. ...
2004
© by Lilo Ulja Heimann
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