Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Leseprobe:

   W i n t e r t a g e   i m   O s m a n t i n o   
von  L i l o   U l j a   H e i m a n n

Für Viola, die mit in Ossmannstedt war.

... Es freute Wieland, dass ihn ein junger Dichter aufgesucht hatte, aber es war auch ein zwiespältiges Gefühl, schon seit einiger Zeit zog er sich am liebsten in sein Schneckenhaus zurück. Er glaubte oft, nicht mehr zu Gesprächen mit den Jungen zu taugen.

Nun sah er in das glatte, fast mädchenhafte Gesicht seines Besuchers, ein Gesicht mit Ponyfransen, das Gesicht eines recht unkriegerischen Mannes, dem man es nicht ohne weiteres abnahm, dass er in Kriegsdienste treten wollte. Es war eher ein Schöngeist, der ihm von den letzten Tagen in Weimar erzählte, ein Mann, von dem er nicht hätte sagen können, ob seine Natur viel versprach oder ob ihm seine schwachen Nerven schon bald üble Streiche spielen würden. Wie dem armen Lenz, fiel ihm ein, den Goethe vom Hofe verjagt hatte, dem Waldbruder mit seinen Krankheitsausbrüchen und Selbstmordversuchen, der nun schon fast ein Dutzend Jahre tot war, einsam auf einer Moskauer Straße verkommen, verrückt und doch genial. Nein, mit den Worten genial und Genie, dachte Wieland, sollte man sorgsam umgehen. Was hatte Lessing so genialisch gesagt: Wer mich ein Genie nennt, dem geb ich ein paar Ohrfeigen, dass er denken soll, es wären vier!

Das Gespräch kam nur schleppend in Gang. Es war trotz Wielands Freude über den Gast zunächst höfliche Konversation, Gerede mit Stockungen, mit nur angedeuteten und abgebrochenen Einfällen. Wieland war begierig darauf, zu hören, wie weit Kleists Manuskript Robert Guiskard, Herzog der Normänner, das in der Schweiz begonnen worden war, inzwischen gediehen sei, aber Kleist wehrte ab. Er wolle an einem der nächsten Tage mit ihm ausführlich darüber reden, denn es läge ihm viel an seinem Urteil. Wieland begann erneut über Parks und Gärten zu sprechen und über das Glück des Landlebens.

»Mein Park«, sagte er, »ist kein üppiger Garten eines Alcinous oder der Hesperiden, aber ich konnte hier zurückgezogen leben und musste dabei nicht zum Verächter des Schönen und zum Feind des Vergnügens werden. Lieber wäre es mir freilich gewesen, wenn alle, die ich liebe, hierher gekommen wären und wir hätten - wie einst Stadion in Warthausen - eine kleine Republik von guten Menschen gründen können.«

»Hätten Sie mich gern einbezogen?«, fragte Kleist ein wenig süffisant. Er wusste, dass ein höflicher Mensch diese Frage bejahen musste.

Aber Wieland überlegte und sah ihn nachdenklich an. Was hatte er da von guten Menschen gefaselt? War es wichtig, dass die Mitglieder eines Literatenkreises gute Menschen waren? War nicht eher ihre Phantasie gefragt, ihre Denkfähigkeit und ihre Toleranz? Für das, was man landläufig einen guten Menschen nannte, hielt er Kleist nicht. Er mochte ihn sehr, gleichzeitiig irritierte ihn dessen merkwürdige Mischung von extremer Zartheit und versteckter Brutalität, die er bei sich selbst immer gezügelt hatte, hinzu kam eine Neigung zur Selbstzerstörung, die er an ihm beobachtet zu haben glaubte. ...

2004 © by Lilo Ulja Heimann

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