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Rom,
30. Mai 1890
Schwarze Wolken verdunkelten den eben noch strahlend blauen
Himmel über Rom. Frühlingsgewitter, schon seit Tagen. In
seinem Kopf klang immer noch das großartige Gedicht nach,
von Trauer und Hoffnung, von Unruhe und Aufbruch, Adagio
sostenuto. Beethoven. Seit seiner Kindheit begleiteten
ihn die Schöpfungen dieses Genius und hatten ihm schon so
oft Rettung aus seelischer Not gebracht.
Vor
ihm auf dem Schreibtisch lagen drei Blätter aus veilchenblauem
Papier, darauf akkurate Zeilen in großer, klarer Schrift.
Romain griff nach dem Brief und las: Leidenschaftliche
Freundschaft
zunichte gewordene Illusion. Malwida
von Meysenbug hatte diese Worte geschrieben. Sie erwartete
eine Erklärung. Ach, sie wusste ja nichts, seine Idealistin.
Er war doch wie immer gewesen, mal schweigsam, mal gesprächig.
Warum hatte sie plötzlich kein Vertrauen mehr zu ihm? Sie
konnte ihm nichts vorwerfen. Nicht wegen des Klavierspiels
war er in den vergangenen Tagen der Villa Mattei ferngeblieben.
Es störte ihn nicht, wenn Donna Laura Minghetti bei Einladungen
in ihren Salon ankündigte, Signore Rolland würde kommen
und wieder spielen. Nein, am Piano kannte er keine Schüchternheit.
Da hatte er nur die Kompositionen der großen Meister im
Kopf und vergaß alles um sich herum.
Der
Grund für sein Fernbleiben war ein anderer, aber das konnte
sie nicht wissen. Konnte sie denn sehen, wie es in ihm loderte?
Unmöglich, sein Geheimnis preiszugeben, es ging ja nicht
um ihn allein.
...
2005
© by Renate Hupfeld
Die
Autorin hat aktuell einen Band über den Theologen
und Schriftsteller Theodor Althaus herausgegeben:
Theodor
Althaus
Zeitbilder 1840-1850
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