Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Leseprobe:

    G a r t e n g e s p r ä c h    
von  A n d r e a   K i e n i t z

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Er reichte ihr seinen Arm und sie genossen erst einmal still den unverstellten Blick von der Freitreppe vor seinem Schloss über die endlos scheinende Wiese bis hin zu dem terrassenförmig ansteigenden Hügel, auf dem gerade ein kleines Bauwerk entstand. »Die Natur ist das dankbarste, wenn auch unergründlichste Studium, denn sie macht den Menschen glücklich, der es sein will.«
»Wie bitte?«
»Das war eine Anregung, die ich als junger Mann während meiner Kavalierstour bekam. Und zwar von keinem Geringeren als Goethe selbst.«
»Du hast den Meister persönlich gekannt?« Beinahe wäre sie die Treppe hinuntergefallen, so heftig wandte sie sich ihrem Begleiter zu. Er fasste ihren Arm fester und hielt sie so in der Balance.
»Ich habe ihn leibhaftig getroffen, ja. Und er war von großer Liebenswürdigkeit, auch wenn mein Auftritt bei ihm nicht dermaßen furios ausfiel, wie deiner.
Ihre Faust hämmerte leicht gegen seine Brust. »Sei nicht so respektlos! Er war das wunderbarste Wesen auf Gottes weiter Erde. Niemand ist ihm auch nur annähernd gleich!« Sie atmete tief durch. »Und deshalb möchte ich ihm ein Denkmal setzen!«
»Du möchtest eine Art Gedenkstein entwerfen?« Er schob sie auf den Weg, der rechts in seine Anlagen abzweigte und an dem einige herrliche, bereits ausgewachsene Kastanien standen.
»Das auch. Aber jetzt geht es mir zunächst um eine literarische Widmung, eine Art Biographie über ihn.«
Er dachte kurz nach. »Eine hübsche Idee von dir, aber ist sie lohnenswert? Seit der Geheimrat im letzten Jahr starb, haben eine Menge anderer Leute denselben Einfall gehabt. Allenthalben ist von biographischen Entwürfen die Rede.«
»Mein Konzept ist aber anders als das von jedermann. Ich will sein Leben aus authentischem Material formen, von dem ich einiges gesammelt habe. Damals, in Frankfurt, hat mir seine Mutter viel aus seiner Kindheit erzählt und natürlich habe ich unsere gesamte Korrespondenz aufgehoben...«

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Dieselbe Autorin hat einen weiteren interessanten Text für die Anthologie verfasst:

E r e m i t   u n d   A d l e r
von  A n d r e a   K i e n i t z

 

2004 © by Andrea Kienitz

 

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