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Er
reichte ihr seinen Arm und sie genossen erst einmal still
den unverstellten Blick von der Freitreppe vor seinem Schloss
über die endlos scheinende Wiese bis hin zu dem terrassenförmig
ansteigenden Hügel, auf dem gerade ein kleines Bauwerk entstand.
»Die Natur ist das dankbarste, wenn auch unergründlichste
Studium, denn sie macht den Menschen glücklich, der es sein
will.«
»Wie bitte?«
»Das war eine Anregung, die ich als junger Mann während
meiner Kavalierstour bekam. Und zwar von keinem Geringeren
als Goethe selbst.«
»Du hast den Meister persönlich gekannt?« Beinahe
wäre sie die Treppe hinuntergefallen, so heftig wandte sie
sich ihrem Begleiter zu. Er fasste ihren Arm fester und
hielt sie so in der Balance.
»Ich habe ihn leibhaftig getroffen, ja. Und er war
von großer Liebenswürdigkeit, auch wenn mein Auftritt bei
ihm nicht dermaßen furios ausfiel, wie deiner.
Ihre Faust hämmerte leicht gegen seine Brust. »Sei
nicht so respektlos! Er war das wunderbarste Wesen auf Gottes
weiter Erde. Niemand ist ihm auch nur annähernd gleich!«
Sie atmete tief durch. »Und deshalb möchte ich ihm
ein Denkmal setzen!«
»Du möchtest eine Art Gedenkstein entwerfen?«
Er schob sie auf den Weg, der rechts in seine Anlagen abzweigte
und an dem einige herrliche, bereits ausgewachsene Kastanien
standen.
»Das auch. Aber jetzt geht es mir zunächst um eine
literarische Widmung, eine Art Biographie über ihn.«
Er dachte kurz nach. »Eine hübsche Idee von dir, aber
ist sie lohnenswert? Seit der Geheimrat im letzten Jahr
starb, haben eine Menge anderer Leute denselben Einfall
gehabt. Allenthalben ist von biographischen Entwürfen die
Rede.«
»Mein Konzept ist aber anders als das von jedermann.
Ich will sein Leben aus authentischem Material formen, von
dem ich einiges gesammelt habe. Damals, in Frankfurt, hat
mir seine Mutter viel aus seiner Kindheit erzählt und natürlich
habe ich unsere gesamte Korrespondenz aufgehoben...«
...
Dieselbe
Autorin hat einen weiteren interessanten Text für die
Anthologie verfasst:
E
r e m i t u n d A d l e r
von A n d r e a K i e n i t z
2004
© by Andrea Kienitz
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