Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Leseprobe:

    E r e m i t   u n d   A d l e r    
von  A n d r e a   K i e n i t z

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Lou las zum hundertsten Mal das kleine Briefchen, das am Nachmittag unter ihrer Zimmertür durchgeschoben worden war. ›Kommen Sie in der Dämmerung zum Löwendenkmal‹, stand darin. Auch ohne das Kürzel F. N. darunter hätte sie keinen Zweifel am Urheber gehabt.
Inzwischen war ihre kleine Reisegruppe in Luzern angekommen. Sie hatten sich einen friedlichen gemeinsamen Stadtbummel gegönnt, besagtes Denkmal inbegriffen. Paul und ihre Mutter waren schon weiter spaziert, während Nietzsche die Stimme senkte und ihr zuraunte, der Löwe wäre das wahre Symbol ihres Charakters. Schon auf dem Gipfel des Orta hatte er sie mit einem Adler verglichen und so schmeichelhaft das sicher auch gemeint war - diese ganze Tiermetaphorik wurde ihr einfach zuviel. Und nun? Sollte sie der Aufforderung nachkommen? Welche Inszenierung würde jetzt folgen?

Sie starrte ungläubig auf den knienden Nietzsche. Sie war versucht, ganz undamenhaft mit dem Fuß aufzustampfen und noch viel undamenhaftere Worte in ungebührlicher Lautstärke auszustoßen.
»Bitte, Professor, stehen Sie doch auf!« Sie öffnete die oberen drei Knöpfe ihres Stehkragens. Der Gelehrte hatte kaum Zeit, sein derangiertes Äußeres zurechtzurücken, als Lou ihn schon mit einem deutlichen »Nein!« konfrontierte.
»Wie kommen Sie eigentlich dazu, mich in eine so unangenehme Lage zu bringen? Ich hatte Ihre Frage bereits in Rom eindeutig beantwortet!«
Nietzsche setzte zu einer Erwiderung an, krächzte etwas Unverständliches, räusperte sich, schluckte und sagte schließlich: »In Rom hatte ich uns keine Zeit zum gegenseitigen Verstehen gelassen. Aber jetzt, nach der beglückenden Wanderung auf den Orta, nach all der Übereinstimmung, nachdem wir beschlossen haben, gemeinsam den Weg zu gehen, da hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, Ihnen nochmals diesen Vorschlag zu unterbreiten.«
»Vorschlag? Einer Frau die Ehe anzutragen, nennen Sie einen Vorschlag?«
Der Professor schien Interessantes auf seinen Schuhspitzen entdeckt zu haben, strich abwesend sein Haar nach hinten und warf schließlich einen kurzen Seitenblick auf die junge Frau vor ihm. »Ich habe keine andere Möglichkeit gesehen, unsere Gemeinschaft fortzusetzen. Auf meinen neuen Wegen kann ich nicht auf Sie verzichten.«
»Sie haben wahrhaftig neue Pfade aufgezeigt, Professor. Aber wollen Sie Ihre schöne neue Welt gleich wieder mit alten Konventionen verderben? Soll Ihr Löwe einen Maulkorb tragen? Wollen Sie Ihrem Adler die Flügel stutzen?«
Er reichte Lou seine Hand, die sie gleich ergriff und sein Lächeln erreichte ihr Herz. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag, der Ihnen sicher besser gefällt. Für den Sommer werde ich mein Domizil in Tautenburg aufschlagen, ein idyllisches und angenehm ruhiges Dorf. Wenn es Ihre zukünftigen Pläne zulassen, würde ich Sie dort gern als meinen Gast begrüßen. Wir hätten genügend Muße für weitere gemeinsame Studien. In dem Ort gibt es eine Reihe adretter Fremdenzimmer. Sie könnten sich beim Pfarrer einquartieren, wo auch meine Schwester wohnen wird, um in Ruhe ihre Novellenpläne verwirklichen zu können. Was sagen Sie zu diesem Arrangement?«
»Dazu sage ich von Herzen gern ja, Professor. Ihr Vorschlag ist ganz nach meinem Geschmack.«

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Dieselbe Autorin hat einen weiteren interessanten Text für die Anthologie verfasst:

G a r t e n g e s p r ä c h
von  A n d r e a   K i e n i t z

 

2005 © by Andrea Kienitz

 

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