Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Leseprobe:

Z w i s c h e n   A b g r u n d   u n d   A p f e l b a u m
von  C h r i s t a   S c h m i d - L o t z

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Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Eduard wurde es warm in seiner wollenen Jacke. Die blonden Locken, die unter dem Filzhut hervorquollen, waren feucht vom Schweiß. Eduard rückte seine Brille gerade und blinzelte in das flirrende Licht, das die grünhüglige Landschaft leuchten und die Äpfel in den Bäumen rot aufglänzen ließ. Endlich Ruhe! Eduard hörte die Lerchen hoch oben in der Luft, ein Bach mäanderte durch grüne Wiesen. Unbeweglich stand der Reiher an seinem Ufer, das von Silberweiden und Erlen gesäumt war. In der Ferne sah der Dichter die Burg Weibertreu auftauchen, an deren Fuß Kerner sich vor Jahren ein Haus gebaut hatte. Das Kernerhaus war berühmt im Lande, alles, was literarischen Rang und Namen hatte, aber auch Grafen, Wanderer und Studenten, fanden Aufnahme und wurden reich bewirtet.

Der Freund Justinus eilte ihm entgegen. Sein fleischiges Gesicht mit den Hängebäckchen und den blanken Augen überstrahlte einen Anflug der Schwermut, der auf seiner massigen Gestalt zu liegen schien.
»Eduard, wie lacht mir das Herz, dich endlich hier begrüßen zu können! Ist daheim alles in Ordnung?«
»Klara und ich werden bald eine Kur in Bad Mergentheim machen. Die Mutter möchte nicht dabei sein, sie muss unser Pfarrhaus vor den Gespenstern hüten, meint sie.«
»Ach, ist der Barausch, der alte Pfaffenschlingel, wieder aufgetaucht?« »Nicht nur der. Ständig gehen Lichter um, es kracht und knarrt. Wir können kaum noch schlafen.«
»Du bist das Medium, Eduard. In dir zeigen sich Abgründe, neben der lichten auch die Nachtseite des Lebens.«
»Mir wäre es lieber, wenn sich weniger Abgründe zeigen würden, besonders, was meine Gesundheit betrifft. Und das Schreiben von Predigten.«
»Fällt dir das immer noch so schwer?«
»Ich bin froh, wenn der Vikar sie schreibt und auch für mich auf die Kanzel steigt.«
»Meiner Meinung nach ist es das beste, was du nach deiner schweren Krankheit tun kannst: spazieren gehen, im Rosengarten sitzen und dichten.«
»Die Bauern sagen, ich sei ein faules Luder.«
»Die wissen eben nicht, was es heißt, Pfarrer und gleichzeitig Dichter zu sein.«
»Ach, Justinus, wenn du nicht gewesen wärst mit deiner Medizin, ich wäre wohl nicht mehr am Leben.«

Vom Gartentor her rief jemand Eduards Namen. Er wandte sich um. Diese kleine, unscheinbare, gedrungene Gestalt, die kräftige Nase, die blauen Augen und der graue Lockenkranz um die spiegelnde Fläche seines Hauptes ...
»Uhland!«, rief er aus. »Seit den Tübinger Tagen haben wir uns nicht mehr gesehen!«

2003 © by Christa Schmid-Lotz

 

Die Autorin hat sich sehr intensiv mit dem 1804 geborenen Eduard Mörike befasst. Anlässlich seines 200. Geburtsjahres hat Christa Schmid-Lotz ein biografisches Werk veröffentlicht, das durch sieben Stationen seines Lebens führt!

 

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