Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Leseprobe:

R e n z e n s   G e h e i m n i s
von  T h o m a s   D u n z w e i l e r

...

Im Lager angekommen ließ er sogleich den diensthabenden Feldwebel kommen und eröffnete ihm den Befehl Lützows.
»So, Münsterling, dann teilen Sie die Rekruten für die Wache des Husaren-Gepäcks ein. Am besten, immer vier Mann. Ist ja nicht soviel, was die Herren zurücklassen. Ich werde später die Wachen kurz kontrollieren. Für den Rest gilt Nachtruhe. Wecken der Einheit kurz vor Sonnenaufgang. Noch Fragen?
»Nein, Herr Leutnant.«
»Gut, Feldwebel, dann Ihnen einen ruhigen und vor allem ungestörten Schlaf.«
»Danke, Herr Leutnant. Wünsche Ihnen auch eine angenehme Nachtruhe. Melde mich ab.«
Während der Feldwebel wegtrat, sah ihm Körner kurz versonnen nach. »Welch seltsamer Haufen. Hier werden die altgedienten Soldaten von Studenten und Künstlern kommandiert.« dachte er. »Wohin es uns wohl führen wird?«

*

Eine Stunde später machte er sich auf den Weg, die Wachen zu inspizieren.
»Halt! Wer da?« fuhr ihn plötzlich eine Stimme aus einem Busche an.
»Stehen bleiben, oder ich schieße!!«
»Nur die Ruhe, Kamerad! Leutnant Körner hier! Auf Rundgang.« Schweigen, gefolgt von einem kurzen, heftigen Rascheln des Busches.
»Körner? Theodor Körner?«
»Immer noch und immer wieder. Seit mein Vater mich zum ersten Mal sah.«
»Dann seid Ihr wahrhaftig nicht für immer in Wien geblieben!« Wieder ein kurzes, heftiges Rascheln des Busches. Hervor trat ein junger Mann mit wilder Haartolle und Oberlippenbart.
»Eichendorff??«
»In voller Pracht, Herr Leutnant.«
»Was macht Ihr denn hier?«
»Seltsame Frage für einen Lyriker, der Krieg spielt.«
»Ein Spiel ist es ja nicht. Aber im Ernst. Ich dachte, Ihr wäret in Österreich geblieben. Hattet Ihr dort nicht einen Posten in der Verwaltung?«
»Das war.«
»Das war? Klingt mir ein zu wenig lapidar für eine Entscheidung dieser Tragweite. Woher der Sinneswandel?«
»Nun, kann man in diesen Zeiten hinter dem Ofen sitzen und den Gang der Dinge abwarten?«
»Man kann. Das wisst Ihr nur zu gut. Raus mit der Sprache, wie heißt sie?«
»Immer noch Luise.«
»Luise.. Mir scheint, das Gespräch könnte länger dauern. Wie lange noch auf Wache?«
»Zwei Stunden noch. Dann wird gewechselt.«
»Ich mache Euch einen Vorschlag. Nach der Wache geht Eure Waffe reinigen, Verpflegung fassen und anschließend findet Ihr euch bei mir ein.«
»Klingt gut. Wie finde ich Euch?«
»Bei der Eiche, die Soldaten werden Euch den Weg weisen.«
»Gut, dann sehen wir uns in gut drei Stunden. Melde mich ab, Herr Leutnant.« sprach er mit einem Lächeln auf dem Gesicht und verschwand wieder hinter dem Busche.

...

2003 © by Thomas Dunzweiler

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Derselbe Autor hat einen weiteren interessanten Text für die erste Anthologie (20. Jh.) verfasst:

     V o r   d e m   S t u r m   d e r   R e v o l u t i o n     
von  T h o m a s   D u n z w e i l e r

 

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