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DIE MARABOUT-SEITE
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   TEXTE GESUCHT
   BEGEGNUNGEN 8.-18.JH.
     W. von Eschenbach - W. von der Vogelweide
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Last Update: 17.09.05

 


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Leseprobe:

A m   H o f   z u   E i s e n a c h   i m   J a h r e   d e s   H e r r n  1 2 0 6
von   K a t i a   F o x

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Wolfram ließ den schweren Vorhang zur Seite gleiten, der das winzige Fenster seiner Kammer bedeckte und ihn vor der eisigen Kälte und dem schneidenden Wind schützte. Er starrte hinaus, bis seine Augen brannten. Immer wieder musste er mit dem Ärmel darüber wischen, weil sie vor Tränen überliefen. Dicker Raureif überzog die kahlen Bäume, deren knorrige Äste sich wie dünne Arme in die Luft streckten. Still und verlassen lag der Burghof da. Niemand wollte sich bei solch einer Kälte draußen aufhalten. Nur eine einzige Magd überquerte schleichend den Hof, um Wasser für die Küche zu holen. Ihre Hände waren so feuerrot, dass Wolfram beinahe fühlen konnte, wie sehr sie schmerzen mussten. Plötzlich kam Bewegung in die Stille, Hufgetrappel ertönte und die Magd sah erschrocken auf. Als die Reiterschar im Hof erschien, eilte sie hastig davon. Wolfram atmete befreit auf. Der Herr von Eisenach, Landgraf Hermann von Thüringen war zurück. Geschwind schnappte er sich seinen mit Eichhörnchenfell gefütterten Mantel, ein Geschenk des Grafen, und eilte nach unten. Auf der Treppe stieß er beinahe mit seiner Herrin zusammen, die in Begleitung ihrer Zofe ihrem Gemahl entgegeneilte. Wolfram verbeugte sich galant, aber die Gräfin würdigte ihn keines Blickes, ließ sich nicht einmal zu einem huldvollen Kopfnicken herab. Zu oft hatte er sie wohl in den letzten Wochen zurückgewiesen und damit wie es schien den Anspruch auf ihre Zuneigung verwirkt.

Die Erde des Burghofes war gefroren und die Pfützen vereist, so dass der Weg zu einer Schlitterpartie wurde. Als Wolfram schließlich seinen Herrn erreicht hatte, waren die Reisenden bereits abgesessen. Hermann von Thüringen begrüßte seine Frau höflich aber ohne erkennbare Herzenswärme. Die Gleichgültigkeit der Eheleute beruhte auf Gegenseitigkeit, was aber nicht bedeutete, dass der Graf einen Fehltritt seiner Gemahlin gut geheißen hätte.
»Wolfram!« rief er freudig aus, als er seinen Dichter erblickte.
»Willkommen Daheim, Mein Herr!«, erwiderte Wolfram lächelnd und verbeugte sich.
»Seht nur, wen ich zu unserer Erbauung und sicher auch zu Eurer Freude mitgebracht habe!«
Herman von Thüringen deutete auf einen eleganten, recht bunt gekleideten Mann mit blonden Locken. Wolfram schätzte, dass er ungefähr so alt sein mochte, wie er selbst, auch wenn er fand, dass er durch die auffällige Kleidung jugendlicher aussah. Neugierig betrachte er den Fremden, sein prächtiges Pferd und den Stoffsack, den er in der Rechten trug. Wolfram spürte ein winziges, kaum wahrnehmbares Lächeln um seinen Mund spielen. Ein neues Opfer für die Landgräfin, ging es ihm durch den Kopf und als er zu seiner Herrin sah, erkannte er das lüsterne Aufleuchten in ihren Augen und fand sich bestätigt. Dankbar und ein wenig mitleidig sah er den Fremden an und grüßte mit einem eleganten Kopfnicken.

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2004 © by Katia Fox

 

Dieselbe Autorin hat einen weiteren interessanten Text für die zweite Anthologie (19. Jh.) verfasst:

     S e i d e n b r o k a t   u n d   C h a m p a g n e r f r a p p é     
von  K a t i a   F o x

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