DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 26. Mai 1995

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Südafrika ·  
Mail & Guardian, South Africa


"Ein leidenschaftlicher Ruf aus einem nigerianischen Gefängnis"",

So betitelt die südafrikanische Wochenzeitung Mail & Guardian einen Brief des nigerianischen Schriftstellers und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa, der diesen der Redaktion aus einem Militärhospital seines Landes zukommen ließ.

Eine Kürzung oder Streichung innerhalb des Briefes ist nicht erkennbar. Ken Saro-Wiwa beginnt mit seiner ein Jahr zurück liegenden Inhaftierung, spricht von einem "Känguruh-Gericht", ein Spitzname für ein besonderes Militärgericht, wo ein Verfahren gegen ihn eröffnet wurde, bei dem "das Urteil im Voraus gefällt worden war, ein Todesurteil, gegen das es keine Berufung gibt, ist sicher".

Saro-Wiwa fragt sich, ob er sich dies nur einbilde und fährt fort: "Kaum. Die Menschen, die für diese Show der Scham verantwortlich sind und sie überwachen, diese tragische Scharade, haben Angst vor dem Wort, vor der Macht der Ideen, der Macht der Feder; vor den Forderungen sozialer Gerechtigkeit und den Menschenrechten. Auch haben sie keinen Sinn für Geschichte. Sie haben soviel Angst vor der Macht des Wortes, dass sie nicht lesen. Und das ist ihr Ende."

Er schreibt im Folgenden von seinem Entschluss, sein Volk, das der Ogoni, zu mobilisieren. Als er damit begonnen hatte, um "sie zu befähigen gegen die Umweltzerstörung durch Shell zu protestieren, und gegen ihre Verunglimpfung und Entmenschlichung durch die Militärdiktatoren Nigerias, hatte ich keinen Zweifel, wo es enden könnte. Dieses Wissen hat mir Kraft gegeben, Mut und Heiterkeit - und einen psychologischen Vorteil über meine Folterer".

Es heißt weiter: "Erst gestern, erfüllte der Geist der Ogoni meine Zelle durch ein liebliches Gedicht von  Jack Mapanje, den Veteran aus Kamuzu Bandas Gefängnis: vier Jahre ohne Anklage." Er habe, schreibt Ken Saro-Wiwa, Jack 1992 persönlich in Potsdam getroffen und sich gefragt, wie er alles hatte überleben können.

An der Universität von Leeds sei das Gedicht geschrieben worden und es habe ihn genötigt, "den Harnisch des Humors überzustreifen". Die Grußbotschaft sei am Ende auch von Chengerai Hove unterzeichnet gewesen, des mit Preisen ausgezeichneten Romanciers aus  Simbabwe. "Wie wundervoll zu wissen", sagt der Inhaftierte, "wie viele großartige Menschen, helle Köpfe, sich um das eigene Wohlergehen sorgen".

Bevor Ken Saro-Wiwa seinen Aufruf zum Weiterkämpfen wiederholt, kommt er auf die Rolle der britischen Regierung zu sprechen, der er vorwirft, die nigerianische Militärdiktatur mit Waffen und Krediten zu versorgen, "im vollen Bewusstsein, dass all diese Waffen gegen unschuldige, unbewaffnete Bürger genutzt würden."

(...)

"Ich grüße Euch alle - Ken Saro-Wiwa, Militärhospital, Port Harcourt, Nigeria"

Es folgen weitere Briefe verschiedener Absender, die auf die Person von Ken Saro-Wiwa und die politische Situation in Nigeria eingehen, insbesondere auf die Auswirkungen des Engagements des Shell-Konzerns im Lande. · (Mail & Guardian, ÜEK: J.K.)

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Quelle:
Mail & Guardian, Südafrika (englischspr. Wochenzeitung, Mail & Guardian)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜEK: J.K. --> Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert: Janko Kozmus ©

Weitere Artikel zu Ken Saro-Wiwa:

Erklärung des Internationalen Schriftstellerparlaments zu Saro-Wiwa

Manfred Loimeier zu Saro-Wiwas Roman Sozaboy


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