DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 11. September 2004

 

·  Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Kenia ·  


In seinem Hintergrundbericht für die Kenya Times über einheimische Sprachen und Dialekte vertritt der Autor Mwangi Muiruri die These:
"Ngugis Theorie der Mundartliteratur ist undurchführbar"


Die Rede ist von dem wohl bekanntesten Autor und Dozent des Landes
"Professor
Ngugi wa Thiong'o, den man mit Recht Kenias William Shakespeare nennen könnte". Er glaubt, der einzig sichere Weg, den Respekt der Jugend für Kultur zu mobilisieren, sei, für diese in Mundart zu schreiben.

"Ich zweifle daran", sagt der Autor, "ob diese Theorie haltbar ist". Die Frage, die sich seines Erachtens stellt, ist: "Was sind die Herausforderungen von Mundartliteratur angesichts moderner Jugendkultur".

Eine der wesentlichen Herausforderungen liege im Sprachgebrauch, heißt es weiter. Die Vereinheitlichung von Sprachgebrauch begnetete einer großen Herausforderung, weil die Bücher in den Regalen eine vierfache Ausformung von Sprachen hervorgebracht haben. "Wir sehen uns der dem Tode geweihten (gesprochen nur von der Jugend), ausgestorbenen (niemand kann erfolgreich in ihr kommunizieren), gefährdeten (beherrscht nur von den Älteren) und vermeintlichen Standardsprache als den Einheitssprachen in diesem Land gegenüber, Englisch und Suaheli."

Diese Situation habe Lücken aufgetan hinsichtlich effektiver Kommunikation; und das Schreiben in Mundart würde lt. Mwangi Muiruri das ohnehin komplizierte Feld der Kommunikation weiter komplizieren.

Aber die schlimmste Herausforderung von Professor Ngugis Position, schreibt Mwangi Muiruri, ist die Zunahme von Bildungsinstitutionen, die Mundartstudien in den Lehrplänen ausschließen. Aus der Tatsache, dass sie behördlich genehmigt sei, schließt der Autor, "dass die Regierung ohne viel nachzudenken einen Weg gebahnt hat für die Abnahme von Muttersprachen. Die Mehrheit der kenianischen Jugend kann zwar bequem in ihren Muttersprachen kommunizieren, aber sie kann nicht chiffrieren (komponieren) oder Zeichen (Buchstaben) in ihren Muttersprachen dechiffrieren (lesen)."

Dann kommen die Medien hinzu. Mit der ständig verbesserten Informationstechnologie wurde die kenianische Jugend in eine Medienkultur eingeführt, die weithin dafür kritisiert wird, sich in Richtung Sensationalismus, Sex, Gewalt und Verbrechen zu zentrieren. Dies wurde für den hohen Anteil Jugendkriminalität verantwortlich gemacht, heißt es in dem Artikel weiter. Alles, was in Mundart im Namen der Förderung traditioneller Kultur veröffentlicht sei, würde angesichts so definierter Medienkultur dem Tadel der Mehrheit der Jugend begegnen und als steif bezeichnet werden. Als guter Fingerzeig für diese Annahme diente - zur Bestürzung der Älteren - die Popularität von Big Brother- und ähnlichen Fernsehshowprojekten innerhalb der Jugend.

Dies rücke nach Ansicht des Autors wirkungsvoll den Vergleich der städtischen mit der ländlichen Jugend in den Vordergrund. Städtisch sein heißt im Sinne der Jugend, der Zivilisation näher sein, während ländlich sein, Primitivität bedeute, ein Grund sich lächerlich zu machen. In dem Kampf, ländliche Kultur abzulegen, findet es die Jugend neben anderen Trends schick, möglichst knappe und enge Kleidung zu tragen, westliche Programme in den Medien zu hören und zu sehen und ihre Muttersprachen abzulegen im Austausch für ‚aufregende' Dialekte wie "sheng".

"Wo belässt solches die Mundartliteratur?" fragt der Autor Mwangi Muiruri ironisch. "Bestenfalls im Mülleimer."

Wenn Professor Ngugi argumentiert, die Eltern seien verantwortlich dafür, in welcher Weise ihre Kinder die Kultur respektierten, übersehe er die schlimmste Herausforderung der Familie. Dies wäre ein guter Rat für die traditionelle Familie gewesen, inzwischen aber ist eine Menge Wasser unter der Brücke in Richtung Modernisierung geflossen, schreibt Mwangi Muiruri. Gegenwärtig liege z.B. das Fruchtbarkeitsalter der modernen Jugend bei 15 Jahren. Dies bedeute, dass wir Mütter und Väter haben, die 15 Jahre plus 9 Monate alt sind. "Was können diese ‚Eltern' ihren Kindern über Kultur beibringen?"

Im Anschluss daran kommt der Autor auf die Lesegewohnheiten der Jugend zu sprechen. Besuche man eine Bildungsinstitution, seien es Grund- oder Oberschulen, Colleges oder Universitäten nach Ende der Abschlussprüfungen, könne man Bücher zerstreut und zerrissen in den Höfen liegen sehen, stellt Mwangi Muiruri fest, nur wenige Vernünftige würden ihre Bücher an die jeweils unteren Klassen weitergeben.

Aus solchen Beobachtungen schließt der Autor, dass die gebildete Jugend sich den 'gefilterten' Lesegewohnheiten anschließen werde, "die sich nur darum kümmeren, das zu hören und zu lesen, was sie interessiert". Sie werde Zeitungen, Boulevardblätter, Romane lesen, nur um sich zu unterhalten und nicht in erster Linie, um sich zu informieren. Dies sei "manifest in einer Kultur innerhalb der Jugend", die sich definiere in der Beachtung spezifischer Kategorien von Musik sowie über die Teilnahme an Cliquengesprächen ("meist Tratsch"). In diesem Szeneraio bedeute Mundartliteratur bestenfalls "lachhafte Geschenke für ihre Großmütter".

An diesem Punkt komme die Religion ins Spiel. Sie diktiere, schreibt Mwangi Muiruri, dass wir uns innerhalb einer gesetzten Ordnung benehmen, die beeinflußt, was wir uns zu hören und lesen erlauben. Manche Kulturen und Traditionen stimmten nicht mit der Religion überein. "Meine Kirche sagt, ich müsse getauft sein und Professor Ngugis Kultur sagt, ich müsse christliche Namen ablehnen. Jegliche Mundartliteratur die Ngugis Vorstellungen von Namensgebung propagiert, würde unverzüglichen religiösen Sanktionen ausgesetzt werden".

Geht man einen Schritt weiter, schreibt Mwangi Muiruri, so würde kulturelle Förderung in Professor Ngugis Sinn, ernsthafe Beleidigungen der Modernität nach sich ziehen. (...) Der Autor nennt hierfür Beispiele: "In einigen Gemeinden beschneiden wir unsere Mädchen, schätzen die Rolle von Hexenzauber, verdammen die Frauen dazu, die zweite Geige zu spielen, opfern unsern Göttern, versichern uns der Gunst der Verschiedenen, bevor wir die Witwen beerben oder fördern Situationen wie solche, bei denen 13-jährige Mädchen barbrüstig vor dem König tanzen, der sich seinerseits eines der Mädchen zur Frau auswählt." (...)

Zuletzt riskieren wir, wenn wir die Mundart in die Literatur einbringen, ethnische Gräben aufzutun, heißt es in dem Bericht weiter. Dies bedeute, sich einige stammeseigene Herausgeber zu schaffen, vergleichbar den Häuptlingen, die die Interessen ihres Stammes verfechten. Selbst wenn es in andere Sprachen übersetzt würde, würden die anderen Stämme immer bereit sein, einen Wettbewerb der Stämme zu forcieren, die darauf abzielten, sich selbst als die fähigsten Kulturförderer durchzusetzen. Man hätte Vergleichbares in der Politik erlebt, und das Schlimmste, wozu man raten könne, sei, es in die Literatur einzuführen.

Aus politischen Gründen befahl der ehemalige Präsident Moi seinen Informationsministern ein Gesetz zu verfassen, das Mundart-Rundfunksender für ungesetzlich erklärte und Monate später, so der Autor, hatte JJ Kamotho dieselbe Botschaft zu wiederholen, indem er behauptete, dass solche Sender schädlich für den ethnischen Zusammenhalt seien. Und Ngugi selbst wurde zum politischen Außenseiter wegen seines Mundartstücks "Ngaahika Ndeenda" (Ich heirate, wenn ich will).

Professor Ngugi mag seine Idee in gutem Glauben präsentiert haben, aber sie lässt sich nicht umsetzen, schreibt Mwangi Muiruri. "Würde sie einem Referendum ausgesetzt werden, würde sie riskieren in toto abgelehnt zu werden".

Was nach Meinung des Autors funktionieren könnte, wäre "eine multisektorale Verkörperung kultureller Aussagen in den Sprachen und Aktivitäten", die von Jugendgemeinschaften bevorzugt werden, wie Sport, Unterhaltung und bis zu einem gewissen Grade Religion. "Kulturelle Mundartliteratur sollte geschrieben werden, ja, aber um damit unsere Archive historischer Nachschlagewerke aufzufüllen, nicht für den alltäglichen Lesegebrauch nach Lehrplänen". In jedem Fall ist Kultur, konstatiert der Autor, in dieser modernen Welt sekundär im Vergleich zu den bedeutenden Fragen, wie HIV/AIDS, Terrorismus, Krieg und Armut.

Abschließend unterbreitet der Autor einen kleinen anekdotischen Dialog zwischen einem Kikuyu-Mädchen und einem Luo-Jungen, der die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Angehörigen der verschiedenen Ethnien deutlich machen soll. Nach dem Dialog brechen beide in Gelächter aus, "nicht wegen der Kreativität der Aussage, sondern aus Spott solche Zeilen in der Mundartliteratur zu lesen. · (Kenya Times, ÜEK: J.K.)

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Quelle:
Kenya Times (englspr. Tageszeitung, Kenya Times)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜEK: J.K. --> Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert: Janko Kozmus ©


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