DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 22. Februar 2004

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Südafrika · 
Mail & Guardian, South Africa


"Die Frau, die eine Regierung beschämte",

so die südafrikanische Wochenzeitung Sunday Times. In einem Bericht v. Khadija Magardie wird die heute 80 Jahre alte Ma' Nozolile Meltafa vorgestellt, die manch einem als die "Erin Brockovich von Grahamstown" bekannt ist. Dieser Ruf wurde ihr zuteil, nachdem sie sich mit der Eastern Cape-Regierung angelegt und einen "Meilenstein-Fall" gewonnen hatte, "der die Rechte von Zehntausenden von körperbehinderten Menschen sicherstellte".

Seit Jahren ist die in einer Gemeinde außerhalb von Grahamstown lebende Ma' Nozolile Meltafa schon an die Frage gewöhnt, ob sie die selbe Meltafa sei, die gegen die Regierung kämpfte wie die Amerikanerin Erin Brockovich, "die sich mit einem System anlegte, von dem sie glaubte, es hätte sie und ihre Lieben missbraucht und ausgebeutet."

Meltafas Kampf, so Khadija Magardie, "war zuallererst ein Kampf um die Rechte ihrer behinderten Tochter Nombulelo". Der Kampf ihrer Mutter habe sich gewandelt "zu einem um die Rechte von Zehntausenden von Mittellosen, von körperbehinderten Menschen in der Eastern Cape-Provinz. Nombulelos Name wurde verewigt in einem Urteil des Hohen Gerichts, das die Rechte dieser körperbehinderten Menschen, ohne die die meisten verhungern hätten müssen, schützte".

Der ausschmückende Bericht beschreibt die Erzählungen von Mutter und Tochter, die sich an die Situation vor dem Kampf erinnern. Die ca. 40 jährige Tochter habe sich in keiner Anstellung lange halten können, da sie seit ihrem zweiten Lebensjahr an Epilepsie leide; seit gut 20 Jahren beziehe sie eine Invalidenrente.

Eines Morgens im März 1998 sei Ma' Meltafa losgegangen, um wie seit 20 Jahren die Invalidenrente für Nombulelo abzuholen. Zu der Zeit habe Meltafa selbst noch in einer Ziegelfabrik gearbeitet. An diesem Tag habe ihr ein Beamter gesagt, es gebe kein Geld.

"Die Wohlfahrtsabteilung hatte in dem Bedürfnis ‚Geisterrentner' im System auszumachen, beschlossen nicht nur Nombulelos Rente zu streichen, sondern auch solche von Tausenden von körperbehinderten Rentnern."

Anderen in der Gemeindehalle sei das selbe gesagt worden. Ma' Meltafa sei daraufhin zu Black Sash, einem Büro der lokalen Bürgerhilfe, gegangen, um Rat einzuholen. Es hieß all diejenigen, denen die Vergünstigung gestrichen worden war, könnten diese neu beantragen. Hierzu musste ein Arzt den Gesundheitszustand der Tochter erneut bestätigen, ebenso ein Chirurg des Bezirks. Darauf folgte eine Menge Papierkram. Nahezu ein Jahr nach Neuantrag wurde entschieden, dass Nombulelo in der Lage wäre zu arbeiten, sie käme für die Rente nicht in Frage.

Während sie wartete, überlebte die Familie von Ma' Meltafas Altersrente. Während der ganzen Zeit versprachen Bezirksvertreter, man würde den Fall neu bewerten. Aber wiederholte Versprechungen, die Situation zu verbessern, brachten kein Resultat.

Das Gericht selbst bezieht sich auf das bürokratische Ping Pong: "Die uns vorliegenden Dokumente erzählen eine erbärmliche Geschichte der Korrespondenz, der Treffen, Anrufe, Appelle, Eingaben, Anfragen und Bitten", lautet das Urteil.

Ma' Meltafa wurde schließlich ans Legal Resources Centre verwiesen. Sie nahm ihren zerknitterten Umschlag, der die Korrespondenz enthielt, zum Treffen. Das Zentrum versprach, Nombulelos Rente wieder zu installieren.

Diese praktische Unterstützung half Ma' Meltafa schließlich den Weg übers Gericht zu gehen, um die Regierung zu verklagen, die der Tochter den Lebensunterhalt entzogen hatte. Unterstützt durch das Zentrum in Grahamstown, brachten vier Antragssteller, inkl. Nombulelo, Bewegung in den Kampf gegen die Wohlfahrtsabteilung der Eastern Cape Provinzregierung.

Angestrebt wurde die Wiedereinrichtung der gestrichenen Rente sowie die Zahlung der angesammelten Rückstände.

Der zweite Teil der Forderung, so der Zeitungsbericht, wurde sehr kostspielig, da er sich auch auf Zehntausende von Eastern Cape-Unterstützungsempfängern erstreckte, deren Zahlungen ebenfalls gestrichen worden waren.

Die Durchsetzung der Forderung wurde mittels Sammelklage versucht. Ein Vorgang öffentlichen Interesses, so der Bericht.

Im August 2001 befand das Oberste Appelationsgericht in Bloemfontein zugunsten von Nombulela und ihrer Mitantragsteller, wodurch das Wohlfahrtsministerium die gestrichenen Bezüge für die Antragsteller und alle in ähnlicher Situation wieder einsetzen musste.

Der Bericht unterstreicht die Bedeutung der Sammelklage, die ein relativ unbekanntes Phänomen in  Südafrika vor 1994 war. Sie gewann an Bedeutung "wo eine Einheit einer großen Gruppe von Klägern zusammenkam, von denen jeder einen kleinen Anspruch hatte, den individuell zu verfolgen unmöglich wäre".

Das Gericht entschied, die Sammelklage würde im Besonderen einer Gesamtschaft von Antragstellern zugute kommen, die mit Einzelklagen keine Aussicht auf Erfolg hätten.

Die Kritik des Gerichts am Wohlfahrtsministerium war vernichtend. Dieses wurde beschuldigt, Zeit und Geld des Steuerzahlers verschwendet zu haben "in einer fruchtlosen Berufung, die keinen einsehbares Motiv hatte".

(...)

Das Gericht nahm besonders Anstoß daran, was als "geringschätzige Haltung der Regierung gegenüber den Antragstellern" bezeichnet wurde, bis hin zur Verhöhnung des ersten Antragstellers, den früheren Bergarbeiter Mzwandile Ngxuza, der seine Unterlagen mit einem Daumenabdruck "zeichnete"; er sei als Analphabet ja gar nicht in der Lage, solch einen schwierigen Antrag einzureichen.

(...)

Schließlich werden Nombulelo und ihre Mutter zitiert, die sich erinnern, ungläubig den Scheck in Höhe von 14.000  Rand für rückständige Zahlungen betrachtet zu haben, den ihnen eines Tages die Beamten des Ministerium aushändigten.
(SundayTimes SA, ÜE: J.K.)


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Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜE: J.K. --> Übersetzung aus dem Englischen: Janko Kozmus ©

Quelle:
Sunday Times, South Africa (SundayTimes SA)


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