DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 6. August 2006

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Kenia ·  


"Sargmacher lernt fliegen ohne aufzusetzen",

Unter diesem Titel erzählt Anderson Ojwang' für die kenianische Tageszeitung The Standard die merkwürdige Geschichte des Sargmachers Ondieki in der kenianischen Stadt Eldoret.

An den Anfang seines Berichts setzt er ein literarisches Zitat. In seinem gefeiertem Roman Things Fall Apart (dt: Okonkwo oder das Alte stürzt) habe  Chinua Achebe geschrieben: "Seit der Mensch gelernt hat zu schießen, ohne das Ziel zu verfehlen, hat der Vogel Nke es gelernt zu fliegen ohne aufzusetzen."

Ähnlich musste auch Elijah Ondieki, ein 45jähriger Sargmacher in der Stadt Eldoret mit neuen Taktiken aufwarten, schreibt der Autor weiter, um sich in dem Geschäft über Wasser zu halten, das mörderischen Wettbewerb und permanente Schikanen durch den lokalen Verwaltungsrat zu verzeichnen habe.

Trotz all dieser Widerwärtigkeiten sei Ondieki, der Polymer, eine Art Plastik, benutze, um seine Innereien zusammenzuhalten, die von Schlägern mit einem Schwert aufgerissen wurden, entschlossen das Beste aus dieser abscheulichen Situation zu machen.

Der in Grün drapierte Leichenwagen mit der Inschrift "In diesem Wagen sind Särge zu verkaufen" sei eine der größten Sehenswürdigkeiten von Eldoret geworden.

Zum Erstaunen vieler ziehe Ondieki mit erstaunlicher Leichtigkeit umher und produziere Särge in seinem Leichenwagen.

"Ich muss leben und der Leichenwagen ist meine Werkstatt. Ich kann das Fahrzeug außerhalb des Stadtzentrums parken und meine Arbeit machen, mit kleinen Störungen durch örtliche Askaris (Wachschutz)", wird er zitiert.

Er sagt, die permanenten Schikanen hätten ihn gezwungen, ein Katz- und Mausspiel mit den Askaris zu spielen.

Oft sei er gezwungen, in Eile aufzubrechen, um dem Zorn der Askaris zu entfliehen. Trotz einer gültigen Lizenz genieße er nicht das Wohlwollen des Stadtrats, den er beschuldigt, davon besessen zu sein, ihn zu schikanieren.

"Ich bin glücklich, dass ich trotz der Widerwärtigkeiten wegen meiner guten Handwerksarbeit noch Kunden bekomme. In meinen Gebeten, bitte ich darum, dass der Stadtrat mir erlauben möge, mein Geschäft ohne Trouble weiterzuführen", zitiert der Autor den Sargmacher.

Ondieki erklärt, wie sein Weg zum örtlichen Metzger in seinem gegenwärtigen physischen Zustand endete.

"Es war am 12. Mai 2004 gegen 20 Uhr, als Ondieki, seine Frau und ihre 12jährige Tochter an der örtlichen Metzgerei in Langas Estat vorbeifuhren, um 1 Kilo Fleisch zu kaufen. Es sah aus wie jeder andere Tag, als er bei der Metzgerei anhalten wollte. Aber leider hatte er sich tödlich geirrt. Eine Gang von 10 Männern hatte die Metzgerei überfallen und Kunden ausgeraubt."

Ohne den Angriff zu bemerken sei er in die Metzgerei hineingegangen. Es sei ihm befohlen worden, sich zu ergeben und sich neben die anderen Kunden auf den Boden zu legen.

Er habe versucht zu seinem Wagen zu fliehen, aber bevor er diesen erreichen konnte, hätten ihn zwei der Gauner umstellt. "Einer von ihnen stach auf ihn ein, riss seinen Magen auf".

Dies sei der Beginn einer Reihe von Widerwärtigkeiten gewesen. Trotz seiner Begegnung mit dem Tod, sei es sein Wunsch, am Leben zu bleiben.

Neben der physischen Verletzung, die sie ihm zufügten, beraubten sie ihn auch noch: Sh 19.000 und ein Handy im Wert von Sh 14.000.

"Wie um seiner Verletzung noch eine Beleidigung hinzuzufügen, benutzten sie sein Fahrzeug, um ihre Beute ins Unterholz zu transportieren, ca. 24 km vom Stadtzentrum entfernt. Auf dem Weg lachten die Gauner ob ihres erfolgreichen Überfalls und dankten Gott für seine ‚Großzügigkeit'".

Erst nach 1 Uhr nachts sei die Familie befreit worden.

"Wir sahen ein schwaches Licht, dass von einem nahe gelegenen Haus herüberdrang und näher kam, um Beistand zu leisten. Meine Angst war, wie würde ich ins Hospital kommen", wird Ondieki zitiert.

Der Hauseigentümer, ein Priester, sei sehr hilfsbereit gewesen, als er seine blutdurchtränkte Kleidung bemerkt habe. Er habe unverzüglich die Polizei gerufen und Erste Hilfe geleistet, um die starke Blutung der frischen Wunde zu stoppen.

Die Polizei sei umgehend eingetroffen und habe veranlasst, dass er zum Moi Teaching and Referral Hospital gebracht wurde, wo er für einen Monat einer intensiven Behandlung unterzogen worden sei.

Die 10 Monate nach seiner Entlassung, erinnere sich Ondieki, gehörten zu den peinigendsten Momenten seines Lebens. Die Operation schien falsch gelaufen zu sein und sein Magen sei angeschwollen. "Er musste Kleidung in Übergröße kaufen, um den vorstehenden Bauch zu verhüllen".

Wie das Schicksal so spiele, sei eines Tages ein Arzt aus den USA, der zu Besuch war, an seiner Werkstatt vorbeigekommen und habe angehalten, um Aufnahmen von den Särgen zu machen.

Der Arzt habe den eigenartig angeschwollenen Unterleib bemerkt und sich nach der Ursache erkundigt.

Der Mann habe sich als Dr. Mathews, Chirurg an der Indiana University, vorgestellt und habe versprochen, eine Korrekturoperation an ihm vorzunehmen.

Er habe sein Wort gehalten, sei im vergangenen Mai ins Land zurückgekommen und habe die Operation durchgeführt, indem er ein Plastikteil in seinen Unterleib eingesetzt habe, um die Schwellung zu stoppen.

"Ich war außer mir vor Glück. Es war wie ein Wunder, und ich konnte es nicht fassen, als der Arzt zurückkehrte, um die Korrekturoperation im Moi Referral Hospital vorzunehmen. Es war ein Erfolg", wird Ondieki abermals zitiert.

Der Arzt habe Polymer in seinen Bauch eingesetzt, um die Schwellung zu reduzieren, erzählt er und er fühle sich besser. Aber er müsse mit einigen Schmerzen kämpfen und lebe mit Schmerzmitteln.

Das Leben mit dem Plastik in seinem Bauch sei weniger schmerzvoll, als die beständigen Schikanen durch die städtischen Askaris.

Seit 22 Jahren sei er im Sargmachergeschäft und er wolle trotz der sich ihm entgegen stellenden Widerstände nicht aufgeben.

Der Standard-Autor beschließt seinen Bericht mit der lakonischen anmutenden und unkommentierten Feststellung:"Dreimal dieses Jahr haben die Askaris seine Werkstatt demoliert und sein Eigentum konfisziert." · (The Standard Kenya, ÜEK: J.K.)

Quelle:
The Standard (englspr. kenianische Tageszeitung, The Standard Kenya)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜEK: J.K. --> Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert: Janko Kozmus ©


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