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Quelle:
Daily Sun, englischspr. nigerian. Tageszeitung (Vanguard)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜEK: J.K. --> Aus dem Englischen übersetzt u. kommentiert v. Janko Kozmus ©
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CHRONIK
 
Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas*
von innen und außen
 
 
8. Januar 2006
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· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Nigeria ·  
Die nigerianische Tageszeitung Daily Sun, die sich selbst als König der Boulevardblätter bezeichnet, stellt in einem erstaunlich detaillierten Bericht den wenig beachteten literarischen Norden des Landes vor:
"Die Schriftsteller des Nordens haben ein Zeichen in der nigerianischen Literatur gesetzt - Mallam Aliyu Jibia"
Henry Akubuiro, der Verfasser des Artikels für Daily Sun führt zunächst den Schrifsteller und Dozenten für Englisch und Europäische Studien an der Bayero University in Kano ein, bevor er auf das literarische Übergewicht des Südens zu sprechen kommt: "Nigerias meist gefeierte Schriftsteller, die Achebes, Ekwensis, Soyinkas, Ikes, Amadis, Okaras, Okigbos, Osofisans, Osundares - sie alle grüßen vom südlichen Teil des Landes. Trotz dieses Ungleichgewichts, so habe sich Mallam Jibia in einem Interview mit der Sunday Sun geäußert, habe der Norden eine erhebliche Wirkung auf die Literatur des Landes ausgeübt und beklagte sich vor dem Hintergrundlärm der 24. Konvention der Association of Nigerian Authors (ANA) in Kano über den nigerianischen Leser, der die Werke von Schriftstellern dieser Region nicht lese. Bemerkenswert seien Schriftsteller wie Mohammed Sule, Autor von The Undesirable Element (Das unerwünschte Element), The Devil Seat (Der Teufelsplatz) oder The Black Temple (Der schwarze Tempel) des verstorbenen Mohammed Tukur Garba, mehr als ein Dutzend Romane von Abubakar Gimba oder Zainab Alkalis Werk, Zukogis Romane und Gedichtsammlungen, ganz zu schweigen von Ibrahim Tahir einzig dastehenden, berühmten Werk The Last Imam (Der letzte Imam). Außerdem verweist er auf Sheme Mallam und andere Schriftstellerinnen und sagt: "Die bittere Wahrheit ist, dass der Bewohner der nördlichen Region ab und zu etwas von anderern liest, aber selbst kaum von anderen gelesen wird, aus Gründen, die diesen bestens bekannt sind."
Sein Gefühl sei ein Nachhall von Emman Usman Shehu, eines anderen prominenten Schriftstellers des Nordens. Doch treffe die Schuld zum Großteil auch Buch-Promotion und -Marketing, weil manche der genannten Bücher in anderen Teilen des Landes gar nicht erhältlich seien.
Gefragt nach seiner eigenen Inspiration für das Schreiben, sagte Mallam Jibia, er sei motiviert durch "die alte Haussa-Kultur des Geschichtenerzählens, ein Zug, der das Leben eines durchschnittlichen Haussa-Mannes charakterisiert, sei es in einer Hochzeitsgesellschaft oder in einer Zeremonie der Namengebung." Es gehe durch alle Altersklassen, bemerkt er und unterstreicht, "für einen durchschnittlichen Haussa-Mann ist es ein Moment der Freude und in jeder Gesellschaft hoch geschätzt. Geschichtenerzähler haben ein Zeichen in unserer Gesellschaft hinterlassen. Außerdem habe ich einige Inspiration aus Achebes Schreiben und dem anderer Nigerianer, wie auch einiger anderer afrikanischer Schriftsteller erhalten".
In seinem Debut, The Hunt Begins (Die Jagd beginnt), beschreibt Akubuiro, werde die Ehekrise, in deren Folge die Eltern ihrer Tochter einen Bräutigam aufdrängen wollen, doppelt reflektiert. Der beliebte Schulleiter des Dorfes gebe seine Tochter Mariam gegen ihren Willen dem wohlhabenden Alhaji Sambo, wodurch er sie dazu zwinge, mit ihrem Freund durchzubrennen. "Was will Mallam Jibia damit sagen?" fragt Henry Akubuiro. In den 70ern, so enthülle der Autor, "waren erzwungene Heiraten die Hauptbeschäftigung unserer Eltern. Außerdem legte die Gesellschaft großen Wert auf westliche Bildung und sah diese als einzigen Weg zu Größe, als ob man sein Vermögen einsetzen könnte, um einen Platz für sein Kind sichern zu können. Kein Wunder, dass Mallam Adamu selbst verarmt und seiner Familie beraubt wird, um Saidu in der Universität zu halten."
Saidu betrüge im Roman das in ihn gesetzte Vertrauen seiner Eltern mit unmoralischem Verhalten. "Der Autor portraitiert Saidu als einen Versager, der die ihm von Mallam Adamu gegebene Chance missbraucht. Mallam Jibia gemäß bedeutet dessen Affäre mit Mariam und die verboten Beziehung zwischen ihnen einen traurigen Kommentar auf die akademische Gemeinschaft."
Wie für den Rektor sei es auch für den Autor das Ziel, die Art der Lebensführung der Grundschullehrer widerzuspiegeln, die von der Gesellschaft als ein Signalfeuer gesehen würde, als ein Vorbild für andere, dem es nachzueifern gelte, hier jedoch fänden wir solch eine vornehme Klasse von Menschen vor, die an schmutzigen Affären teilnimmt. "Das ist nicht nur moralisch enttäuschend, sondern gesellschaftlich verachtenswert", beteuert Jibia. Die Gemeinschaft der Himma in The Hunt Begins sei eine, die komme, um mit Modernität und den ihr eigenen Lastern zuzugreifen. "Da ist die Dirne Laraba, der habgierige Alhaji Maikudi und andere fragwürdige Charaktere, einschließlich der Schwindeleien an der Universität der Stadt." Zwanzig Jahre später möchte man gern wissen, ob die Gesellschaft sich von der Welt der Himma unterscheide. Jibia glaubt, sie tue es, weil "die Menschen verantwortungsbewusster sind und weniger tolerant sozialen Lastern gegenüber".
In der Vergangenheit, sage er, konnten nur schwache Stimmen gehört werden, die ernsthafte Herausforderungen formulierten an die "moralischen Zwerge" in unserer Mitte, aber jetzt ist es fast die gesamte Gesellschaft. "Laraba und seinesgleichen mögen nur in entfernten Ecken entstehender Städte und ländlicher Gegenden existieren. An seine Stelle ist der westlich gebildete, vielleicht ranghohe, unverheiratete, verwitwete oder geschiedene Technokrat getreten, über den überschwänglicher Reichtum und Wohlwollen von den Korridoren der Macht geschüttet wird. Dies sollte ein anderes Thema von The Hunt Begins sein". Diese Bemerkung falle wie ein Eklat, schreibt Henry Abukuiro. Die Fachleute der Bayero Universität beabsichtigten mit diesem Thema im zweiten Roman weiterzumachen, aber eine Übersicht des Verlagshauses Macmillan setze dieser Sache ein Ende.
Im folgenden Zitat blickt Mallam Jibia selbst auf dieses schmerzliche Ereignis zurück: "Eigentlich fuhr ich mit dem Thema von The Hunt Begins in The End of The Road (Das Ende der Straße) fort, dem zweiten Roman, der in den Händen eines Verkaufsagenten von Macmillan verloren ging. Ich war im Iran unterwegs, um an einer Internationalen Konferenz teilzunehmen, als meine inzwischen verstorbene Frau dem damaligen Bildungsbeautragten im Katsina-Staat das Skript aushändigte, wie auch den Entwurf an den Vertreter von Macmillan, der versprach, es im selben Jahr veröffentlichen zu lassen. Seitdem habe ich weder von ihm noch vom Manuskript eine Spur gesehen. Das hat mich natürlich demoralisiert. Vielleicht bin ich deshalb zur Dichtung gewechselt, einem Medium, in dem man machtvolle Inhalte kommunizieren, starke Botschaften in wenigen Worten übersenden kann. Ich bin jetzt mehr in der Dichtung als im Roman zu Hause.
"Die neue Gedichtsammlung, die den Titel The Grandma and Other Poems (Die Großmutter und andere Gedichte) trage, sehe der Dichter als einen Versuch an, seine Gesellschaft zu erforschen und durch die Geschichte hindurch zu analysieren - gestern und heute. Seine Botschaft beinhalte, dass alles nicht gut sei und über die Jahre hinweg die Gesellschaft so viel verloren, so viele blaue Flecken davon getragen habe als ein Resultat der fast aufgegenen traditionellen Identität und dem Überstülpen eines fremden, unvereinbaren soziokulturellen Gewandes. "Die Botschaft ist, dass unsere Gesellschaft die Wahl hat, zurückzugehen zu ihrer wahren Identität oder ewig hinter einem unersättlichen Meister zurückzubleiben."
Die Sammlung sei voller satirischer Stiche, befindet Henry Abukuiro, doch der Dichter glaube, dass es mehr gebe als das: "Die Gedichte sind sicher satirisch, aber in diesem schneidenden Spaß, überbringt man eine Menge guter Botschaften. (...)"
Kann es dann - ausgehend von ihrem Urteil, dem Spott auf die Gesellschaft - bestritten werden, dass diese Generation den Glauben an ihr Land verloren hat? fragt Henry Abukuiro. Mallam Jibia verneint dies, bemerkt aber, "dass trotz der gewaltigen menschlichen und materiellen Resourcen, mit denen wir ausgestattet wurden, unser Volk immer noch in unvorstellbarer Armut steckt, während unsere Führer es sich gut ergehen lassen in einer Senkgrube von Luxus und Überfluss. Das ist gefühllos, unmenschlich und unzumutbar. Meine Generation weiß, was Nigeria gestern war. Aber das, was wir heute erleben, wird niemals von den Ungeborenen in der Zukunft akzeptiert werden".
Indem Mallam Jibia ihn, den Berichterstatter, direkt anspreche, komme er aufs Wesentliche zu sprechen: "Henry, du bist ein junger Mann mit großen Aussichten. Du wirst mich eines Tages zitieren, dass die kommende nigerianische Generation niemals diese gleichgültige, dem Untergang nahe Situation, die wir durchleben, akzeptieren wird. Sicher war die Vergangenheit - sogar die jüngste von Murtala,
Buhari und Abachas PTF - weit besser als das gegenwärtige Spinnennetz von Unwägbarkeiten, durch das wir gehen.
Es gebe eine fortwährende Debatte darüber, dass moderne Dichtung befreit sein sollte von den Fesseln von bewussten Rhythmus und Reim. In dieser Sammlung scheine Mallam Jibia diese Linie zu befolgen. Was sei seine Meinung in dieser Debatte? "Für mich sollte Dichtung frei fließen, ungebunden. Rhythmen, Reime etc. sollten jenen Berufsschreibern überlassen werden, die die Lorbeerbekränzten ausloben. Ich gehöre zu jenen, die für die ungebundene Dichtung eintreten.
In Grandma and Other Poems stechen die moralisch verdorbenen Frauenfiguren hervor, wertet Akubuiro, besonders in Gedichten wie Lydia, Taguda, The Slut (Das Flittchen). Worauf wolle der Dichter in diesen Gedichten hinaus? "Der eigentliche Punkt ist,", betont dieser, "dass die Frauen respektiert werden sollten und ihnen gestattet werden sollte, eine stattliche Position einzunemen wie sie ihrer gesellschaftlichen Stellung entspricht." In The Grandma schwelge ich in Erinnerungen meiner Großmutter, die ich nicht kannte und der ich nie begegnet bin."
Mallam Jibia scheine eine Faszination für folkloristische und mythische Dichtung zu haben. Was denke er als Veteran unter den Schriftstellern von der Stellung der Folklore und der mythischen Dichtung innerhalb der modernen Literatur? Seine Antwort klinge wütend: "Ich gehöre keiner bestimmten Denkschule an. Deshalb habe ich hierzu nichts zu sagen." Was es mit dem Kommentar von Emman Usman Shehu auf sich habe, fragt Akubuiro zuletzt, die schreibe, dass Schriftsteller des Nordens phlegmatisch gewesen seien, was die Kunst des Heiratens und des sozialen Engagements angehe? Jibias kategorisch-knappe Antwort: "Ich stimme nicht mit meinem Bruder Shehu überein.". Und Akubuiros stimmungsvoller Schlusskommentar: "Sein wehender weißer Kaftan fegt über den Boden, als er davongeht und dabei auf seine Armbanduhr sieht. Die Bayero-Universität ruft." (Daily Sun, Nigeria, ÜEK: J.K.  )
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