DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Chroniken: 2011_1.Quartal

Stand: 12.04.16

 

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2011
chrAbs Januar - März
14.-18 Januar
2011

In seinem Blog schreibt der 1974 in Al Manafikh geborene tunesische Schriftsteller Kamel Riahi unter dem Titel "Eine Nacht in Tunesien":
"Es ist Freitag, der 14. Januar, in der Innenstadt von Tunis. In den Straßen schreien wir 'Nein!' - eine Million Stimmen vereint gegen die 23 Jahre währende Diktatur von Präsident Zine el-Abidine Ben Ali. Tränengas, Kugeln und Tod um uns herum. Wir geraten in einen Hinterhalt an der Barcelona Metrostation, einem der Verkehrsknotenpunkte der Stadt und werden mit Tränengas angegriffen. Ich schütze mich selbst mit einem schwarzen Halstuch, als ich die Avenue Bourgiba hinunterrenne, die die Touristen den tunesischen Champs-Élysées nennen. Dort begegnen wir Knüppeln und Gewehren.
Jeden Atemzug zählend, ducken wir uns vor den Kugeln weg, während wir an mehreren Wohnblöcken vorüberrennen, bis wir auf eine Mauer von Polizeioffizieren in Zivil rennen. Sie befehlen uns schroff in eine nahe gelegene Metrostation, drängen uns in Züge und nehmen Stellung an jedem Ende ...".
(...)
"Am Montag wird uns erzählt, dass eine neue
'Einheits-'Regierung gebildet wurde. Als die Tunesier bemerken, dass einige Mitglieder des alten Regimes für das Kabinett ausgewählt wurden, gibt es eine neue Unruhewelle und die Menschen beginnen zu argwöhnen, dass die Revolution ihnen genommen wurde."
"Am Dienstag gehen die jungen Menschen erneut auf die Straße und verlangen die Auflösung von Ben Alis Partei ... Obwohl ich zustimme, dass es unmöglich sein werde die Partei auzulösen, ohne das Land in Chaos zu versetzen, denke ich, wir haben keine andere Wahl, als es zu versuchen."
"Am Ende des Tages sind mindestens fünf Minister von ihren Posten zurückgetreten und niemand weiß, was als nächstes kommen wird."
(...)
"Was mich angeht, fühle ich ein überwältigendes Glücksgefühl darüber, dass ich nun in der Lage sein werde, frei zu schreiben. Vor anderthalb Jahren wurde einer meiner Romane, der das Leben während der Zeit der Unterdrückung beschreibt, als Theaterstück am hiesigen Kulturcenter aufgeführt. Die daran Beteiligten wurden permanent von der Polizei überwacht; keiner der anwesenden Journalisten veröffentlichte eine Kritik."
Vgl. kamelriahi.maktoobblog.com - ÜE: J.K.)

- Am 18. Januar wurde der vollständige Beitrag in der New York Times veröffentlicht.
Kamel Riahi Publikationen umfassen zwei Kurzgeschichtensammlungen sowie die beiden Romane Al-Mishrat (Das Skalpell) und Der Gorilla.

20. Januar
2011
Taoufik Ben Brik meldet Kandidatur für Präsidentschaft in → Tunesien  an
Der tunesische Journalist und Schriftsteller Taoufik Ben Brik meldet in dem französischen Wochenblatt Le Nouvel Observateur, das Jahre lang seine regimekritischen Artikel veröffentlichte, seine Absicht an, als Kandidat für das Amt des tunesischen Präsidenten anzutreten.- Vgl. Nouvelle Observateur v. 20.01.2011
Bereits kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis (
siehe Notiz in der Landeschronik Tunesien) im vergangenen Jahr hatte Ben Brik bei einem Treffen von Reporters sans frontières in Paris angekündigt, er werde für die Präsidentschaft im Jahre 2014 kandidieren, da Präsident Ben Ali zu diesem Zeitpunkt das laut Verfassung vorgeschriebene Alter für die Kandidatur überschritten haben würde.
Veröffentlichungen:
- Et maintenant, tu vas m'entendre (Und jetzt wirst du mich anhören), Tunis/Paris 2000
- Le rire de la baleine (Das Lachen des Wals). Paris 2000
- Une si douce dictature. Chroniques tunisiennes 1991-2000 (Eine so sanfte Diktatur. Tunesische Chroniken 1991-2000). Paris 2001
- Chronique du mouchard (Die Chronik eines Spitzels). Paris 2001 - Ben Brik Fi El Kasr. Tunis 2001
- Ben Brik président suivi de Ben Avi la momie (Präsident Ben Brik, gefolgt [in der Nachfolge?] von Ben Avi der Mumie). Paris 2003
- The Plagieur. Paris 2004
28. Januar
2011
100. Geburtstag des in Tazarka, Tunesien, geborenen Schriftstellers und Politikers  Mahmoud Messaâdi.
Mahmoud Messaadi ist 2004 im Alter von 93 Jahren gestorben. 1975 gründete der tunesische Politiker und Autor das Magazin La vie culturelle. Als Politiker bekleidete er u.a. das Amt des Kulturministers. Zu seinen Werken zählen Bücher wie Maouled en’nessyèn (1974, Die Geburt des Vergessens) oder das sprachwissenschaftliche Werk Thèse sur l’esthétique et la syntaxe dans la langue arabe.
11. Februar
2011
Die in London und Kairo lebende ägyptische Schriftstellerin und Journalistin → Ahdaf Soueif hält sich neben vielen anderen Kunstschaffenden und Literaten um die Zeit von Mubaraks Rücktritt auf dem Tahrir Square auf. Ihre Berichte werden zeitnah im brit. Guardian Online veröffentlicht. Zwei ihrer Artikel erscheinen an diesem historischen Tag und beschreiben die Gefühle unmittelbar vor und nach dem Rücktritt des gehaßten Präsidenten.
Der erste, Egypt protests: The feeling in Tahrir Square was one of disbelief, spricht von Unglauben nachdem sich Mubarak erneut geweigert hatte, zurückzutreten, Ahdaf beschreibt die Athmosphäre, indem sie die Stimmen zitiert: "Er geht nicht? Was zum Teufel will er?" Und unmittelbar nach dem Rücktritt am 11. Februar nachmittags, heißt es Hosni Mubarak resigns: 'Look at the streets … This is what hope looks like', "Er tritt zurück, schaut in die Straßen ... so sieht Hoffnung aus!".
Februar
2011
Aus Protest gegen das diktatorische Regime von Präsident Teodoro Obiang Nguema Mbasogo in seinem Heimatland Äquatorialguinea tritt der international renommierte Schriftsteller Juan Tomás Ávila Laurel am 11. Februar in einen Hungerstreik. Zuvor hatte er anlässlich eines offiziellen Besuchs einer spanischen Abgeordnetendelegation unter der Leitung des Parlamentspräsidenten José Bono einen offenen Brief an diesen gerichtet mit der Aufforderung, politischen Druck auf die korrupte Elite seines Landes auszuüben.
Am 18. Februar bricht er den Hungerstreik ab, ohne sein eigentliches Ziel, wohl aber internationale Beachtung für die Verhältnisse in seiner Heimat erreicht zu haben. - Anschließend verlässt er sein Land und geht ins spanische Exil, nach Barcelona.- Vgl. El País v. 19.02.2011 und The Guardian v. 20.02.2011.
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Afrikanische und arabische Sprüche und Weisheiten:

28. Februar
2011
chrAbs Heute 20 Jahren erschien erstmalig die Printausgabe der Yemen Times, der ersten englischsprachigen Zeitung des Landes.
Die Gründung erfolgte 1990, im Jahr der Vereinigung der beiden jemenitischen Staaten, durch den Ökonomen und Menschenrechtsaktivisten Prof. Abdulaziz Al-Saqqaf; nach einer mehrmonatigen Anlaufphase erschien die Yemen Times zweimal wöchentlich, montags und donnerstags.
In der Selbstdarstellung der Zeitung hieß es: Sie "unterstützt Pressefreiheit, den Respekt für Menschenrechte, politischen Pluralismus und Demokratie. Sie fördert Nichtstaatliche Organisationen (
 NGOs) und andere Organisationsformen der Zivilgesellschaft. An der ökonomischen Front unterstützt sie Liberalisierung und die Interaktion mit anderen Nationen" (Auszug, vgl. Yemen Times).
3. März
2011
chrAbs In England erscheint Anatomy of a Disappearance (dt: Geschichte eines Verschwindens. München 2011), das zweite Buch des libyschen Autors Hisham Matar. Wie schon das Erstlingswerk Das Land der Männer trägt auch dieser Roman autobiografische Züge. Hintergrund ist das Verschwinden seines Vaters, der von Ägypten, wohin die Familie geflohen war, nach  Libyen ausgeliefert wurde, um dann für zwei Jahrzehnte unauffindbar zu sein.
Die Onlineausgabe der FAZ lässt Hisham Autor in der Übersetzung von Michael Bischoff am heutigen Tag zu Wort kommen:
"In den letzten Tagen hat sich etwas Grundlegendes verändert. Ich spüre es im ganzen Körper. Ich habe nicht in den Spiegel geschaut, aber vor meinem inneren Auge sehe ich, dass die Traurigkeit im Blick gewichen ist. Muammar al Gaddafi, der Libyen in den letzten 42 Jahren heimgesucht hat, ist immer noch da, doch die Geschichte hat ihn überholt. Man kann sich Libyen unmöglich weiterhin mit ihm vorstellen.
In den letzten 32 Jahren, seit dem Tag, als meine Familie Libyen verließ, habe ich mich immer verstohlen umgeschaut. Ich erinnere mich an unsere Ankunft in Heathrow nach einem Flug, auf dem ich meinen lieben Vater immer wieder wegen seiner neuen Haarfarbe geneckt hatte. Dort hörte ich, wie ein Mann, der in der Ankunftshalle wartete, einem anderen zuflüsterte: 'Wie sieht dieser Jaballa Matar eigentlich aus?' Er sprach mit einem libyschen Akzent. (...)"
14. März
2011
Der Internationale Arabische Belletristik-Preis - International Prize for Arabic Fiction - wurde erstmalig geteilt. Die Preisträger sind der Marokkaner Mohammed Achaari mit The Arch and the Butterfly und die saudische Schriftstellerin Raja Alem mit The Doves’ Necklace.
18. März
2011
Wenige Tage vor seinem 60. Geburtstag, stirbt der algerische Schriftsteller Hamid Skif nach langer Krankheit. Bis zu seinem Tod lebte er mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Hamburg, wohin sich der Exilant im Jahre 1997 rettete, da er in seiner Heimat der ständigen Bedrohung durch einen islamistischen Anschlag ausgesetzt war.
25. März
2011

"Hoffnungsschimmer für gequälte Witwen in Nyanza",

überschreibt Nicholas Anyuaor seinen Artikel im englischsprachigen Standard aus Kenia.
Florence Ataro Achieng, eine 41-jährige Mutter von sechs Kindern, leitet er seinen Bericht ein, sei in einen Streit mit der Verwandtschaft ihres Bruders verwickelt, in dem es um Land gehe, "das sie ihr wegschnappen wollen".
(...)
Ihre Zwangslage ähnele tausenden solcher Vorfälle, stellt Nicolas Anyuar fest, bei denen Witwen schlecht behandelt würden. Viele von ihnen würden gegen ihren Willen vererbt, schreibt er, ohne zu erklären, was es heißt, wenn jemand "vererbt" wird.
 mehr dazu · (The Standard Kenya, ÜER: J.K.)  
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Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum

ÜE: J.K. --> Übersetzung aus dem Englischen: Janko Kozmus ©
ÜF: J.K. --> Übersetzung aus dem Französischen: Janko Kozmus ©
ÜER.B/J.K. --> Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Bushart; Kommentier: Janko Kozmus©

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chrAbs Quellen

. . chrAbs Sach- und Personenregister
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