DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 25. März 2011

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Kenia ·  


"Hoffnungsschimmer für gequälte Witwen in Nyanza",

überschreibt Nicholas Anyuaor seinen Bericht im englischsprachigen Standard aus Kenia.

Florence Ataro Achieng, eine 41-jährige Mutter von sechs Kindern, leitet er seine Bericht ein, sei in einen Streit mit der Verwandtschaft ihres Bruders verwickelt, in dem es um Land gehe, "das sie ihr wegschnappen wollen".

Florence's Ehemann, Yusuf Ataro Awich, sei 1993 bei einem Verkehrsunfall gestorben und habe sie mit ihren sechs Kindern zurückgelassen, mit denen sie auf dem Stück Land in Kiboswa village in Kisumu geblieben sei.

"Vor einem Jahr erhielt ich einen Brief von einem Fremden, mit der Aufforderung das Land zu verlassen. Dies passiert mir, weil ich eine Witwe bin", zitiert der Standard-Reporter die Mutter.

Ihre Zwangslage ähnele tausenden solcher Vorfälle, stellt Nicolas Anyuar fest, bei denen Witwen schlecht behandelt würden. Viele von ihnen würden gegen ihren Willen vererbt, schreibt er, ohne zu erklären, was es heißt, wenn jemand "vererbt" wird.

Stattdessen fährt er fort: Solche Vorfälle seien in der jüngsten Vergangenheit, dank einer Initiative der renommierten Schriftstellerin, Asenath Bole Odaga und dem Ältestenrat der Luo zurückgegangen.

Die Schriftstellerin und die Ältesten hätten gemeinsam ein Komitee gebildet, um die lokale Gemeinschaft daraufhin zu sensibilisieren, was die Luo-Kultur hinsichtlich der Erbschaft von Frauen besage.

"Luo-Kultur"

Die Initiative arbeite unter der Schirmherrschaft des Gender Center Development (GDC), das von der Schriftstellerin gegründet wurde.

GDC sei gebildet worden, um den Witwen eine emotionale und materielle Unterstützung anzubieten, als auch zur Stärkung der lokalen Gemeinschaft im Kampf gegen die Gewalt an Frauen.

Nach Ansicht der Schriftstellerin, schreibt Nicolas Anyuar weiter, gebe es keine solche Sachen wie "Vererbung" in der Luo-Kultur, da keinem Mann erlaubt sei, sich eine Witwe als seine Ehefrau zu nehmen. Ein Mann, der eine Frau eines verstorbenen Mannes übernehme, soll ein Beschützer und kein Erbe sein, da in der Luo-Kultur eine Frau die Frau ihres verstorbenen Mannes bleibe. "Modernität hat die traditionelle Luo-Kultur verwässert, da die meisten Männer Witwen für Sex und nicht der Vormundschaft wegen erben wollen. Eigentlich sollten sie den Witwen mehr Wohlstand geben, sich um sie kümmern und gewährleisten, dass die Kinder der verstorbenen Brüder gut versorgt sind."

Sei ein Schwager angeklagt, die Witwe in die 'Erbschaft' zu zwingen, zitiert Nicolas Anyuar die Schriftstellerin weiter, die mit 'Erbschaft' die vorab erwähnte, für westliche Sicht unglaubliche Tatsache, dass die Frau vererbt werden soll oder der Schwager "das Vermögen des verstorbenen Mannes an sich reißen möchte, wird er vorgeladen und von den Ältesten beraten, wie er mit der Witwe zu leben hat".

Als weiterer Vertreter dieser Sichtweise wird das Luo-Ältestenratsmitglied Ker Riaga Ogalo angeführt, der sage, die Kultur erlaube keinem Mann, dass er eine Witwe zur "Vormundschaft" zwingen könne. Dies sei etwas, was die Witwe freiwillig tun würde und sie hätte die Freiheit, sich den Mann selbst auszuwählen, der sich um sie kümmern sollte. "Was wir heute erleben ist eine Beleidigung unserer Kultur. Die heutige Jugend und die Modernität ist voll von Gier und Lust."

Aus der Sicht der Älteren habe die erzwungene 'Vormundschaft' dazu geführt, dass viele Menschen mit HIV infiziert würden, was zu einer erhöhten HIV-Rate in Nyanza geführt habe.

Das GDC biete ein Forum, heißt es weiter, um das Bewusstsein über die Rechte von Frauen und Kindern in der Gesellschaft, vor allem der Witwen im Dorf, zu erweitern.

"Viele Frauen in den Dörfern kennen ihre Rechte nicht. Wir wollen sie darauf aufmerksam machen, sie stärken und die notwendigen Maßnahmen ergreifen, wenn sie in Schwierigkeiten sind", so Riaga, Mitglied des Ältestenrats.

GCD's Programme seien in zwei Teile geteilt, heißt es in dem Bericht weiter: solche mit Schwerpunkt auf Frauen, besonders Witwen, und solche zur Förderung der Jugend.

Die Witwen, die weggeschickt würden, würden unterstützt, um ihr Eigentum wiederzubekommen, um nicht in eine "Vormundschaft" gezwungen werden zu können.

"Bisher haben ungefähr 100 Witwen von Nyanza und den West-Provinzen von dieser Initiative profitiert. Eine Ausdehnung des Programms auf andere Regionen ist bereits geplant."

"Helfende Witwen"

"Wir wollen sicherstellen, dass die neue Verfassung genaustens befolgt wird, bis es die Gelegenheit zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen gibt", wird Rose Adede, ein Mitglied des GDC zitiert. Zudem helfe das Zentrum den Witwen, finanzielle Unterstützung zu sichern und Einkommen schaffende Projekte ins Leben zu rufen. Die Kredite würden benutzt, um Kleinunternehmen zu gründen, unter anderem, den Verkauf von Second-Hand Kleidung.

„Sie haben mit den Darlehen verschiedene Unternehmen gegründet, und wir hoffen, dass sie noch mehr im Programm haben“, wird die Schriftstellerin Odaga erneut zitiert.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hat sich mit den Bemühungen der Schriftstellerin und der Ältesten identifiziert und dem Zentrum mehr als 20 prämierte Kühe übergeben.
Die Kühe seien bisher an etwa vierzig Frauen in den Dörfern gegeben worden, aber es sei beabsichtigt sicherzustellen, dass hundert Frauen erreicht werden. "Nach dem Kalben geben wir ein Kalb an andere Bedürftige, bis wir sichergestellt haben, dass alle davon profitieren", wird Odaga weiter zitiert.

Auch binde das Zentrum Jugendliche für die Friedenskonsolidierung in der Region mit ein. "Es ist ein wichtiges Programm, da unsere Jugendlichen Frieden begrüßen und lernen sollten, wie sie mit ihren Ehefrauen und den hinterlassenen Frauen ihrer Brüder leben sollten. Modernität sollte die Jugend nicht verwirren. In den alten Tagen wurden die Frauen gewertschätzt und geliebt", so Aketch Chieng', ein Mitglied des Ältestenrats in Homa Bay.
Es sei auch ein Resourcen-Zentrum gegründet worden, das über geschlechtsspezifische Bücher verfüge, die für jedermann zugänglich seien.

Die Schriftstellerin Asenath Bole Odaga appelliere an das Bildungsministerium, heißt es abschließend, die Bildungseinrichtungen mit geschlechtsspezifischen Büchern zu versorgen. "Es gibt Menschen, die sich danach sehnen, Bücher zu lesen, besonders diejenigen aus armen Familien, aber es gibt keine". · (The Standard Kenya, ÜER: J.K.)

Quelle:
The Standard (englspr. kenianische Tageszeitung, The Standard Kenya)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜER.B/J.K. --> Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Bushart; Kommentier: Janko Kozmus©


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