DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 5. November 2012

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Simbabwe ·  

The Herald 


"Schatten – Geschichte eines Hundes, der nach seinem unerwünschten Schwanz jagt"

Memory Chirere bespricht den Roman Shadows (Schatten) von Novuyo Rosa Tshuma

Zu Beginn dieser Geschichte sei der Erzähler Mpho bereits von dem durchdrungen, was er ist; ein Mann, mit dem es steil bergab gehe. Für ihn könne es nie aufwärts gehen. Der erste Satz in diesem Buch drücke seinen allergrößten Wunsch aus: "Ich will allein sein". Aber in einem bevölkerungsreichen und brodelnden Bulawayo Township könne er nicht allein sein.

"Mpho weiß es nicht und kann es nicht wissen, wer sein Vater ist", schreibt Memory Chirere, er liebe seine Mutter nicht; eine "Alternde-fast-raus-dem-Geschäft und kränkelnde Prostituierte". Manchmal beobachte er durch das Schlüsselloch, wie sie daliegt.

Er habe sich ("in einem abgefahren sexuellen Sturm") bereits Holly, die Freundin seiner Mutter und ebenfalls Prostituierte, ins Bett geholt. Holly könne es nicht erwarten, mehr von Mpho zu bekommen.

Diese symbolisch inzestuöse Tat bleibe bis zum Ende an Mpho haften, konstatiert Memory Chirere. Er gehe mit Hollys Tochter, Nomsa, aus, die er, wie es ihm gefalle, ins Bett kriege. Er begehre sie in einer Art und Weise, wie man jemanden begehrt, der für eine unabwendbare Waschung herzuhalten hat.

Nach einem Studentenaufstand habe sich für Mpho ein lukrativer Chemieingenieurswesen-Abschluss an der Nust-Universität erledigt, beschreibt Memory Chirere den Romaninhalt weiter.

Mpho rauche Mbanje (Marihuana), und nur wenn er so drauf sei, sehe er die politischen und geistigen Turbulenzen in seinem Land deutlicher. Er schreibe sehr verzweifelte Gedichte und verwende seinen Pinsel, um Bilder von Tod und Schicksal zu malen.

Und wieder beginnt Memory Chirere einen neuen kleinen Absatz, der seiner inhaltlichen Beschreibung und Einschätzung etwas Abgehacktes mitgibt: Mpho habe keine klaren politischen Ideale, außer glücklich sein zu wollen. Er besuche sowohl Kundgebungen der Regierungspartei, als auch die der Oposition ("für reichlich Essen und T-Shirts").

Das mache eine spätere Verhaftung und Schikane verfehlt und ungerechtfertigt. Die einzige Erlösung, die gegen Ende für ihn zähle, sei die Hoffnung, seine tote Mutter an "dunklen Orten" zu treffen.

Irgendwann lasse er die Leiche seiner Mutter, die in der Morgue verwese, hinter sich und überschreite die Grenze nach
Südafrika. Im Gegensatz zu den anderen Simbabwern, die diese archetypischen Weg gegangen sind, sei Mpho nicht auf der Suche nach einem Job.

"Er ist nur hinter Nomsa her, der Liebe seines Lebens. Er kann nicht funktionieren. Jobangebote machen ihn ärgerlich und bitter."

Schließlich erfährt er wie andere stereotypische Charaktere in Christopher Mlalazis Many Rivers und Brian Chikwavas Harare North, dass es im Ausland für die unerwünschten Simbabwer nicht zwangsläufig Süßes gibt, während
Simbabwe in unnachahmlichem Aufruhr ist. Mpho kehre schließlich in seine Heimat zurück, wo er unermüdlich von beiden gehetzt wird, den Inkognito-Geist seiner Mutter und der Polizei.

Hier sei eine Geschichte über einen Hund, der seinen unerwünschten Schwanz jagt, aber doch hoffe, ihn nie zu fangen.

Dem Rezensenten Memory Chirere fallen Ähnlichkeiten zu "Charakteren-in-beständigem-Abstieg" bei Orlando Pattersons The Children of Sysiphus und
Marecheras The House of Hunger auf.

Rasta, der von Mbanje berauschte Künstler in der Bulawayo-Galerie, fasse alles zusammen: "Ich komme mein Mann … Komme für immer. Ich erreiche nie den Ort, wohin ich gehe. Und dies ist der springende Punkt. Für immer zu kommen."

Dies bedeute nicht, dass dies ein bedrückendes Buch sei.

"Ganz im Gegenteil!"

Diese Geschichte sei konsequent mit einer satirisch komischen Spannung unterlegt, stellt der Rezensent fest. "Wir sind eingeladen, zu lachen, wenn wir eigentlich weinen sollten."

Die Beschreibungen der vor allem weiblichen Charaktere könnten die überzeugendsten Attribute der Novuyo Tshuma sein. Dieses Buch sei eine überraschende Galerie der Frauenbilder: "Holly ist ein Stück Arbeit."

"Ihr Gesicht ist gelb; kein natürliches, als wenn sie eine Karamellhaut hätte, sondern ein Gelbsuchtgelb wegen der aufhellenden Cremes, die sie benutzt. Der Rest ihres Körpers ist dunkel."

"Es ist ein erschreckender Kontrast; ein ovales gelbes Gesicht und dann braun vom Hals abwärts. Braune Ohren."

"Braune Flecken auf der gelben Stirn. Ihr künstlicher Zopf ist eine riesige blonde Krönung, die ihren Kopf beherrscht. Sie zündet sich eine Zigarette an."

"Und: Mama am Dindindi. Sie wird von der Kamera, mitten in einem Tanz eingefangen. Halb dem Boden entgegen, wie in der Hocke."

"Ihr Hintern ragt hinten heraus. Sie blickt über ihre Schulter, als ob sie sicherstellen wollte, dass er in der richtigen Weise herausragt. In der Hand eine Flasche Black Label."

"Sie hat eine Dauerwelle auf ihrem Kopf und große Ohrringe, die bis zu ihren Schultern baumeln. Ihre Lippen sind geschmollt, etwas, das als schwül und verführerisch angesehen werden könnte... Da geht es bergab mit ihr."

"Die Menschen haben aufgehört, sie zu beobachten. Sie jubeln. Sie pustet und bricht in das süßeste Lachen aus, das du je gehört hast. Und da ist sie, eingefangen in die Zeitlosigkeit eines schönen Fotos."

Und: "Eine fette Frau winkt mir. Sie steht neben dem Gehsteig, am Fazak Store gelehnt."

(….)

"Ihre Stimme schmeißt einen Rhythmus in die Luft, der ihren Pendel-Bewegungen entspricht. Ihre Taschen wölben sich mit den begehrten Devisen."

Tshumas Debüt sei ein zweiter Roman eines Simbabwers mit dem die Titel Schatten, konstatiert Memory Chirere und verweist auf
Chenjerai Hove, der 1991 einen Roman namens Schatten veröffentlicht habe.

Die Buchvorstellung schließt knapp und sachlich mit einigen biografischen Daten zur Autorin: "Novuyo Rosa Tshuma ist eine preisgekrönte Autorin von Kurzgeschichten aus Simbabwe. Sie war die Gewinnerin des Intwasa Short Story Wettbewerbs 2009. Derzeit geht sie ihrem Studium an der Universität von Witwatersrand, Südafrika, nach."·
(The Herald, ÜER.B/J.K.)

Quelle:
The Herald , Simbabwe (The Herald)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜER.B/J.K. --> Übersetzung us dem Englischen: Ruth Bushart; Kommentier: Janko Kozmus©


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