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IBRAHIM AL-KONI:
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Rezensionen      al-Koni: Blutender Stein
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Kein Getier auf der Erde
»Kein Getier gibt's auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen Schwingen fliegt, die nicht wären Völker gleich euch.« Diesen Koranvers (38, Sure VI) stellt Ibrahim al-Koni seinem 1990 in arabischer Sprache verfassten und 1995 ins Deutsche übertragenen Roman Blutender Stein voran. Daran schließen sich Verse aus dem Alten Testament an, in denen der Brudermord von Kain an Abel vom Herrn mit einem Fluch bedacht wird.
Neben Koranversen und Bibelzitaten lässt der seit 1993 in der Schweiz lebende al-Koni Mythen der Tuareg, Weisheiten der Sufis und Ähnliches in eine Geschichte einfließen, die mit der Erwähnung italienischer Interessen an dem Wüstenland lose realhistorische Bezüge zum 20. Jahrhundert herstellt. Wiewohl die unterschiedlichen Elemente auseinanderzustreben scheinen, gelingt es dem 1948 in Libyen geborenen Autor sie zu einem homogenen Ganzen zu verschmelzen, dessen ökologischer Charakter Symbolfunktion erfüllt. Ergänzt werden jene fremd scheinenden Elemente durch anmutige Beispiele eigenen Kulturreichtums: Als der noch junge Protagonist Assûf, lange vor seiner Wandlung zu einer Verweigerungshaltung Fleischgenuss gegenüber, von seinem Vater als Belohnung dafür, dass er gelernt hat, eine Gazelle zu treffen, farbige Sandalen mit Ornamenten erhält, sagt seine Mutter, »die sich in Lederverzierungen durch Mädchenhand auskannte«: »Der Herzschlag eines jungen Mädchens liegt in ihrer Hand, ihre Liebe zwischen ihren Fingerspitzen ... Alle weisen alten Frauen können dieses Alphabet lesen, gleichgültig, ob es in Leder geritzt, auf Stoff gemalt oder zwischen Wollfäden eingewirkt ist. Das ist eine Sprache, deren geheimnisvolle Buchstaben nur sie verstehen«.
Im Mittelpunkt der Romanhandlung steht Assûf, der die berühmten Höhlen- und Felszeichnungen in der südlichen libyschen Wüste bewacht. Assûf ist ein weltfremder Mensch, der, als eines Tages ein Beamter der Altertümerverwaltung aus der Stadt kommt, ihn für seine selbst gewählte Tätigkeit lobt und ihm Geld anbietet, dieses ablehnt. Er habe keine Verwendung dafür. Der Beamte ahnt nicht, dass der einfältige Hirte neben den Zeichnungen, die Höhlen selbst bewacht, den Wohnort der Ahnen, der guten und der bösen Dschinnen. Die Geister eines vorislamischen Glaubens halten den Muslimen nicht davon ab, seine vorgeschriebenen Gebete auf dem Sandboden vor den Höhlen abzuhalten. Im Übrigen erwirbt Assûf als Hirte das Wenige, was er zum Leben braucht, im Tausch mit den Händlern vorüberziehender Karawanen. Seine Menschenscheu, ein Erbe seines Vaters, geht soweit, dass er den direkten Kontakt selbst zu diesem Zweck vermeidet. Am Karawanenweg bindet Assûf eine Ziege an einen Pflock, um ihren Hals hat er ein Säckchen mit beispielsweise Gerstenkörnern gebunden. Die Händler der Karawane halten bei dem Tier, begutachten es, und so es ihnen zusagt, hinterlassen sie für dieses einen ansehnlichen Sack voll Gerste. Verblüffend einfache Muster bilden die Grundlage für diesen Handel. Auch sonst ist Assûfs Leben unkompliziert, frei vom Übel der Menschen, solange er sich von diesen fernhält, wie es ihn sein Vater gegen den Willen der unter dem hohen Preis der Vereinsamung leidenden Mutter lehrte.
Eines Tages jedoch kommen in Person zweier Jäger aus dem Norden des Landes diese Menschen zu Assûf und verlangen von ihm, sie auf die Spur der Gazelle und vor allem des Mufflons zu bringen. Dieses Wildschaf sei ausgestorben, behauptet Assûf. Doch einer der beiden Jäger, Adams Kain, besessen von der Fressgier auf Fleisch, lässt sich um keinen Preis von seinem Vorhaben abbringen, obwohl er durch seine Bekanntschaft mit einem Suffischeich das mythologische Feld erahnt, das den Mufflon umgibt. Auch die mysteriösen Geschichten, die von Assûf berichtet werden, kennt er zum Teil, verkennt aber deren essentielle Natur.
So prallt die Ignoranz moderner Lebensweise - im Roman Blutender Stein versinnbildlicht durch die Einführung moderner Fahrzeuge und Waffen durch die Amerikaner, die zur fast vollständigen Ausrottung des Gazellenbestandes führt und Kain zur Jagd auf den Mufflon bringt - auf die der im Einklang mit den Traditionen und der Umgebung stehenden Wüstenbewohner, die aber Naturgewalten wie Flut und Dürre nahezu machtlos ausgeliefert sind. Dieser Gegensatz mündet zwangsläufig in gewalttäger Konfrontation. Doch bevor die dramatische Handlung in einem geradezu messianischen Bild endet, erfährt der Leser in immer wieder neuen mit Eindringlichkeit und Schönheit erzählten Schleifen die Geschichte des Protagonisten, seine Verwobenheit in dualisierte Mythen von Berg- und Sandwüste, von Gazelle und Mufflon, von Natur und Mensch.
In der Einfachheit und Einfalt von Assûfs Gedankenwelt löst sich im Roman Blutender Stein einerseits das Pathos auf und verwischen andererseits die Gegensätze unterschiedlicher philosphischer Elemente, um in dem einen Widerspruch zu kulminieren, dem von Mensch zu Mensch, dem Kampf von Kain und Abel.
(Originaltitel:
Nazîf al-hajar)
10/2005 © by Janko Kozmus
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Lesen Sie auch die Rezension zu einem weiteren Roman von Ibrahim al-Koni:

Ibrahim al-Koni
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