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Last Update: 04.09.17
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Autorenportraits

DAS BESONDERE BUCH
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YAA GYASI
HEIMKEHREN
Die us-amerikanische Autorin ghanaischer Herkunft entwirft Geschichten - ausgehend von der mündlichen Überlieferung der Achanti - die in ihrer Gesamtheit eine Geschichte der Sklaverei widerspiegeln.

 | → afrikanische und arabische Literatur

 |  anspruchsvoll phantastische Literatur

 

Einstimmender Text zur Autorenübersicht:

 

Leben und Werk. Werk ohne Leben

YEWANDE OMOTOSO: DIE FRAU VON NEBENAN
YEWANDE OMOTOSO
(Nigeria/Südafrika)
DIE FRAU VON NEBENAN
Bei der Betrachtung von Leben und Werk jener Autoren, die sich der Lyrik, Prosa und Dramatik verschrieben haben, erscheint mir die Unterteilung in zwei Gruppen eine lohnende Herangehensweise. In der einen Gruppe tummelt sich die überwiegende Mehrheit. Diese Autoren weisen ein herausragendes oder respektables Werk auf, dem sie viel Energie und Zeit in ihrem Leben überlassen. Für Eskapaden, die sich jenseits des Üblichen, des Alltäglichen bewegen, bleibt nicht mehr viel Spielraum übrig. Trotz des angesehenen Berufs – es mag auch Berufung sein – umschließt sie eine Aura der Normalität, die nur selten von der Genialität eines Werks überstrahlt wird. In der zweiten Gruppe befinden sich jene Autoren, die gleichfalls ein respektables und mitunter großartiges Werk ihr Eigen nennen, die jedoch gleichzeitig, sei es durch ein überdurchschnittliches Maß an Energie oder durch enorme Willensanstrengung ein Leben führen, das spätestens nach ihrem Tode die Aufmerksamkeit von nicht ausschließlich Literaturinteressierten auf sich zieht.

Vor allem auf einige Vertreter der zweiten Kategorie möchte ich hier eingehen, also auf jene, deren Biografie auch auf den zweiten Blick spannender als ihr Werk erscheint. Es gab sie zu allen Zeiten. Lord Byron drängt sich mir auf; er gehört eindeutig dazu. Doch sprengt er den literarischen Raum, den näherzubringen ich mir vorgenommen habe. Nichtsdestotrotz galoppieren seine schwarzen Reiter dreist auf dieser Seite herum. Weiterlesen→

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Portraits in alphabetischer Reihenfolge
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Chinua Achebe (1930 - 2013)
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  | José Eduardo Agualusa (*1960)
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Mongo Beti (1932-2001)
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Ambrose Bierce (1842-1913/14)
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Paul Bowles (1910 - 1999)
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André P. Brink (1935 - 2015)
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Mia Couto (*1955)
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Amma Darko (*1956)
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Fatou Diome (*1968)
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Assia Djebar (1936 - 2015)
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Unity Dow (*1959)
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Buchi Emecheta (1944-2017)
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Tsegaye Gabre-Medhin (1936 - 2006)
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Damon Galgut (*1963)
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Khalil Gibran (1883-1931)
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Nadine Gordimer (1923-2014)
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Helon Habila (*1967)
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Chenjerai Hove (1956 - 2015)
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Rayda Jacobs (*1947)
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Denis Johnson (1949 - 2017)
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Ryszard Kapuscinski (1932 - 2007)
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Abbas Khider (*1973)
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Elias Khoury (*1948)
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Ahmadou Kourouma (1927 - 2003)
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Fouad Laroui (*1958)
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Doris Lessing (1919 - 2013)
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Amin Maalouf (*1949)
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Nagib Machfus (1911 - 2006)
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Alia Mamduch (*1944)
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Dambudzo Marechera (1952 - 1987)
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Henning Mankell (1948 - 2015)
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Jack Mapanje (*1944)
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Zakes Mda (*1948)
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Guido Morselli (1912 - 1973)
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Es'kia Mphahlele (1919-2008)
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Meja Mwangi (*1970)
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Marie NDiaye (*1967)
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Mike Nicol (*1951)
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Lewis Nkosi (1936 - 2010)
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Ben Okri (*1959)
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Pepetela (*1941)
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Rafik Schami (*1946)
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Hamid Skif (1951 - 2011)
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Ahdaf Soueif (*1950)
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Wole Soyinka (*1934)
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Yvonne Vera (1964 - 2005)
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Najem Wali (*1956)
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Zoë Wicomb (*1948)
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Slavoj Žižek (*1949) - außer der Reihe
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Fortsetzung:

Leben und Werk. Werk ohne Leben


Wie nicht anders zu erwarten finden sich auch südlich der Sahara Autoren, deren Biografie größere Aufmerksamkeit erregt als ihr Werk. Zuallererst fällt mir einer der großen alten Männer ein – guess who?! Im gleichen Atemzug der – obgleich enfant terrible dieser Region – weit weniger bekannte Dambudzo Marechera. Zu behaupten, die Drei wiesen mehr Gemeinsamkeiten auf als es einem – meinem – unbedingtem Wollen auf der Suche nach Originalität entgegenkommt, wäre vermessen. Und doch belegen die Biografien dieser so unterschiedlichen Menschen Taten und Ereignisse, die auf einige charakterliche Kongruenz hinweisen.

Lassen sich solche, eher lebenshungrige Autoren autobiografisch aus, kommt das unserer – genau, das ist die Stelle an der Sie als Leser, schwupps, vereinnahmt werden –, kommt es also unserer Neugierde sehr entgegen. Besonders, wenn es sich dabei um Ausnahmepersönlichkeiten wie den nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka handelt. Seine Kindheitserinnerungen Aké. Jahre der Kindheit zählen mit zum Feinsten, was diese Gattung je hervorgebracht hat. Aber auch seine Jugenderinnerungen Ibadan, Streunerjahre. 1946-1965 warten auf nahezu jeder Seite mit Überraschungen auf. Und die Autobiografie seiner reiferen Jahre Brich auf in früher Dämmerung, die im Original 2006 erschienen ist, hat nichts von der Frische der früheren Lebensbeschreibungen eingebüßt. Müßig zu hinterfragen, ob dies der Schreibkunst des Nobelgeadelten oder seinen anhaltend spannenden Lebensumständen zu verdanken ist. In jeder Zeile ist zu spüren: Der Mensch hat – im Gegensatz zu vielen dieser schillernden Individuen aus dem Bereich von Politik und Showbiz, deren Memoiren ihre geisterhafte Herkunft kaum zu verbergen suchen –, dieser Mensch also hat, was er selbst aufzeichnet, wirklich gelebt.

Die wenigsten literarisch Gebildeten würden es offen eingestehen, aber selbstredend sind sie nicht weniger als der Durchschnittsmensch an den kleinen, ganz privaten Geheimnissen ihrer Heroen interessiert. Wie mögen die sich wohl im Bett machen, mit wem haben sie’s getrieben?, wird immer weniger verschämt nachgefragt. Von Lord Byron heißt es, er habe es nicht nur mit Frauen gemacht und obendrein war unter diesen gar seine Schwester. Ja, richtig, es war ja bloß seine Halbschwester:

Der Bruder mit dem Hinkebein  
nimmt sich viel Zeit für's Schwesterlein.  
   

Doch welcher Mann kann von sich schon behaupten, mit derselben Journalistin im Bett gewesen zu sein wie Fidel Castro. An dieser Stelle der Prahlerei, der nur scheinbaren Gratwanderung zwischen Eingeständnis und Wahrhaftigkeit, ist mir Wole Soyinka besonders nah. Da ist der alternde Mann, Jahrgang 1934, wieder halbstark und gibt mit seinen Eroberungen an!

Der Wole mit dem krausen Haar  
liebt die Karibik, wirklich wahr.

Auch in puncto soziales Engagement lässt sich Lord Byrons Biografie sehen, geradezu vorbildhaft. Hat sich der britische Adlige nicht im Oberhaus für die streikenden Maschinenstürmer eingesetzt, die Ludditen?

Wole seinerseits war schon als Kind Teil sozialer Auseinandersetzungen. Er wurde von den streikenden Marktfrauen in Abeokuta – ein Meilenstein sozial-politischer Landesgeschichte –, zu denen seine Mutter gehörte, als Bote eingesetzt. Eine zum Symbol geronnene Tat, eine Markierung, der er lebenslang weitere hinzufügt. Sein Kampf gegen autokratische Strukturen in seiner Heimat dürfte dem interessierten Leser hinlänglich bekannt sein und hat ihn nicht selten äußerster Gefahr ausgesetzt. Das Aufbegehren des anderen subsaharischen Vertreters, Dambudzo Marechera, gegen die rassistische Kolonialregierung in seinem Land war mit Sicherheit randvoll von jugendlichem Übermut und (spät-)pubertärem Nonkonformismus. Es mündete wenig überraschend in einer fatalen Folgerichtigkeit, der Suspendierung vom akademischen Betrieb. Ein Umstand, der den jungen Gegner des Ian Smith-Regimes ins Exil nach England zwang, wo er ebenfalls aus akademischen Tempeln expediert wurde. Ein Querkopf sondergleichen, wie sein älterer, nigerianischer Kollege, wie jener Lord, in dessen Heimat sich Dambudzo fortan in der alternativen Szene und auf den Straßen der Hauptstadt herumtrieb. Das war Ende der 1970er bis Anfang der 80er Jahre der Fall, gut zwanzig Jahre früher machte Wole Soyinka in London bedeutende Erfahrungen, erste mit der Theaterarbeit, nachhaltige mit einer Frau: Er heiratete eine Engländerin und ließ sich bald wieder scheiden, bevor er mit dem Sohn aus dieser Beziehung wieder in Richtung afrikanische Heimat aufbrach.

Lord Byron, der sich in den griechischen Unabhängigkeits- und Freiheitskampf einmischen wollte, begab sich zu diesem Zweck ins Land des klassischen Altertums und fiel dort nach ca. einjährigem Aufenthalt dem Sumpffieber zum Opfer. Andere Quellen sprechen von einer Lungenentzündung, der ebenso unheroisch, als Nachfolgeerkrankung von Aids, auch jener junge Simbabwer erlag.

Im Übrigen ist es keinesfalls so, dass Soyinkas Werk neben seinen Autobiografien keinen hohen Stellenwert hätte, immerhin hat er den Nobelpreis erhalten. Doch die Tatsache, dass er – neben nur zwei Romanen – in der Hauptsache Essays und vor allem Theaterstücke verfasst hat, die naturgemäß eher einem kleinen Theaterpublikum bekannt sein dürften als dem herkömmlichen Leser, stützt die These von der für das Auge des Betrachters größeren Spannung im Leben als im Werk des Nigerianers.

Auch das vergleichsweise schmale Werk des Quertreibers Marechera hinterließ deutliche Spuren. Seinen querigen Bildern, seinen sperrigen Assoziationen, seiner bis an die Schmerzgrenze prallenden Konsequenz, kurz: seiner innovativen Schreibe verdankt seine Lyrik wie seine Prosa große, anerkennende, über die Landesgrenzen reichende Aufmerksamkeit. Doch welch' ein Gegensatz tut sich auf, betrachtet man die Kindheit des Nobelpreisträgers und des Außenseiters Marechera. Letzterer stammte aus den untersten Schichten, sein Vater war Leichenhausarbeiter, und Dambudzo wünschte sich nichts so sehr, als dem elterlichen Heim, dem Haus des Hungers, so auch der Titel seiner ersten Prosaveröffentlichung zu entfliehen, während Wole wohlbehütet, sein Vater war Schulrektor, seine Anlagen bilden konnte.

Von Byron, der erst im Alter von zehn Jahren den Adelstitel erbte, weiß man, dass er trotz Titel mit einer finanziell prekären Situation zu kämpfen hatte, überdies mit dem Spott seiner Mitschüler, da er mit einem Klumpfuß zur Welt gekommen war. Kein leichtes Los für ein selbstverliebtes, egozentrisches Wesen. Es flüchtete sich in Phantasien, in denen das Schwimmen und besonders das Reiten eine große Rolle spielten; beides Fähigkeiten, die schon der Junge mit großer Akribie pflegte, da er bei deren Beherrschung nicht von seiner Körperbehinderung eingeschränkt wurde. In einer seiner, mit Rachegelüsten angereicherten Phantasien sah er sich als Anführer einer Bande von schwarzen Reitern auf schwarzen Pferden. Vielleicht gar nicht so weit entfernt von der Realität des letzten Lebensjahres des Lords in Griechenland, als er das Kommando über eine Art Internationale Brigade innehatte.

So unterschiedlich die drei hier in den Blickpunkt gerückten Schriftsteller auch sein mögen, so hoffe ich, dass jene Kongruenz der Charaktere, von der weiter oben die Rede ist und die vom offensichtlichen Schreibtalent mit bestimmt sein mag, mindestens in Schlaglichtern erkennbar aufleuchtete. Überschneidungen finden sich in der extremen Eigensinnigkeit bei jedem der Drei oder positiv ausgedrückt: in einer konsequenten Orientierung an nicht übernommenen, sondern ureigenen Vorstellungen, ein gewisses, zum Teil auch höheres Maß an Selbstverliebtheit und ein gut Stück Abenteuerlust, das meinem Gefühl nach auch ernsthaft verfolgter politischer Arbeit nicht abträglich sein muss. Über allem schwebt ein hohes Maß an Phantasie, Ursprung immer wieder überraschender Bilder in Texten, die der Absicht zu folgen scheinen, möglichst Inkohärentes zu verknüpfen. Hier der Versuch eines ebensolchen:

In meiner Phantasie erleben wir eine Verdichtung der Zeit: Lord Byron, Dambudzo Marechera und Wole Soyinka treffen im London des, sagen wir, auslaufenden 19. Jahrhunderts aufeinander. Dambudzo betritt einen Buchladen im vornehmen Stadtteil Bloomsbury. Der Ladenbesitzer begrüßt und beäugt dann misstrauisch den liederlich gekleideten Studenten. Von dem ist kein Umsatz zu erwarten, er würde stundenlang in den Büchern stöbern ohne je vorzuhaben, eines zu erwerben. Wovon auch? Dambudzos Blick streift über die Bestseller von Charles Dickens, innerlich darüber den Kopf schüttelnd, dass dieser vor fast zwei Jahrzehnten verstorbene Vielschreiber ohne jegliche Genialität und voll von triefender Moralität immer noch im Sortiment Platz findet. Er sucht nach neuen innovativen Schreibern. Sein Blick schweift von den Büchern ab und bleibt an einem älteren Kraushaar hängen, das an einem Tisch mit Sachbüchern steht, bürgerlich adrett das Äußere, den dritten Band von Marx’ Kapital in Händen haltend und aufmerksam darin blätternd. Ein junger, bemüht elegant gekleideter Lord, erkennbar verarmter Landadel, bittet den älteren Nigger um Verzeihung, wie er sich an ihm vorbeidrängt. Der Alte blickt nicht auf, brummt nur unverständlich und rückt näher an den Buchtisch heran. Der Adlige kommt auf Dambudzo zu. Ihre Blicke treffen sich kurz, in beiden wird jeglich anderer Eindruck von Überraschung überdeckt: der Lord darüber, an diesem Ort gleich auf zwei Schwarze zu treffen, der Student über die – trotz des offensichtlichen Gehfehlers – würdevolle Geschmeidigkeit seines Gegenübers, das ihm irgendwie vertraut vorkommt.

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Leben und Werk ...

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Die Drei sind die einzigen Besucher, der kleine Laden würde mehr auch kaum aufnehmen können. Plötzlich drehen sich ihre Köpfe. Vor dem Ladenfenster ist ein junger schäbig gekleideter Bursche mit schräg sitzender Kappe aufgetaucht. Er winkt mit der Zeitung in einem Arm, während er unter dem anderen Arm einen dicken Stapel hält und schreit: "Jack the Ripper schlägt erneut zu. Fünftes Opfer des Schlitzers. Extrablatt: Jack the Ripper schlägt erneut zu!"

Janko Kozmus © 2012

 

* Bedanke mich bei Albert Kluge für den Code dieses dynamischen Linkwechslers, den ich nur leicht verändert habe!