Frangipani in Marzahn
"Das
Leben in der Wüste", will sagen: Bücherwüste,
"gestaltet sich oft schwierig"! Die Kamele von Rezensenten
- ob aus eigenem oder fremdem Munde berufen - suchen und suchen
und eines Tages finden Leser hirnlose Buchkommentare vor.
Wer an dieser Stelle rätselt, auf welches Zitat ich anspiele,
ist entweder unverschämt jung - es sei ihm nachgesehen - oder
ein literarischer Kostverächter, dem - ohne ihn belehren zu
wollen - mitgegeben sei: Nicht nur wäre es ein Amüsement besonderer
Art, mit einem Kerl wie Franz Biberkopf in einer Berliner
Kneipe ein Bier zu trinken, nein, auch seiner von Lug und
Trug verbogenen Biografie zu folgen, bedeutet Höchstgenuss,
den man sich nicht entgehen lassen sollte! Der fatale Leserfund
liegt übrigens am mageren Lesefutter und weniger am Rezensentenkamel
selbst, das sich beizeiten genötigt sieht, aus dem vorgefundenen
Wenigen ein Mehr zu zaubern. Lügen? Nein, nur ein wenig Kosmetik.
Um solchem Leserfrust vorzubeugen, habe ich mir einen Bereich
in der Literatur ausgesucht, der erstens nicht so abgenagt
ist wie die "gebleichten Knochen" in der Wüste und der zweitens
schon als Anderes mehr zu bieten hat, als der konventionelle
Büchermarkt. Es erschließen sich ungewöhnliche Räume, woraus
ungewöhnliche Perspektiven entspringen, wie die des Geckos
in Agualusas Roman Das Lachen des Selbigen oder die des Kneipenköters
Mbudjak in Nganangs Hundezeiten
oder die von xipoco, einer untoten Seele in Mia Coutos Roman
Unter dem Frangipanibaum etc. pp.
Ein solcher, ich rede noch immer vom Frangipani, ist übrigens,
den Berlinern unter uns sei's anempfohlen, in Marzahns Gärten
der Welt zu finden. In ein kleines Gewächshaus ist themenparkgerecht
Bali eingezwängt, und dort breitet sich - Schwüle transpirierend,
aber ästhetisch nicht unansprechend - jener Exotenbaum aus.
Der Roman mit dem sinistren Baumtitel ist übrigens einer von
vielen, die dem Magischen Realismus zuzurechnen sind, von
denen sich in erster Linie in der Subsahara, weniger politisch
korrekt ausgedrückt: in Schwarzafrika viele tummeln. Für den,
der draufsteht - auch oppulente Romane können attraktiv
sein, man denke bloß an Ngugis Herr
der Krähen! - ein Lesevergnügen orgiastischen
Ausmaßes!
Da ich davon ausgehe, dass der besagte junge Leser inzwischen
die Lektüre dieser Auslassungen - eine Perle unter ihresgleichen
- aufgegeben oder aber die Herkunft der Zitate gegoogelt hat,
kann ich die Quelle getrost weiter ausbeuten.
Ausgehend von der Überzeugung der Brauchbarkeit der Negation
als konstruktives Element weise ich darauf hin, weiterhin
nicht zu planen, Bücher, in deren Sätzen oder Versen das Blut
"knüppelhageldick" fließt, zu besprechen. Autsch!! und wieder
habe ich einige Leser verscheucht. Stattdessen verfolge ich
getrost jene Theorie, die von den Verantwortlichen für die
Kultur jenes Staates ersonnen wurde, dessen politische Macher
für das Fundament eines Kunstobjekts verantwortlich zeichnen,
das nun mit wachsender Begeisterung von einem ansehnlichen
Teil der unverschämt-jungen Weltbevölkerung alltäglich, vorzugsweise
in den Sommermonaten, frequentiert wird: auch East-Side-Gallery
genannt. Jene Kulturverantwortlichen meinten nämlich vermessen
- die Altvorderen mögen einen Moment weghören, bevor sie zu
gähnen anfangen - die Kunstproduktion möge sich - frech verkürzt
vermeldet - nicht den flachen Vorlieben des breiten Publikums
anpassen, sondern es gelte vielmehr, dem Publikumsgeschmack
mittels Wissen und mitunter ausgedehnten Exerzitien auf ein
höheres Niveau zu verhelfen. Diesem Glaubenssatz verpflichtet,
präsentiere ich stolz Bücher wie jenes von Waberi mit dem
vielsagenden Titel In
den Vereinigten Staaten von Afrika.
Den Schluss garniere ich mit dem, was jedem Buchbesprecher
als ein besonderes Schmankerl gilt. Evoziert die Nähe zum
Begriff "Buchbeschwörer" nicht prächtig-mächtige Bilder? Man
denke nur an die Tausende von Händen, deren Besitzer sich
im Stadion erheben und ihre Pfötchen zitternd in den Wind
strecken, um das Ersehnte herbeizubeschwören: Dieser Angriff,
dieser Freistoß muss einfach das Runde ins eckige Ziel befördern!
Nicht selten gleicht das Entlocken von für Superlative tauglichen
Attributen aus verkalktem Rezensentenkamelhirn solcherart
Beschwörung; an die Zaubersprüche eines Medizinmannes wollen
wir hier nicht denken. Mit der Delikatesse sind natürlich
die gebundenen oder geklebten Seitenkompilationen gemeint,
in denen sich jene selten anzutreffenden Elemente einer also
einzigartigen Triade ein Stelldichein geben: Information,
Spannung und niveauvolle Unterhaltung. Das gilt insbesondere
für die Bücher eines Yasmina
Khadra. Wagt er sich in dieses islamisch geprägte Terrain,
wird auch der wenig geneigte Leser sogleich entdecken, hier
verspürten die Rezensentenkamele unvergleichliches Vergnügen,
die Arbeit wurde zum Genuss, die Bücherwüste zur Oase. Es
zittern aufgeregt die Höcker, des Frangipani Blüten flüstern:
Du darfst mich erst wieder besuchen, wenn du mein Buch
endlich aufgenommen hast!
Janko Kozmus
© 2012
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