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ASSIA DJEBAR Frau ohne Begräbnis
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Rezension: → Assia Djebar - Frau ohne Begräbnis<

Oratorium schwebender Frauenstimmen

Zoulikha, längst Heldin und Opfer des algerischen Befreiungskampfes, wird vom Erzengel Gabriel »an einzelnen hochstehenden Haaren, an den ausgefransten Rändern (m)eines staubigen Bauernumhangs in die Höhe« gehoben und schwebt über dem Platz, dem Leuchtturm.

Schon im Nachhall wird die klassisch anmutende Schönheit dieses Bildes zerstört. Die Heldin existiert nur als bloßes Echo ihrer eigenen Stimme. Das Bild der Schwerelosigkeit steht im Widerspruch zur leidvoll erfahrenen Realität, findet sich jedoch wieder in deren Akzeptanz. Zoulikha selbst hadert nicht mit ihrem Schicksal. Es sind die Hinterbliebenen, die Nachfolgenden, denen sie das Verständnis für die Unausweichlichkeit der Geschehnisse der Vergangenheit erleichtern möchte. Zoulikha trägt ihren Ersten Monolog vor, bestechend und aller Zweifel entledigt wie die Reinheit der Sonnenstrahlen über der glitzernden Stadt, der römischen Siedlung Caesarea.

Die alte Stadt, das heutige Cherchell in Algerien, unweit der Hauptstadt an der Küste gelegen, bildet den geographischen Mittelpunkt des Romans Frau ohne Begräbnis der algerischen Autorin Assia Djebar. Hierhin zieht es die Handelnden immer wieder auf der Suche nach den Spuren der Vergangenheit. Es gilt, das bruchstückhafte Bild der Heroin zusammenzusetzen, von den ersten Versuchen, die Einwohner gegen die Besatzer zu organisieren, bis hin zu ihrem erzwungenen Weggang in die Berge. An diesem Ort spricht Zoulikha, die Mutter, die liebende Ehefrau, die mutige Heldin des Widerstands zu ihnen. Hier hat sie gelebt mit ihren beiden Töchtern, mit ihrem dritten Ehemann, gleich neben dem heute verfallenen Haus der Erzählerin.

Die stetige Bewegung in der Annäherung zum Erzählkern und im Abrücken vom selben erzeugt eine nicht nachlassende Neugierde beim Leser, ein gleichsam erotisches Spiel des Lockens und Wegschiebens, des Anbietens und Entziehens. Nie wird das Objekt ganz erreicht, es bewahrt seinen verlockenden Reiz in der Distanz. Am nächsten kommt man ihm noch, wenn eine der beiden Töchter oder die Erzählerin - sie nennt sich selbst »die Besucherin, die Geladene, die Fremde oder die Fremde, die gar nicht so fremd ist« - der alten Wahrsagerin, einer Vertrauten der Familie, einen Besuch abstattet. In ihrem Bericht von geheimen Unternehmungen schiebt sie ihre eigene, nicht unwesentliche Rolle bescheiden in den Hintergrund, in den Vordergrund rückt plastisch das Bild von Zoulikha. Näher kommt man der Heldin selten, unabhängig davon, ob der ausgewogene Perspektivwechsel uns der ersten oder dritten Person überlässt.

Und es gibt noch eine weitere, bemerkenswerte Lesart: Die Erzählerin als Abgesandte einer weit zurückliegenden Vergangenheit, symbolisiert durch das verfallene Haus, ihr ehemaliges Heim. Es ist, als gebäre das Gedächtnis sich ständig selbst aufs Neue. Ein reizvoller Widerspruch, der den Schmutz des Konkreten verknüpft mit der Reinheit idealistischer Darstellung. Das Heldentum im Kampf gegen die französische Kolonialmacht dient hier als philosophisches Anschauungsmaterial, unabhängig von politischer oder moralischer Wertung.

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Assia Djebar

Der Roman Frau ohne Begräbnis lebt nicht allein von der Zartheit der Sprache. Die komplexe Struktur verschiedener Zeitebenen, sie reichen von der Gegenwart über die 80er Jahre, als die Erzählerin eine filmische Annäherung an Zoulikha unternahm, bis hin zu den Jahren des nationalen Befreiungskampfes sowie die mannigfachen Erzählstränge münden in einer selten anzutreffenden kompositorischen Einheit. Sie erzeugt beim Leser das Gefühl, einem klaren und in seiner Einfachheit vollendeten Text zu folgen, über dem der Geist einer antiken Heldin schwebt. Sie entspricht wie die wesentlichen Gestalten des Romans, allesamt weiblichen Geschlechts, dem Bild der starken Frau. Aber es gibt auch - einige wenige - schwache Frauen. Diesen wird dasselbe Schicksal zuteil wie den Männern.

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Oratorium
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Kaum entworfen, verblasst das Bild des Mannes schon. Seine Bedeutung liegt im Übergang; seine Rolle reicht vom verständnisvollen und zärtlichen Ehemann bis zum grausamen Folterer. Letzterer wird durch den Fortgang der Geschichte hinweggefegt, während der Mann an der Seite der Heldin ersetzt wird durch den nächsten und wieder nächsten Ehemann: »Ich spreche von den Frauen«, sagt die Erzählerin, »denn bei den Männern sind Augen und Gedächtnis ausgelöscht«. 

(Originaltitel: La femme sans sépulture)

6/2003 © by Janko Kozmus
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