DIE MARABOUT-SEITE
linie

linie
linie
linie
Amazon-Bestellung:
Bitte MouseOver-Bild anklicken!
linie
Rezension: → Miral al-Tahawi - Das Zelt

Die Spielgefährtin

»Wenn ich nur wüsste, was sie reden, dann könnte ich es Muha verraten, und sie würde merken, dass ich auch gut erzählen kann, und mit mir spielen.«

Spielen, das möchte sie, immerzu und Geschichten erzählen, das kann sie wahrlich, die Protagonistin des im Jahre 2001 in deutscher Übersetzung erschienenen Romans Das Zelt der 1968 geborenen ägyptischen Autorin Miral al-Tahawi. Das bemerkt auch die Familie der kleinen Fatima. Aber statt sich an der überbordenden Phantasie des Mädchens zu erfreuen, beginnen die Angehörigen sich irgendwann Sorgen zu machen. Die Familie, das sind für die Protagonistin wie für die Autorin ägyptische Beduinen.

Die Ich-Erzählerin Fatima ist das jüngste Kind eines Vaters, der es auf dem von Frauen dominierten Gehöft nicht lange aushält. Er kommt, sein Zelt wird vor dem Tor aufgebaut. Aber es dauert nicht lange, da ist es wieder verschwunden und mit ihm Fatimas Vater. Und sie bleibt wieder mit ihren geschäftigen Schwestern und Mägden allein. Eine Magd ist es auch, die sie Mama nennt. Von »Mama Sardub« erhält sie mütterliche Wärme. Ihre wahre Mutter liegt Tag und Nacht in ihrem Zimmer und weint sich nach und nach alles Leben aus dem Leib. Vergleichbar einfache - der Sprachgestus des Romans folgt der unkomplizierten Ausdrucksweise des Kindes -, dennoch treffende Bilder verwendet Miral al-Tahawi: »Hält du das Schaf nicht auf deinem Weg, sucht es sich selbst einen.« Diesen, Beduinensprichwörtern nachempfundenen Satz legt die Autorin der Großmutter in den Mund. Sie wird als Tyrannin empfunden, gleichzeitig besitzt sie eine andere Seite. Da ihr Sohn, Fatimas Vater, seiner Aufsichtspflicht nicht nachkommt, kümmert sie sich um die landwirtschaftlichen Belange, um die Vorräte, um die Ordnung auf dem Anwesen schlechthin.

Das bescheidene, ländliche Leben dieser - sesshaften - Beduinen bildet den Hintergrund dieses traurig schönen Buches: Belletristik im wörtlichen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Nicht nomadische Anwandlungen treiben Fatimas Vater immer wieder fort, sondern die Tragik seiner Ehe, die Verzweiflung seiner Frau, die ihm keinen Sohn gebären kann. Wie jedes andere Ereignis wird auch dieses von Fatima in ihre eigene Welt eingewoben: Sieben Sterne umfasst der Große Bär, sieben Palmen sprießen in der Oase. Jede steht für eine vom König getötete Tochter. Mit diesen Geschichten lebt Fatima. Zahwa, die von ihr selbst geschaffene, imaginäre Spielgefährtin erzählt sie ihr. Zahwa ist die Tochter von Mussallam und Sikima.

Fatima, als sie ihre Geschichte zu erzählen beginnt, ist klein, noch benutzt sie vier Glieder zur Fortbewegung. Alle, bis auf Großmutter Hakima sind gut zu ihr, doch ihre Sehnsucht nach Geborgenheit wird nicht gestillt; in ihrer Einsamkeit und ihrem Mitleiden mit der Mutter sucht sie Zuflucht in ihren Phantasien. Sieben Palmen hat die Oase ... Doch selbst aus ihren Träumen kann sie die Tragik ihrer Realität nicht verscheuchen. Auch Mussallam hält es nicht in der Oase, auch er nimmt sich eine zweite Frau wie Fatimas Vater. Doch der tut dies erst, nach einem Schicksalsschlag. Immer tiefer vermischen sich Realität und Phantasie. Fatima hört, ihr Vater habe die Mutter gewürgt. Sollte er beabsichtigt haben, seine Frau, ihre Mutter, zu töten? Und war nicht von sieben Töchtern die Rede?

Als Fatima größer ist, beginnt sie auf Bäume zu klettern, um die Ankunft und Abreise von Besuchern hinter dem immer verschlossenen Tor zu beobachten. Eines Tages fällt sie vom Baum, verletzt sich. In der Folge stürzt sie noch öfters herunter. Das bleibt nicht ohne Folgen. Aber es gibt auch glückliche Momente. Die jungen Frauen singen:

»Der Morgen graut, und ich fand keinen Schlaf.«

Fatima ist noch immer zu klein, um den Sinn dieser heiteren Liedzeile zu begreifen. Auch das Wort von der Beschneidung des »Wildwuchses« zwischen den Beinen eines Mädchens missversteht sie. Das Haar sei doch »von ganz allein und ordentlich gewachsen, es war doch nicht wild«. Zwei ihrer Schwestern heiraten, dann die dritte. Das bringt wieder Trauer ins Haus, die Trauer des Abschieds. In solchen Momenten flüchtet Fatima: »Der Mond wirft spärliches Licht, und in den Ritzen und Spalten des Brunnens kriechen, wie ich, winzige Lebewesen, die das reglose Wasser zittern und den schwachen Lichtschein tanzen und hüpfen lassen.«

Irgendwann tritt Anne, die Ärztin aus der Stadt, in Fatimas Leben, sie wird es verändern. Die Ärztin nimmt das verletzte Kind zu sich, hilft ihm, aber um welchen Preis? Sie pflegt es und lässt es seine Geschichten erzählen; die Besucher sind begeistert. Sind keine Gäste geladen, zeichnet Fatimas Fürsorgerin die Geschichten auf, die für Fatima ihr Leben sind. Ausgestattet mit zwei fremden Sprachen, kehrt sie auf das väterliche Gut zurück, muss jedoch feststellen, dass ihr Platz - das des Nesthäkchens - nicht mehr frei ist. Sie klagt und fleht um Verständnis, sie, Sardub, kenne doch die Wahrheit: » ... du weißt, dass Zahwa in Musallams Oase lebt.«

Download
RTF-Datei
Die Spielgefährtin

PDF-Datei

Die hier in groben Umrissen nachgezeichnete Geschichte ist um viele Facetten reicher, als es in der Kürze dargestellt werden kann. Vom symbolischen Stellenwert eines Falken war genauso wenig die Rede wie von der Bedeutung von Fatimas Gazelle oder ihres heißgeliebten Fohlens. Doch diese Auslassungen hätten neben anderen nur ein weiteres Mal die außergewöhnliche poetische Klage der Autorin unterstrichen über den Verlust einer Welt, die in Auflösung begriffen ist. Gleichzeitig ignoriert Miral al-Tahawi an keiner Stelle auch die Unzulänglichkeiten dieser Welt, wie beispielsweise das Fehlen menschlicher Nähe und das Vorhandensein von Widersprüchen, die dem Kampf der Geschlechter um Dominanz sowie dem Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne entspringen.

(Originaltitel: Al-Chiba)

6/2004 © by Janko Kozmus
Sie haben dieses Buch bereits gelesen?! Dann beteiligen Sie sich bitte mit einem Votum für dieses Buch an der BESTEN-LISTE afrikanischer und arabischer Literatur auf der MARABOUT-SEITE !
linie
Weitere Rezensionen zu Werken ägyptischer Autoren:
linie

linie