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Kamel Daoud: Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung
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Rezension: Kamel Daoud - Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

Der verkleidete Tod

Das Werk Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung des in Französisch schreibenden algerischen Autors Kamel Daoud wurde im Original 2013 in Algier veröffentlicht. Ein Jahr später folgte die Publikation in Frankreich, wo der Roman mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, darunter der begehrte und wohl renommierteste des Landes, der Prix Goncourt, den er im Jahre 2015 als bester Erstling erhielt. In diesem Jahr wurde das Buch in deutscher Übersetzung vorgelegt.

Die unglaubliche Aufmerksamkeit, die der Roman bei seinem Erscheinen erfuhr, verdankt er dem Bezug zu einem Werk, das – aus westlicher Sicht – längst zur Weltliteratur zählt, zu Albert Camus' Der Fremde. Der in diesem Roman ermordete anonyme Araber bekommt einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte. Erzählt wird diese, Jahrzehnte später, vom Bruder des getöteten Moussa, so der Name des Opfers: Moses. Der Bruder und Ich-Erzähler ist inzwischen ein alter Mann, sitzt in einem Café und berichtet von dem Geschehnis, das dem Leben seiner Mutter und seinem eigenen den Dreh- und Angelpunkt beschert hat, der – unerwünscht, unverrück- und unumkehrbar – zum einzigen und alles entscheidenden ihres Daseins wird. Gleich in welcher Weise der Tod eines geliebten erstgeborenen Sohnes oder bewunderten Bruders eintritt, bedeutet er eine existenzielle Erschütterung, die Form der Ermordung jedoch, zudem durch einen Roumi, einen ungläubigen Christen, einem Vertreter der Kolonialmacht, bläht dieses Ereignis zu einem unvergleichlichen emotionalen Vulkanausbruch auf, der überdies niemals endet, da die Leiche des Opfers nicht aufgefunden wird.

Eingeschrieben in Moussas Geschichte sind die Leidensgeschichten des Ich-Erzählers und seiner Mutter, die ihrer Trauer kein Ende zu setzen weiß und damit faktisch ihrer beider Existenzen aufgibt, in der Vergangenheit verharrend und das Leben ihres jüngeren Sohnes als ein schuldhaftes Überleben anklagend, gerade mal gut genug, die Umstände der Ermordung ihres Erstgeborenen zu klären und Rache zu üben.

Der Ich-Erzähler, der zum Todeszeitpunkt seines verehrten erwachsenen Bruders noch ein Kind war, nimmt seine Rolle zunächst an, behauptet gar als Motivation für das Erlernen der Kolonialsprache einen einzigen Grund gehabt zu haben, das Geständnis des Meursault, das dieser ohne Reue frech in einem Buch offenbart, lesen zu können.

Mit diesem Kniff, der Einsetzung einer Daseinsebene für beide Ich-Erzähler, dem geständigen Mörder aus Camus' Der Fremde sowie Haroun aus dem vorliegenden Roman, schafft der 1970 geborene Autor Kamel Daoud die Grundlage einer Fiktion, die seine Figuren mit denen des Referenzromans verknüpft. So beschreibt Haroun bezeichnenderweise nicht etwa Camus' Buchcover, sondern eines mit dem Titel Der Andere, auf dem der Name des Mörders "oben rechts in schwarzen und strengen Buchstaben" steht: Meursault. Seinen eigenen Namen gibt der Ich-Erzähler übrigens erst gegen Ende seines Berichts preis, der überraschenderweise ebenfalls ein Mordgeständnis beinhaltet. Mehr sei davon an dieser Stelle nicht verraten.

Camus: Der Fremde
ALBERT CAMUS
DER FREMDE

Wiewohl der Roman, dessen Konturen sich von Beginn an abzeichnen, seinen Reiz weniger aus inhaltlichen Wendungen schöpft, wartet er gegen Ende – als Harouns Kraft, weiter dem einzigen Lebenziel zu folgen, schon nahezu erlahmt und das Mitgefühl der Mutter gegenüber in Hass umzuschlagen droht – mit einer weiteren Überraschung auf. Der eigentliche Reiz entspringt der Neubewertung des Falls Meursault, der als ein eklatant herausregender die koloniale Gesellschaftsstruktur als zweiklassig entlarvt. Doch bleibt Daoud nicht bei dieser Kritik stehen, wenn er beispielsweise den Begriff des "anonymen Arabers" hinterfragt: "Sag mir, ist 'Araber' denn eine Nationalität? Wo ist dieses Land, das alle zu ihrem Bauch und ihrem Schoß erklären …" Er weitet diese aus, indem er insbesondere die historischen Ereignisse in der Zeit des Umbruchs und nach erfolgreicher Beendigung der kolonialen Unterdrückung einbezieht. In dieser Zeit, der Stunde Null, werden viele sogenannte Pieds-noirs, französische Siedler auf algerischem Boden, aber auch Einheimische getötet. Bei all diesen Taten, ob von Einzelnen oder von Gruppen begangen, wird der Gedanke der Vergeltung als Legitimation offeriert, schuldig gewordene Vertreter der Kolonialmacht oder deren Kollaborateure werden vom siegreichen Widerstand zur Rechenschaft gezogen. Doch Daoud verschweigt nicht, dass es zu zahlreichen Übergriffen gekommen sei: "In dieser Zeit konnte man unbesorgt töten. Der Krieg war zu Ende, aber der Tod verkleidete sich in Unfälle und Rachegeschichten …" Er übt somit schmerzhafte Selbstkritik, Kritik am eigenen Volk, was diesen Roman gleichzeitig des Verdachts einer simplen Retourkutsche enthebt.

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Der verkleidete Tod

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Dessen ungeachtet bezieht Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung seine Spannung ohne Zweifel aus der Reibung mit Camus' Roman, dessen Gestaltung Kamel Daoud ein ums andere Mal lobt. Jedoch käme es ihm nie in den Sinn, ihn nachzuahmen. Er werde es "genauso halten, wie man es in diesem Land seit seiner Unabhängigkeit macht: Stein um Stein von den ehemaligen Häusern der Kolonialherren nehmen, um mein eigenes Haus daraus zu bauen". Und dieses ist durchaus bestaunenswert: solide Struktur nach außen und vollendetes Design im Inneren.

12/2016 © by Janko Kozmus

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