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Das Tal der Vermissten
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Auszug aus dem Roman: »Das Tal der Vermissten«

»Hey Leute, kommt her! Kommt alle mal her! Ein Neuer!« Ein Haufen verwegen aussehender Gestalten kommt auf den Rufer zugerannt. Und bevor er ihn erreicht hat, versuchen seine Mitglieder, ihren Blick in Richtung der waagrecht erhobenen Hand gewandt, den Angekündigten zu erkennen. Im Nu haben sich an die zwanzig Menschen, nur eine einzige Frau ist darunter, eingefunden. Alle sind unterschiedlich gekleidet, mit Ausnahme eines meterlangen, meist hellen Halstuchs. Insgesamt ein Bild wie auf einem Kostümfest, von mittelalterlichen Wams und Pluderhose, über eng anliegende gefranste Leggins und Wildlederjacke eines Waldläufers bis hin zu T-Shirt und Jeans ist alles vertreten. Prägend aber ist die Djellabijah, das traditionelle Gewand der Wüstenvölker. Die Menschen schreien durcheinander wie Kinder auf einem Schulhof:

»Wo denn.., ich seh' nichts.., ...vielleicht könnt ihr mal..«. Die meisten von ihnen drängen sich eng an den Rufenden. Eingezwängt sieht er sich gezwungen, seinen Arm zu senken:

»Wartet mal, ich seh' ja selbst nichts mehr ... drängelt doch nicht ... so geht doch ein wenig zur Seite ... wartet!«

»Seht nur, wie er stolpert!«, schreit jemand.

»Er rappelt sich wieder auf«, schreit ein andrer.

»Er will es nicht glauben«, schreit ein dritter.

»Irgendwann wird er es schließlich begreifen ...«, sagt derjenige, der die ganze Meute angelockt hat.

»Jetzt versucht er es auf allen Vieren ...«, ruft die Frau.

»Ob das das Richtige für ihn ist?«, kommt der Zweifel aus der Schar.

»Glaub' ich nicht.« Ein anonymer Widerruf, der gleich Recht erhält. Der Beobachtete ist wieder im Sand der leicht ansteigenden Düne weggerutscht, liegt auf dem Bauch, verdutzt, augenscheinlich nicht wissend, was zu tun sei. Die Energie, einen neuerlichen Versuch zu starten, scheint ihm im Moment zu fehlen.

»Na los!«, wird er aus der Menge heraus angefeuert. Vergebens, der Neue kann die Rufe nicht hören, noch hat er die Schwelle nicht erreicht. Wieder kommt er ihr einige Meter näher. Mühsam hat er sich aufgerichtet, stolpert weiter.

»Gleich stürzt er wieder«, ruft es. Keine waghalsige Prognose, die den Mann dennoch, einem Baume gleich, zu fällen scheint.

»Da liegt er wieder auf der Nase.« Die Bestätigung kommt lapidar, keine Spur von Schadenfreude.

»Es ist doch einfach nicht zu glauben, dass er es nicht begreifen kann. Mit ein wenig Einfühlungsvermögen muss er doch merken, welche Gangart für ihn die beste ist.«

»Du hast leicht reden, Laura, warst du denn sensibel genug, es gleich zu merken? Und es auch anzunehmen..?«

»Du hast Recht, Douglas, ich hab' auch eine Zeitlang gebraucht, es zu akzeptieren ... natürlich«, antwortet sie in normaler Lautstärke, da sich die Gruppe etwas beruhigt hat. Sie greift in ihre Haare streift sie nach hinten zusammen zu einem Zopf, den sie mit der rechten Hand festhält, um so den Wind daran zu hindern, die Haare weiter durcheinander zu wirbeln. Dann schiebt sie ihr Halstuch über die Nase, um ihre Atemwege vor dem feinen Sand zu schützen. Douglas und die meisten anderen tun es ihr gleich.

»Es geht los!«, ruft es aus der Gruppe. Überflüssigerweise, denn jeder kann den Wind spüren und weiß, was er zu bedeuten hat.

»Endlich hat er es begriffen«, ruft Douglas aus, »seht nur, er schlängelt sich dahin wie ein Wurm!« Der Neue hat sich auf dem Boden langgemacht. Er winkelt die Beine an, drückt seine Oberschenkel mit der Innenseite auf den Boden und stößt seinen Oberkörper mit den Knien mühselig nach vorne. Dabei belässt er die Hände am Körper, benutzt sie nicht, was nahe läge, um damit zu robben.

»... ja, es geht mühsam, aber doch voran ...«. In der Zustimmung der Bemerkung liegt ihr Überhörtwerden durch die Gruppe.

»Gleich, gleich bist du drin«, stößt Laura hervor, als wolle sie den Neuen antreiben. Der scheint gerade etwas Sand auszuspucken, während er sich weiterschiebt. Der Wind ist stärker geworden. Soweit Laura das erkennen kann, gilt dies nur innerhalb der unsichtbaren Barriere. Die Gruppe ist noch enger aneinandergerückt. Ein Bollwerk des Bewusstseins, des Wissens seiner zeitlichen Begrenztheit: Im Moment des Höhepunkts des dann zum Sturm angewachsenen Winds würde er abbrechen. Die Pforte würde sich wieder schließen. Unsichtbar wirksam. Mit bloßem Auge nicht zu erkennen.

Das Tal, das wie die ihn umschließenden Hügel außerhalb der Barriere, größtenteils von Sand bedeckt ist, würde wieder abgetrennt sein, abgeschlossen von der übrigen Welt. Hermetisch, selbstvergessen, geschützt in seiner Abgeschiedenheit. Der stärker werdende Wind zerrt an den Haaren der Leute in der Gruppe. Und raubt jedem einzelnen fast den Atem. Es scheint sie jedoch nicht sonderlich zu stören, vielleicht, weil sie zu sehr abgelenkt sind in der Beobachtung des Mannes jenseits der Barriere.

»Nur noch wenige Meter«, ruft jemand.

»Er schafft es!«, ruft Douglas.

»Er scheint an der Sperre angelangt zu sein«, sagt Laura.

»Hoffentlich begreift er, dass er einen Moment warten muss«, sagt jemand. Die meisten Mitglieder der Schar zappeln aufgeregt auf der Stelle, als müssten sie Wasser lassen. Ein seltener Vorgang, da in dieser Umgebung jeder Tropfen Flüssigkeit vom Körper dankbar angenommen und verwertet wird.

»Bestimmt tut er das, hat er doch längst«, sagt Douglas. Mit der rechten Hand fährt er sich übers Gesicht und behält die Hand wie einen schützenden Filter vor Nase und Mund.

»Was macht er denn jetzt?!«, kommt es überrascht aus der Menge, »er muss sich noch einige Augenblicke gedulden«.

»Nein, warte noch einen Moment«, schreit Laura so laut sie kann in dem Wunsch, der wie eine Schildkröte immer wieder gegen die Sperre andrückende Mann könnte sie hören oder gar verstehen. Eine Spur von verzweifelter Anteilnahme in ihrer Stimme ist unverkennbar. Wieder und wieder stößt er halb mit dem Kopf, den er im letzten Moment zur Seite nimmt, halb mit der Schulter gegen das unsichtbare Hindernis. Irgendwann hält er in seinen Anstrengungen inne, liegt da. Alle Zuschauer glauben in seinen Gesichtszügen das Bemühen herauszulesen, unbedingt eine Lösung, einen gangbaren Weg zu finden. Übergangslos steht er auf: Einige schnelle Schritte nach hinten, und dann unvermittelt das Losstürmen mit all der noch verbliebenen Energie. Gegen das unsichtbare oder doch nahezu unsichtbare Schild. Ein schwaches Flimmern verrät dem aufmerksamen Beobachter seine Anwesenheit. Im letzten Moment vor dem Aufprall schiebt der Mann eine Schulter nach vorne, als wolle er eine Tür aufbrechen. Dem ersten folgen andere identische Versuche, mit dem Unterschied dass die nach vorne geschobenen Schultern einander abwechseln. Mal ist es, wie beim erstenmal, die linke, dann die rechte, wieder die linke ... Einige der Zuschauer zucken im Moment des Aufpralls zusammen und ziehen erschreckt mitfühlend ihren Kopf in den Nacken. Nach bald einem Dutzend Versuchen hält der von der Mehrzahl der Menge solcherart Bemitleidete inne. Er schüttelt den Kopf im Versuch, ihn klar zu bekommen.

»Er gibt auf!«, schreit jemand.

»Nein, das darf er nicht«, schreit Laura.

»Er hätte dabei bleiben sollen, sich wie eine Schildkröte fortzubewegen«, sagt jemand.

»Er hat sich abgewendet«, sagt Douglas. Seine Worte, die nicht sehr laut gesprochen sind, gehen in dem allgemeinen Geraune und Gemurmel, dem Enttäuschung anhaftet, fast unter. Jemand sagt:

»Er sollte es noch mal versuchen.«

»Zu spät«, sagt Douglas, und ein jeder in der Gruppe spürt den abflauenden Wind und weiß, dass er Recht hat. Die Chance ist vertan. Vielleicht ergibt sich in kurzem eine neue, sicher ist es nicht. Fürs erste jedenfalls ist es vorbei. Der Haufen zerfällt in gleichgültige Einzelteile, die in ihrer Buntheit vom Einerlei der Sandfarbe abstechen.

»Kommst du noch mit rüber ins Bermuda-Dreieck?«, fragt Douglas Laura, nachdem er mit einem Blick gen Westen das Untergehen der Sonne sanktioniert hat. Er kümmert sich genau so wenig wie seine ebenfalls aufbrechenden Gefährten um den außerhalb der Sperre sich wieder Aufrichtenden. Er entfernt sich taumelnd immer weiter von der Sperre hinaus in die Wüste, den Hügeln entgegen, ein für Klischees taugliches Bild der Einsamkeit. Die Breite seines Rückens verrät nichts über das Gewicht der Bürde, so er eine trägt. Statt einer Antwort, und bestünde sie nur in einem Kopfnicken, drückt sich Laura um die Spur enger an Douglas, die notwendig ist, um die kurze Wegstrecke im Gefühl von Gemeinsamkeit zurücklegen zu können. Laura sagt, und ihre Stimme wirkt bedrückt:

»Was wird mit ihm?«

»Du meinst den Aspiranten?!«

»Ja ... «

»Er wird sich entscheiden müssen!« Laura ist keineswegs sicher, ob sie den Sinn dieser Aussage versteht. Ihr Inneres wehrt sich in Form des Gedankens, dass auch ernsthafte Absichten an objektiven Hindernissen scheitern können, gegen jegliche tiefere Einsicht.

* * *

Das Lokal erinnert zunächst an einen Saloon aus Westernfilmen. Dieser Eindruck verblasst rasch wieder, hat man erst einmal die Schwingtür durchschritten. Gegenüber dieser Eingangstür zieht sich ein Tresen über die gesamte Breite des Raumes hin, gut und gern zehn Meter; nur die Breite der Toilettentür auf der linken Seite ist ausgespart. Rechts befindet sich innerhalb des Barbereichs eine weitere Tür, die vermutlich zur Küche führt. Der Ankommende hat beim Eintreten sofort die Bar im Blickfeld und kann, wie dies jetzt Douglas tut, zum Barmann hin grüßen. Links, gleich neben dem Eingang, stehen zwei kleine Tische mit jeweils drei Stühlen an der Wand. Beliebte Plätze, die meist, wie auch im Moment, besetzt sind, doch beileibe nicht so beliebt, wie die Tische an der gegenüberliegenden, der rechten Wand, die auf einer von einem Holzgeländer eingefassten Empore stehen; vier kleine, jeweils zwei Gästen Platz bietende Tische, die ebenfalls, wen wundert’s, schon besetzt sind.

Nachdem Douglas gegrüßt hat, stehen Laura und er einen Moment unentschieden da, lassen ihre Blicke unauffällig schweifen. Aus der Mitte des Raumes schält sich ein an Douglas gerichteter Begrüßungsruf, der diesen freundlich beantwortet. Laura kennt wenige, Douglas dagegen ausnahmslos alle Anwesenden, zumindest vom Sehen. Bestimmten Blicken versucht er auszuweichen. Ihre Augen streifen über nahezu ein Dutzend Tische hinweg, an denen, bis auf zwei Ausnahmen, jeweils zwei und mehr Leute sitzen. Die größte Gruppe sitzt an einem etwa fünf bis sechs Meter langen, schmalen Tisch unterhalb des Podests auf der rechten Seite; es scheint sich um eine Art Stammtisch zu handeln. Douglas ruft dem kleinen, sehr blassen Mann hinterm Tresen ihre Bestellung zu. Dann steuern sie einen der beiden leeren Tische in unmittelbarer Nähe des Tresens an. Zwischen den einzelnen Tischen und Stühlen ist genügend Platz, die Sitzenden im Vorübergehen nicht stören zu müssen. Nichtsdestotrotz drehen sich Gesichter nach ihnen um, Hallos werden ausgetauscht. Von einem der Tische ruft es laut:

»Hallo, ihr Turteltäubchen, wollt ihr noch nicht ins Bettchen«. Ein herzhaftes Gelächter schließt sich an, in das die drei Tischgenossen des Spötters einfallen. Laura versucht den Rufer zu ignorieren, Douglas sagt laut:

»Hallo Lucky, keine Zigaretten mehr?« Lucky verstummt sofort, wie durch einen Schlag unterhalb der Gürtellinie. Auch seine Tischgenossen hören auf zu lachen.

Douglas und Laura sind inzwischen an einem leeren Tisch angelangt. Kaum sitzen sie, kommt auch schon der kleine, schmächtige Barmann mit den Getränken und stellt sie kommentarlos ab. Sein Errol-Flynn-Schnurbärtchen strahlt gleichzeitig Vertrauen wie gaunerhafte Distanz aus.

Laura sieht dem Barmann nach, dann sagt sie:

»Was sollte das eben mit den Zigaretten?.. Diesem Lucky ist ja die Spucke weggeblieben ...«

»Ach komm, du wirst doch wohl wissen ...«, setzt Douglas forsch an, fährt behutsamer fort, »... du scheinst wirklich nicht zu wissen, was diese Andeutung sollte ...«

»Kein' blassen Schimmer!«

»... eigentlich ist es gar nicht wichtig ... so 'ne Art running gag ...«

»Und worin besteht der?« In diesem Moment schwingt die Saloontür auf und Mateo kommt mit zwei seiner Kameraden herein. Die Truppe ist bei jedermann sehr beliebt und ein allgemeines Hallo und Trara hebt an, das Douglas dankbar aufnimmt. Auch er schmeißt einen flotten Spruch in Richtung Mateo, der gekonnt pariert wird. Nachdem die Gruppe am Stammtisch Platz gefunden hat, beruhigt sich allmählich alles wieder. Mateo hat sich an die Stirnseite des langen Tisches gesetzt, mit dem Rücken zur dem Tresen gegenüberliegenden Wand. Douglas sagt möglichst beiläufig;

»Wollen wir vielleicht 'ne Kleinigkeit essen?«

»Douglas!!!«, kommt's laut und gereizt von Laura, »wolltest du mir nicht gerade einen Zigarettenwitz erzählen?..«

»Ich glaube, das wäre nicht so passend«, sagt Douglas betont unschuldig, »das ist ... äähhh ... eine Art Männerwitz ...«

»Hältst du mich für ein Kind .... oder denkst du, ich bin prüde?..«

»Neinnn ... aber ...«

»Douglas, du nimmst mich jetzt bitte ernst und erzählst mir sofort, was das mit den Zigaretten bedeutet. Kein Witz! Hab ich Recht?!«

»Doch, ein Witz, doch einer von der Sorte, die ans Eingemachte gehn!«

»Inwiefern?«

»Du weißt wirklich nicht, was es mit den Zigarettenholern auf sich hat?«

»Sollte ich das?«

»Nein .., aber gerade dann, solltest du nicht darauf bestehen ... es gibt auch schädliches Wissen ... nein, nicht schädlich, Wissen ist nie schädlich, ich meine Wissen, das das Innerste anzugreifen imstande ist ...«

»Dass Lucky keine Zigaretten hat, könnte mein Innerstes erschüttern??« Douglas sagt nichts mehr. Er blickt Laura in die Augen und nimmt ihre Hand, schweigt noch immer. Laura erkennt sein Bemühen, seinen Kampf, ihr einerseits, nicht das Gefühl zu geben, sie für dumm zu halten, andererseits sie vor – seiner Überzeugung nach – Schädlichem zu bewahren. Sie entwindet sich seinem sanften Griff und sagt:

»Das Ganze hat mit draußen zu tun?... mit dem Warum ...«, sie überlegt, sucht nach Worten, »... es hat mit der Ursache unseres Hierseins zu tun ... nicht wahr?!..«

»... Ja ...«

»... Das heißt ... in seinem vorigen Leben ... «, eine lange Pause entsteht. Laura scheint Steinchen für Steinchen das Mosaik im Kopf zusammenzusetzen, ihr angespannter Gesichtsausdruck gibt Zeugnis davon. Sie nimmt den Faden auf:

»Lucky hat ein ganz normales Leben geführt ... eines Abends ist er los, um nur einfach Zigaretten zu holen ... und ist hier gelandet!«

»... Ja ...«

»Das sind die Zigarettenholer!«

»... Ja ...«

»Gibt es viele von denen hier?«

»Sie stellen den größten Anteil dar.«

»... und das war so schwer, mir das zu offenbaren?«

»Der Punkt ist, wenn man nicht selber bereit ist für dieses Wissen, kann es sehr gefährlich werden ...«

»... offenbar war ich bereit!«

»Ich hoffe es.« Schweigen kehrt ein. Douglas ahnt, was in Lauras Kopf vorgehen muss. Aus dem allgemeinen Wissen um die Gründe des Erscheinens hier folgt zwangsläufig die Frage ...

»Warum bin ich hier gelandet?« Laura wird blaß. Douglas nimmt ihre Hand.

»Du musst dir Zeit lassen ... du solltest nicht versuchen, nicht zu erzwingen versuchen ... nicht alles auf einmal ... «

»Du hast gut reden ... weißt du, weshalb ich hier bin?« ....

  »Nein!« ...

© by Janko Kozmus

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