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Foto: Guido Morselli
GUIDO MORSELLI
(1912 - 1973)
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GUIDO MORSELLI (1912-1973)

1912
Am 15. August als Sohn wohlhabender Eltern in Bologna geboren.

1914
Umzug der Familie nach Mailand.


1930

Auf Wunsch der Familie Beginn eines Jurastudiums.


1935

Promotion.


1936-37

Auslandsaufenthalt in England und Skandinavien.

DAS BESONDERE BUCH:
GUIDO MORSELLI: Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit bei amazon bestellen
DISSIPATIO HUMANI GENERIS ODER DIE EINSAMKEIT
ZUR REZENSION

1940-45
Militärdienst als Offizier, zuletzt in Kalabrien

1940-43
Bibliografische Angabe Filosofia sotto la tenda (Philosophie unterm Zeltdach), unveröffentlichter Essay.

1943
Bibliografische Angabe Proust o del sentimento, Essay.
1943-45*
Bibliografische Angabe
Uomini e amori (Männer und Liebschaften), Roman. Posthum veröffentlicht: Milano 1998.
1945
Rückkehr nach Varese.
1947
Bibliografische Angabe Realismo e fantasia, Neun Dialoge.
1947-48
Bibliografische Angabe Incontro col comunista (Begegnung mit dem Kommunisten), Roman. Posthum veröffentlicht: Mailand 1976. - Die Liebe des Arbeiters und KPI-Mitglieds zur wohlhabenden Witwe scheitert am Klassenwiderspruch. Gildo, der Metallarbeiter, zieht sich auf seine ideologische Position zurück.
1948
Tagebucheintrag v. 26. November: Niemand hat sich jemals freiwillig das Leben genommen. Der Selbstmord ist ein Todesurteil, mit dessen Vollstreckung der Richter den Verurteilten beauftragt.**
1954
Aufenthalt in Bonn als Korrespondent für Il Mondo***
1955-56
Bibliografische Angabe Fede e critica (Glaube und Kritik), Essay, veröffentlicht posthum 1977.
1961-62
Bibliografische Angabe Un dramma borghese (dt: Liebe einer Tochter, Übersetzung: Arianna Giachi. Ffm 1984), Roman. Posthum veröffentlicht: Mailand 1978. - Beschreibung des Versuchs eines Vaters und einer Tochter dem beiderseitigen inzestuösen Begehren zu entgehen.
1964-65
Bibliografische Angabe
Il comunista****, Roman, veröffentlicht posthum 1976. - Ein kommunistischer Abgeordneter im Spannungsfeld des Kräfteverhältnisses italienischer Parteien der 60er Jahre.
1965
Briefwechsel mit Italo Calvino, seinerzeit beim ital. Verlag Einaudi beschäftigt.*****
1966
Bibliografische Angabe Roma senza Papa, Roman, veröffentlicht posthum 1974 (dt: Rom ohne Papst, Übersetzung: Arianna Giachi. Ffm 1974). - Bericht vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts lautet der Untertitel des wohl bekanntesten Romans von Morselli. Formal ein Zukunftsroman, beschreibt er den Zustand der katholischen Kirche in satirischer Form in der Perspektive eines jungen, zudem verheirateten (sic!) Schweizer Priesters.
1967
Tagebucheintrag v. 9. Mai: ... ohne mich im Raum jemals vom Punkt wegzubewegen, an dem ich mich befinde: ich werde sehen, ob mir dieses Haus, das in hundert Jahren ein Trümmerhaufen geworden ist, gefällt, ich werde wiedersehen, was diese Wiese war, bevor es gebaut wurde. Ich bewege mich in der Zeit mit eigenen Mitteln oder mit künstlichen Fahrzeugen...******
1969-70
Bibliografische Angabe Contro-passato prossimo (dt: Licht am Ende des Tunnels, Übersetzung: Arianna Giachi. Ffm 1977), Roman. Posthum veröffentlicht: 1975. - Die wörtliche Übersetzung des Titels aus dem Italienischen lautet Jüngste Gegen-Vergangenheit und benennt eine Art rückwärts gewandte Utopie: Deutschland und Österreich gewinnen den Ersten Weltkrieg, unter der Führung von Walter Rathenau und Aristide Briand entsteht ein geeintes Europa, ca. ein halbes Jahrhunderts bevor dieses Ereignis in der realen Geschichte stattfindet. Begriffe wie real und Historie werden von Morselli hinterfragt und neu definiert.
1970-71
Bibliografische Angabe Divertimento 1889 (dt: Ein Ausflug seiner Majestät, Übersetzung: Ragni Maria. Düsseldorf 1980. Taschenbuchausgabe: Ffm 1985), Roman. Posthum veröffentlicht: Mailand 1975. Operettenhaftes Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte: Für den Zeitraum eines Urlaubs in der Schweiz entgeht der italienische König Umberto I. der Bürde seines Amtes, was nicht ohne Verstrickungen vonstatten geht.
1972-73
Bibliografische Angabe Dissipatio H.G. (dt: Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit, Übersetzung: Ragni Maria. Ffm 1990), Roman. Posthum veröffentlicht: Mailand 1977. - Im Todesjahr des Autors vollendeter Roman. Nicht nur deshalb das authentischte seiner Bücher: Nach einem misslungenen Selbstmordversuch findet sich der Protagonist in einer von allem menschlichen Dasein entblößten Welt wieder. Eine bis an die Schmerzgrenze reichende, anspruchsvolle Reflexion über die Einsamkeit des Menschen.
1973
Freitod; Guido Morselli hat sich am 31. Juli erschossen, vor sich liegend eine Mappe abschlägiger Verlagsbescheide.
1988
Bibliografische Angabe Diario, Vorwort: Giuseppe Pontiggia, Tagebuch mit Gedanken zu Philosophie und Literatur. Posthum veröffentlicht: Milano 1988.
2002
Bibliografische Angabe
Romanzi, vol I, Werkausgabe 1. Teil bei Adelphi (Inhalt: Uomini e amori, Incontro col comunista, Un dramma borghese, Il Comunista, Brave Borghesi).
STIMMEN:
"Of course, there is a long-standing tradition of exchange between genre and "serious" fiction, in spite of the lack of a national tradition for the former, going back at least as far as Leonardo Sciascia's Il giorno della civetta. Likewise, certain of Guido Morselli's novels can be read as instances of very specific sub-genres of science-fiction, from alternative history à la Philip K. Dick's The Man in the High Castle - I am thinking of course of Contro-passato prossimo - to the post-apocalypse dystopia of Dissipatio H. G." - Luca Somigli, Toronto University. 
"...I can think of two writers who have killed themselves for lack of recognition: Richard Burns in England, Guido Morselli in Italy. If you have the stomach for it, a gesture of that kind will certainly compel some to take you seriously." - Tim Parks, The Richmond Review
"Weder die Worte, die Haltung noch die psychologischen Verwicklungen sind wahr. Und es ist eine Welt, die zu viele Leute kennen, um sie einfach erfinden zu können" Italo Calvino über Il comunista, seinerzeit Lektor beim ital. Verlag Einaudi !
ANMERKUNGEN:
* Entstehungszeit ungenau datiert: "aus der kalabresischen Zeit" (KLfG). Später wird Guido Morselli diesen Roman in seinen Tagebüchern als missglückt bezeichnen.
** Erster Hinweis auf das Suizidthema in Leben und Werk des Autors.
*** Einziger belegter Ausbruch bis zu seinem Todesjahr aus seiner selbst gewählten Klausur in seinem 1952 erbauten Haus bei Varese (Gavirate).
**** Der einzige Roman von Gudio Morselli, der beinahe erschienen wäre. Kurz vor der Fertigstellung wurde er vom Verlag aus dem Programm genommen.
***** Calvino verpackt seinen "Verriss" von Il comunista in eine moderate Form. Geradezu behutsam versucht er Morselli Mängel des Romans nahezubringen. Er spricht dabei von Kollege zu Kollege, vermeidet den Sprachgestus einer offiziellen Stellungnahme. Das Äußerste an Einmischung ist der Rat an Morselli, das Buch in der Form einer Biographie zu verfassen, denn "über Probleme, die einem am Herzen liegen, kann man große Sagen schreiben, die literarisch von großem Wert wären, und nicht nur mit Ideen und Notizen, sondern mit Figuren, Landschaften und Gefühlen. Von seriösen Sachen muss man lernen nur auf diese Weise zu schreiben." (Übersetzung aus dem Italienischen von Monika Müller, der ich an dieser Stelle herzlich danken möchte!)
****** Der Autor schien von der Vorstellung von Reisen in der Zeit fasziniert gewesen zu sein, wobei er dabei weniger eine Kategorie der Science Fiction im Blick hatte, als ein Spiel der Möglichkeiten der Realität im Hegelschen Sinne.
Wichtigste Quelle neben dem Internet:
Ritte, Jürgen: Guido Morselli, in: KLfG (Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur, edition text+kritik)
LINKS:
Guido Morsellis italienischer Verlag Adelphi ! (Keiner der deutschen Verlage, die Morselli in ihr Programm übernommen hatten, präsentiert den Autor derzeit online!)
Vincenzo Guerrazzis Erzählung, IN THE PO RIVER DELTA WITH PAVESE, MORSELLI AND HEMINGWAY - Sehr aufschlussreicher Bericht über ein fiktives Aufeinandertreffen der genannten Schriftsteller (im ital. Original und engl. Übersetzung von Elaine Bennett; direkter Link nicht möglich, man folge dem Werkverzeichnis von Guerrazzi!)
HISTORY AND THE INQUISITOR: NOTES ON THE SCIENCE FICTION OF VALERIO EVANGELISTI - Anlässlich der Besprechung des genannten Buchs kommt Luca Somigli von der Toronto University auf den Stellenwert Guido Morsellis innerhalb der SF zu sprechen (in engl. Sprache).
Bei der Fondazione Mondadori war bis vor Kurzem noch der Aufsatz Guido Morselli in cerca di editore einzusehen. Angegliedert waren Briefwechsel Morsellis (in ital. Sprache) mit Verlagslektoren in den 60er Jahren, insbesondere mit Italo Calvino, der seinerzeit bei Einaudi tätig war.
Dreißig Jahre danach - Bericht in ital. Sprache (Trent'anni dopo) der Online-Seite des ital. Senders RAI anlässlich der Herausgabe des 1. Bandes (Romane I) einer Gesamtausgabe der Werke von Morselli durch Adelphi !
KLfG (Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur, edition text+kritik)
REZENSIONEN:
 
 Karpinsky hilf! (zu: Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit)
 
Abenteuer und Politik (zu: Licht am Ende des Tunnels)
 
2002-2006  © by Janko Kozmus