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Vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts
Der
Besuch eines nicht mehr ganz jungen, verheirateten Priesters gegen
Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in der Ewigen Stadt bildet den
Rahmen des wohl bekanntesten, 1966 verfassten Romans Rom ohne
Papst von Guido Morselli.
Don Walter, einem deutschsprachigen
Schweizer und Mariologen, soll das Glück widerfahren, vom
Papst empfangen zu werden. Aber der Papst ist doch gar nicht in
Rom, richtig! Und ist es möglich, das Zölibat existiert
nicht mehr? Es ist wahr!
Papst Johannes XXIV hat
seine Residenz vor die Tore Roms verlegt. Wenige Kilometer nur,
aber er ist eben kein Römer mehr. Wie schon seine Namenswahl
bezeugt, ist er ein Neuerer. Die von Papst Johannes XXIII eröffnete
Toleranz gegenüber den anderen christlichen Religionen schließt
nun sämtliche Weltreligionen mit ein. Der Papst habe sogar
eine Liason mit einer Zen-Buddhistin, erfährt Don Walter
beim Umherstreifen in der Stadt seiner Studienzeit. Eine an Merkwürdigkeiten
reiche Welt erschließt sich ihm.
Roms Bewohner bedauern
den Wegzug des Papstes ebenso wie der Ich-Erzähler. Der Vatikan
ist verwaist, der Petersdom bleibt eine der Haupttouristenattraktionen.
Begehrliche Besucherlippen können gar den Ring des Papstes
küssen. Eine 3-D-Materialisation gibt ihnen hierzu die Möglichkeit,
nachdem sie der Magnetkissenbahn oder einem der Hubschrauber-Busse
entstiegen sind. Technik und Toleranz prägen die katholische
Kirche am Ende des 2. Jahrtausends. In ihren eigenen Reihen
scheut sie weder die Diskussion mit Gegnern der Mariendogmen noch
mit atheistischen Theologiestudenten, Sympathisanten des GOD-IS-DEAD-MOVEMENTs.
Unklarheit herrscht darüber, inwieweit es Berührungspunkte
gibt zwischen diesen und den Anhängern des Davis-Cup-Siegers,
eines Detroiter Bischofs.
Der Leser betrachtet amüsiert das neue Rom mit den Augen
Don Walters, der als verheirateter Priester einerseits die neue
Kirche repräsentiert, sich jedoch als Streiter für die
Mariendogmen in Wahrheit als Bewahrer der Traditionen zu erkennen
gibt. In Ehrfurcht und mit Spannung blickt er dem Treffen mit
dem Papst entgegen.
Eine witzige und an neuralgischen Stellen, wenn der Autor die
Aufmerksamkeit des an Kirchenhierarchie o.ä. weniger interessierten
Lesers zu ertränken droht, spritzige Satire, die wie alle
Werke des Italieners Guido
Morselli - mit Ausnahme einiger kleinerer Schriften - nach
dessen Freitod veröffentlicht worden ist.
(Originaltitel: »Roma senza Papa«)
7/2002
©
by Janko Kozmus
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