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Skif - Geografie der Angst
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Rezension: → Hamid Skif - Geografie der Angst

Die letzte Station

Michel, Student und "ein Sympathisant einer verlorenen Sache", wie der illegale Einwanderer und Ich-Erzähler ihn nennt, mietete unter falschen Namen eine Unterkunft für ihn. Weil die Polizei verschärft nach seinesgleichen sucht, traut er sich irgendwann nicht mehr auf die Straße. Von den letzten Reserven lebend, beginnt sein Eremitendasein. Er scheint die letzte Station innerhalb der Geografie der Angst erreicht zu haben. Wie vom Schlepper instruiert, hatte er all die typischen Orte dieser Geografie gemieden: "Bahnhöfe, Einwanderergettos, Metrostationen, heiße Viertel, Bars, Eingänge von Kaufhäusern, Stadien oder zwielichtige Dancings". Nun ist diese Warnung überflüssig geworden, er ist eingeschlossen und lässt den Leser an seinem äußerlich begrenzten, doch von Erinnerungen und Phantasien reichen Leben teilhaben.

Immer dann, wenn es dem Leser zuweit geht, dieses präzise Ausloten der Angst, das ein Gefühl des Umstellt-, des Eingeschlossenenseins wachruft, wenn die Beklemmung überhand nehmen will, wenn der Ich-Erzähler selbst sich mit Kakerlaken vergleicht, "die nachts ausschwärmen zu hastigen Spaziergängen, die Antennen vorgestreckt, mit eckigem Schritt und den Bauch vor Angst zugeschnürt", stellen sich Zweifel ein: Wozu das alles, gab es wirklich keine andere Möglichkeit für ihn? Der Illegale selbst scheint keine Alternative zum Weglaufen "von dieser Scheißarmut und den Scheißdespoten" gesehen zu haben. Die Armut wird in knappen, aber prägnanten Sätzen vorgeführt, die Bedrohung durch die Macht der "Scheißdepoten" nur angedeutet: zu Hause habe er "die Liga der arbeitslosen Studienabgänger" geleitet. Welche Rolle genau er dabei spielte, bleibt ungesagt, hier jedenfalls ist sein Verhalten alles andere als heroisch. Was er zunächst als Glück empfindet, nach dem Herumstreunen endlich eine Bleibe zu haben und sei es nur diese Dachkammer und einen Menschen, der sich um ihn kümmert, wird ihm bald verleidet: Michel lässt sich immer seltener blicken. Manchmal muss der "freiwillig" Gefangene gar hungern, weil dieser tagelang wegbleibt. Hinzu kommt dieses wiederholte nervenaufreibende Rütteln an der Tür und immer drängender die Sehnsucht nach einer Frau. Früher suchte er einmal im Monat Erleichterung bei einer Prostituierten.

Um sich abzulenken, vertreibt sich der Illegale die Zeit, indem er aus der Dachluke späht und seine Nachbarn beobachtet. Nach und nach lernt der Leser den kleinen Alten, den Dicken aus dem zweiten Stock, Madame Immertipp und andere kennen und kann für einige Seiten die schmerzliche Grundkonstellation vergessen. Eigentlich ist die Stimmung recht anheimelnd, die Situation ganz angenehm, in die ihn der 1951 im algerischen Oran geborene "Schriftsteller im Exil" Hamid Skif verfrachtet hat. 1997 erhielt Skif vom PEN-Club im Rahmen des gleichnamigen Programms ein Aufenthaltsstipendium für Hamburg. Er lebt noch heute in der Hafenstadt, gemeinsam mit seiner Frau und seinen vier Kindern.

Der Mitbegründer der algerischen Journalistenvereinigung litt unter verschärften Zensurmaßnahmen in seiner Heimat, die er jedoch erst nach einem Mordanschlag verließ. Dem hiesigen Lesepublikum wurde er mit seinen ins Deutsche übertragenen Publikationen bekannt, dem Erzählband Hure mit Krawatte und vor allen Dingen mit seinem Briefroman Sehr geehrter Herr Präsident, für den ihm von der Stadt Heidelberg der Literatur im Exil-Preis verliehen wurde.

Im Jahre 2006 dann erschien La géographie du danger, das Buch über einen illegalen Einwanderer. Bereits im Erscheinungsjahr wurde der Roman ausgezeichnet, gleich zweifach: mit dem Prix de l'association des écrivains de langue française sowie mit dem Prix du Roman Francophone. Nun liegt der Roman auch in deutscher Übersetzung vor.

Jeglicher Anflug von Behaglichkeit verfliegt, wenn der Namenlose seine Station, in der er bis zum Nachlassen der Kontrollen festsitzt, als "nach Feuchtigkeit und Moder riechende(n) Mansarde" entlarvt, weggeblasen das anheimelnde Gefühl, als er vom Schlepper berichtet, vom korrupten Politzisten und vom Folterer in seiner Heimat. Augenblicklich wird aber auch die durch Dialogarmut verstärkte Enge aufgebrochen; eine lebendige Welt tut sich auf, eine Welt, die erst wieder heiter wirkt, wenn er von seinen ersten Jugend- und Liebesabenteuern und von seiner Kindheit erzählt, die auch die ständige Begleiterin, die Armut, nicht zu trüben vermochte. Diese gesellt sich dem Sonntagsbummel der Familie bei, der an stattlichen Häusern vorüberführt, "einzige Dekoration unseres Spaziergangs ... Wir passten auf, den Bewohnern der Paläste nicht mit jener herablassenden Ungezwungenheit nachzuschauen, die die Armut verleiht, sondern verstohlen und mit gesenktem Blick." Hier wird nicht nur der Grundstein gelegt für die spätere Entscheidung, der Armut, dem Klischee arm aber glücklich zu entfliehen, sondern für die geradezu panische Angst vor behördlicher, vor Autorität überhaupt. "Wir waren versteinert vor Respekt gegenüber den Eltern, den Nachbarn, den Reichen. Und gegenüber der Polizei, vor allem der Polizei."

Hamid Skifs Schreibweise zeichnet sich aus durch ein Nebeneinander von deftigen Ausdrücken und anderen von lyrischer Schönheit: "Die Liebe katapultierte uns in einen langen feurigen Tanz der Haltlosigkeit." Besonders aufschlussreich für die Stuktur des Romans sind jene Stellen, an denen der Ich-Erzähler in die Rolle anderer, in seiner Biografie bedeutende Personen schlüpft: "Heute Nacht habe ich im Traum den einarmigen Schlepper gesehen, wie er am Ende des Piers saß. .... Als ich mich näherte, nahm er einen Stoß gelbe Blätter und warf sie auf das schwarze Wasser des Hafens. 'Junger Mann', sagte er mir, 'schau, woraus ein Menschenleben gemacht ist.' ... ich bin ins trübe Wasser gesprungen und habe die Blätter, die er hineingeworfen hatte, eins nach dem anderen herausgefischt." So oder ähnlich leitet der Ich-Erzähler an vielen Stellen ein, bevor er von den ihn verfolgenden Polizisten, von seinem Folterer oder auch von seinem Großvater erzählt, phantasievolle Bausteine innerhalb der Gesamtgeschichte. An dieser Stelle versucht er sich an der Abschrift der verwischten Wörter und verrät dem Leser etwas über das Programm seines Schreibens schlechthin: "Ich knüpfe und entwirre die Fäden einer Handlung aus unwahrscheinlichen Geschichten. Alles lässt vermuten, ich schüfe Neues. Dabei flicke ich nur eine tausendfach durchlöcherte Erinnerung zusammen, eine rostige Käsereibe, die im Dunkel einer Schublade liegen gelassen wurde."

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Die letzte Station

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Allmählich beginnt die Situation zu kippen, der scheinbare Stillstand wird aufgebrochen, Michel bringt einen Freund mit. Diese Begegnung lässt den Eingeschlossenen ein weiteres Mal an den hehren Motiven seines Helfers zweifeln. Vielleicht trägt dieses Ereignis dazu bei, dass er es eines Tages nicht mehr aushält, als es wieder an seiner Tür rüttelt. Der Leser ahnt, was passieren wird. Er wird hingehen, die Tür öffnen, sein Refugium verlassen und die wirklich letzte Station der Geografie der Angst anlaufen.

(Originaltitel: »La géographie du danger«)

12/2007 © by Janko Kozmus
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