DIE MARABOUT-SEITE
linie

linie
linie

Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 15. Mai 2009

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Ägypten ·  


Ägypten
Furcht wächst angesichts des Anstiegs von vermissten Kindern, heißt es in einer Meldung von Adam Morrow und Khaled Moussa für den Internationalen Presseservice IPS (Inter Press Service).

Kairo 15. Mai
Eine Flut von Berichten über vermisste Kinder versetze das ländliche Ägypten in Alarmzustand. Die Angst werde von Berichten sowie von Gerüchten geschürt.

"Provinzen wegen Kidnapping-Gerüchten in heller Aufregung; jeden Tag mehr Geschichten von vermissten Kindern", heiße die Schlagzeile der unabhängigen Tageszeitung Al-Dustour vom 1. Mai.

Vier Monate seien es nun, heißt es einleitend, dass die unabhängige Presse über das Verschwinden von kleinen Kindern berichtet habe, meist in den ländlichen Provinzen Ägyptens. "Am 11. April verschwanden zwei Kinder ohne eine Spur in der Sharqiya Provinz; am 28 April sind vier kleine Kinder - drei von ihnen unter sechs Jahren alt - in der nördlichen Stadt Mansoura als vermisst gemeldet worden". Dutzende von anderen Fällen seien in diesem Zeitraum gemeldet worden.

Gemäß den zitierten Quellen der Lokalpresse, heißt es in dem Bericht weiter, seien die meisten Fälle in den vier Delta-Provinzen - Daqliya, Qalioubiya, Sharqiya und Gharbia - sowie in den oberägyptischen Provinzen Minya und Beni Sueif aufgetreten. Präzise Zahlen seien schwierig zu ermitteln, "aber zehn Kinder verschwanden allein im März in der oberägyptischen Stadt Sohag, südlich von Minya".

"Die Straßen von Sharqiya sind gepflastert mit Fotos vermisster Kinder, während Schulen wegen der Angst vor Kidnapping Abwesenheitsraten bis zu 70 % zu verzeichnen haben", habe Al-Dustour am 17. April berichtet. "Imame der lokalen Moscheen warnen Eltern davor, ihre Kinder unbeaufsichtigt zu lassen."

Das Ausmaß des Verschwindens habe zu großen Ängsten bei den Eltern geführt. "Ich habe Angst, meine Kinder aus dem Auge zu verlieren", erzählt Maha Zaki, Mutter von drei Kindern nördlich von Kairo gegenüber IPS. "Die Polizei schafft es nicht, unsere Kinder vor dem Kidnapping, das auf dem Lande und in der Umgegend von Kairo weit verbreitet ist, zu bewahren." Sie selbst habe in ihrer Nachbarschaft einen Kidnappingversuch, der von Passanten vereitelt worden sei, beobachtet.

Rabab Mahmoud, Mutter von zwei Kindern aus dem Randgebiet der Hauptstadt, sei ebenfalls besorgt wegen der kürzlichen Berichte von vermissten Kindern. "Wir brauchen mehr Sicherheit und Polizei, um unsere Söhne und Töchter vor dieser Plage zu beschützen".

Nach Angaben von offiziellen Regierungsvertretern würde das Problem, "angefacht durch Gerüchte und Hörensagen", aufgebauscht.

"Wir hören tägliche Berichte von vermissten Kindern, aber das stellt nicht per se eine ‚Welle' von Kindesraub dar", so der stellvertretende ägypt. Innenminister Gen. Hamed Rashed. "Wir setzen unsere Kultur der Panikmache aus, die allein schon eine Bedrohung der Stabilität darstellen kann".

Am 17. April sei der Sicherheitschef von Sharqiya mit der Aussage zitiert worden, die Behauptungen einer Welle von Kidnapping seien "nichts als Gerüchte und Märchen in der Öffentlichkeit".

Unabhängige Beobachter jedoch hinterfragten die offiziellen Versicherungen, indem sie angeben, dass die Zahl der Fälle von vermissten Kindern zusehends ansteigt.
"Es gibt einen ernsthaften Mangel von verlässlichen Statistiken zu diesem Phänomen, aber es hat sich definitiv in den letzten Jahren weiter verbreitet", habe sich Hafez Abu Saeda IPS gegenüber geäußert, er ist Generalsekretär der in Kairo ansässigen ägyptischen Menschenrechtsorganisation Egyptian Organisation for Human Rights, einer Nichtregierungsorganisation. Nach seinem Dafürhalten würden gekidnappte Kinder letztlich für kriminelle Aktivitäten ausgebeutet.

"In den meisten Fällen werden Kinder gekidnapped, um in kriminellen Gruppen, Gangs von Bettlern und Dieben oder Drogendealern eingesetzt zu werden oder zur Prostitution und sexuellen Ausbeutung", wird Abu Saeda weiter zitiert. "Natürlich handelt es sich in vielen Fällen einfach nur darum, dass Kinder von zu Hause weglaufen, wegen häuslicher Probleme oder als Folge einer persönlichen Vendetta - nicht unüblich auf dem ägyptischen Lande."

Offizielle Versuche, die Angelegenheit herunterzuspielen, würden von Abu Saeda kritisiert, heißt es in dem Bericht weiter.

Die Behauptung der Regierung, dass alles ‚bloß Gerüchte' seien, würden von der Öffentlichkeit "generell nicht geglaubt".

Fediya Abu Shohba, Dozent für Kriminalrecht am National Centre for Social and Criminal Research in Kairo, stimme darin überein, dass der Trend sich mehr und mehr ausweite. Das Verschwinden von Kindern sei in den letzten fünf Jahren schnell angewachsen, aber erst im Verlaufe des letzten Jahres sei es akut geworden. Und wenn ein Kind verschwinde - und nicht zurückkomme - heißt das gewöhnlich, dass es gekidnapped wurde."

"Das Überhandnehmen dieses Phänomens kann verschiedenen sozialen Faktoren zugeschrieben werden", wird Abu Shohba mit seinen Ausführungen zitiert. "Dies schließt mit ein das Anwachsen von ungeschützten Kindern, die auf der Straße leben, die wegen des ökonomischen Drucks abnehmende elterliche Fürsorge, den Zerfall von traditionellen religiösen Werten und die Förderung von Gewalt und Kriminalität durch die Massenmedien".

Das Problem sollte laut Abu Shohba jedoch nicht einfach der Armut angekreidet werden. "Ägypten hatte immer einen Anteil von extremer Armut, aber in solcher Zahl wie heute sind Kinder nicht verschwunden."

Am 1. Mai, habe die Lokalpresse berichtet, dass der enthauptete und übel zugerichtete Leichnam eines seit Februar vermissten, 16-jährigen Jungen in Daqliya gefunden worden sei. Der Zwischenfall habe zur wachsenden Spekulation beigetragen, wonach Kinder wegen ihrer Organe gekidnapped würden, um diese an reiche ausländische Kunden für medizinische Zwecke zu verkaufen.

Abu Saeda schließe jedoch Organhandel als ein mögliches Motiv des momentanen Anwachsens von Kidnapping aus, kommt abschließend der Generalsekretär der ägyptischen Menschenrechtsorganisation erneut und ausführlich zu Wort:
"Dies würde ein extrem fortgeschrittenes medizinisches Wissen erfordern - vielleicht sogar das Vorhandensein eines voll ausgestatteten Hospitals. Ich bezweifle ernsthaft, dass Banden von Organhändlern in Ägypten ein solches Niveau von Raffinesse erlangt haben. Das Phänomen der verschwindenden Kinder muss untersucht und besser verstanden werden. Um Fakten von grundlosen Gerüchten unterscheiden zu können, muss ein Aktionsplan in voller Abstimmung zwischen Sicherheitseinrichtungen und lokalen Ermittlern entworfen werden".
· (IPS, ÜE: J.K.)

Quelle:
IPS - Inter Press Service, Internationale Presseagentur mit Schwerpunkt Entwicklungsländer, Zivilgesellschaft und Globalisierung.

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜE: J.K. --> Übersetzung aus dem Englischen: Janko Kozmus ©


linie
Weitere Artikel zu  Ägypten in der Afrika-Chronik:
linie
linie