DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 16. März 2009

 

Die MARABOUT-SEITE zitiert aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ·  


Yusuf Zeydan (auch: Youssef Ziedan): Beelzebub

Für die in Abu Dhabi ansässige englischsprachige Zeitung The National spricht Sayyed Mahmoud mit dem ägyptischen Autor über seinen umstrittenen Roman Beelzebub.

Angesiedelt sei die Handlung des Romans Beelzebub (Azazeel) von Yusuf Zeydan im 5. Jahrhundert in Oberägypten, Alexandria und Syrien während eines Wendepunktes in der Geschichte der Christenheit.

"Warum haben sie den Namen Beelzebub für den Roman gewählt, ein Titel, dessen Verzweigungen schwierig für den Durchschnittsleser zu verstehen sind?"

"Der Roman ist in erster Linie nicht für den Durchschnittsleser geschrieben."

"Was war der Grund für das, was Jabar Asfour ‚die eingeklammerte narrative Imagination' nannte, bei der der implizite und explizite Autor mit der Einleitung des Übersetzers aus den Geschichten verschwindet".

"Ich wollte, dass der Leser am Roman partizipiert, um verstrickt zu werden, um durcheinander zu geraten, wie ich es war, um außerdem innerhalb des Romans einen Mittelweg zwischen Realität und Imagination anzulegen und in den Text eine Menge seiner eigenen Realität, seiner eigenen Imagination einfließen zu lassen, bis sie zuletzt unsichtbar eine Verbindung zum Helden herstellen und sich in ihm reflektiert sehen. Ich wollte keine Unterhaltungsgeschichte präsentieren, ich wollte dem Leser einen provokativen Text präsentieren, der auf einem hohen Niveau mit ihm interagiert."

Der Roman agiere auf verschiedenen Ebenen, fährt der Interviewer fort, es gebe eine deskriptive Ebene, dann eine, die man als religiös beschreiben könne, dann eine andere, die einen Dialog mit dem historischen Text darstelle. "Wie hat Zeydan dies bewerkstelligt?"

"Dies ist das Ergebnis einer Beschäftigung mit der Natur von Text, ob historisch oder zeitgenössisch. Dasselbe habe ich in meiner Arbeit als Kritiker getan, die in den frühen 1990ern veröffentlicht wurde, anschließend in meinem Buch Iltiqa'a il Bahrain (Das Treffen der Meere) in der Mitte der 1990er. Insofern ist die Erfahrung, von der Sie sprachen, weder gering noch neu."

"Der Roman triumphiert in einer poetischen Sprache mit Sufi-Untertönen, die Asfour in seiner Artikelserie über das Werk, "die Sprache der poetischen Imagination" nannte. Sprechen Sie zu uns über die Kämpfe, die nötig waren, um dieses Werk voranzubringen."

"Es ist kein Kampf, es ist ein Eintauchen in die Persönlichkeiten und ein Aufzeichnen des Roman-Ichs der Figuren. Es durchdringt mich völlig und ich werde wie eine dieser Figuren. Dann lasse ich die Figuren für sich selbst sprechen, in ihrer eigenen, besonderen Sprache, mit ihren eigenen Visionen."

"Waren Sie überrascht, wie ihr Roman aufgenommen wurde, insbesondere über die religiösen Interpretationen, die Sie zur Auseinandersetzung mit bestimmten Klerikern veranlasste?"

"Natürlich, ich war überrascht von den unbegründeten Angriffen, aber ich erlaubte mir nicht, es zu einer Konfrontation kommen zu lassen. Und ich stimme mit Ihrer Einschätzung nicht überein. Im Gegenteil, ich war so flexibel wie möglich und ich antwortete nicht auf die Thesen, auf die die offiziellen Kirchen-‚Urteile' sich stützten, weil ich auf die warte, die - obwohl sie sich über meinen Roman ärgern - ihn unvoreingenommen lesen oder auf die, die die andere Wange hinhalten, wenn sie zu einem tieferen Verständnis nicht fähig sind."

"Was denken Sie von den Kritikern, die ihn unvoreingenommen gelesen haben, was zur Nominierung für den Arabischen Literaturpreis
** führte, einer Nominierung, die einige als große Überraschung ansahen?"

"Die kritische Lektüre meines Romans verzögerte sich, was einige Leute dazu brachte, den Roman als ein Buch außerhalb des Reichs der literarischen Schöpfung zu lesen. Aus diesem Grund bedeutete die [Arab-]Booker-Nominierung, dann die Shortlist der 16, dann die Shortlist der 6 eine Rechtfertigung für die literarische Natur des Romans und eine anspruchsvolle Bestätigung seiner literarischen Ebene. Meine theoretische Meinung wurde offen und ehrlich in meinen anderen Büchern dargestellt. Warum also attackieren meine höchst feindlichen Kritiker nicht das Material in diesen Büchern und überlassen die Literatur und die Romane denen, die den Schwerpunkt im Lesen sehen?"

Abschließend kommt der Interviewer auf die Internet-Kritiker zu sprechen, die dem Autor unterstellen, er habe, etwas dem Da Vinci Code ähnliches zu schreiben beabsichtigt. "Was erwidern Sie?"

"Ich habe keine Erwiderung darauf, weil deren Verfechter weder den einen noch den anderen Roman gelesen haben oder sie ignorant sind gegenüber dem grundlegendem Unterschied zwischen einem auf historischer Verfälschung begründeten Abenteuerroman wie Der Da Vinci Code und einem philosophischen Roman
wie Beelzebub, geschrieben mit Blut, Schweiß und Tränen."
· (The National, Abu Dhabi, ÜEK: J.K.)

Quelle:
The National, Abu Dhabi

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
** Das Interview wurde vor der Bekanntgabe des Gewinns des Internationalen Preises für Arabische Literatur, dem sog. "Arab Booker"-Preises am selben Abend veröffentlicht.
ÜEK: J.K. --> Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert: Janko Kozmus ©


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