DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 2. September 2012

 

This Day - Nigeria
· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Nigeria ·

"Die Verwundete Generation"

Fine Boys von Eghosa Imasuen; Kachifo, Farafina, Lagos, 2011
Rezensiert von Uzor Maxim Uzoatu aus Lagos für This Day Live, Nigeria.

Gertrude Stein habe von der "Verlorenen Generation" gesprochen, führt Uzor Maxim Uzoatu ein, "während Wole Soyinka die Dimension der 'Verschwendeten Generation' hinzufügte, aber in meinem Buch, soweit sogenannte Generationen gehen, beansprucht auf dem afrikanischen Kontinent das Zeitalter der Strukturellen Anpassung die größte Aufmerksamkeit, ich möchte es die 'Verwundete Generation' nennen. Es war eine Generation, die den heutigen Sündenfall bloßlegte, die Zerstörung ganzer Völker und der gewissenlosen Abstufung gesellschaftlicher und kommunaler Werte".

Die Geburt der "verwundeten Kinder" würde zur gegebenen Zeit alle Sitten gefährden. Dies sei die Prämisse des 379-Seiten-Romans Fine Boys von Eghosa Imasuen, behauptet der Autor dieser Buchbesprechung, es sei eine Darstellung des Campuslebens in der verkehrten Welt des Post-IWF-Nigeria. Der Beginn der Militär-Präsidentschaft von General Ibrahim Babangida habe Nigeria auf den Kopf gestellt und der damit verbundene Aufstieg zur Macht seines Kumpans General Sani Abacha nach der ruinösen Nichtigkeitserklärung der Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni habe den Kosmos buchstäblich aus den Angeln gehoben.

Imasuen, der alle Krisen durchlebt habe, um sich als Arzt zu qualifizieren, könne wie der große russische Dramatiker und Meister der Kurzgeschichte Anton Tschechow verbürgen, "dass die Medizin seine rechtmäßig angetraute Ehefrau, während die Literatur seine Geliebte ist, so dass er, wenn er der einen überdrüssig ist, er die Nacht mit der anderen verbringt! Imasuens Protagonist Ewaen in Fine Boys studiert übrigens, um Arzt zu werden, an der Universität von Benin, ein Campus, befallen von der völligen Fassungslosigkeit Nigerias in den mörderischen Jahren von General Abacha."

Der Roman, der ganz nahtlos dahinfließt sei, so der Rezensent, sei in drei Teile gegliedert: "Jahr Eins: Januar 1993 – März 1994; Jahr Zwei: März 1994 - März 1995; Jahr Drei: Juni 1995 bis (zur) Ewigkeit – Schon bei Beginn von Fine Boys sei Ewaen harmonisch mit seiner bürgerlichen Familie verbunden, so dass sein Vater ihn mit den Schulangelegenheiten betraue. Er sei der ältere Bruder der irgendwie paradoxen Zwillinge, des anständigen Osaze und des finsteren Eniye, die gleichzeitig "intensive Rivalen und Seelenverwandte" seien. Vom Federal Government College (staatl. Einheitsschule) in Warri kommend immatrikuliere Ewaen sich in der "kulturverdorbenen" Universität von Benin, "die Coming-of-age-Trope in Spannung".

Ewaens Eltern beschreibe Imasuen als ein unheimliches Paar: "Papa und Mama hatten ihre großen Streitereien alle zwei Jahre. Es war wie aufgezogen. In allen geraden Jahren, kann ich mich erinnern, '82, '84, '86, '88, '90, gab es ein oder zwei Monate, in denen wir packten und mit Mutter zu zu unserer Oma Nene sind. Meistens ging dieser Ortsveränderung eine Nacht des Terrors voraus, aus der Mutter mit einem blauen Auge hier oder einem Bluterguss da hervorging. Aber sie kam immer wieder."

Natürlich verblasse die Gewalt zu Hause im Vergleich zu den Bandenkriegen auf dem Campus, die schließlich zum brutalen Tod von Wilhelm führten, den Ewaen zu Beginn als "die Hälfte meiner Crew der besten Freunde" vorstelle.

Aufstände seien die Klammern des Campuslebens mit studentischen Gewerkschaftsführern, konstatiert der Rezensent, sie verknüpften die Ereignisse mit den Attacken auf "unsere Demokratie", die Annullierung vom 12. Juni, die Absetzung des zahnlückigen Generals, den wir allgemein Maradona nannten, die Einführung der Interimsregierung und ihr Sturz durch General Abacha.

Wie Kenias Ngugi wa Thiong'o habe Imasuen seinen Finger am Puls der gelebten Geschichte. Die Boys des Romans, insbesondere Ewaen, Tuoyo, Wilhelm, Odegua, KO und Ejiro würden in Imasuens bemerkenswerter Berührungsempfindlichkeit nicht in die schmutzige Geschichte eingetaucht. Es gebe menschliche Ausblicke, zum Beispiel die Entdeckung des jungen Helden, dass Gulder und nicht Guinness seine bevorzugte Biermarke sei, und das Versäumnis das Mädchen anzumachen, das keine Zeit für einen Neuling habe! Der Besuch in den Büros von "Dr. Geist und Gesetz, der Weiße Zauberer" auf der Suche nach Mesiris gestohlenem Geld dramatisiere die unteren Frequenzen des mittelmäßigen nigerianischen Leben in großen Lettern.

Die Darstellung des tatsächlichen nigerianischen Zeitgeschehens, stellt Uzor Maxim Uzoatu fest, verleihe Imasuens Fine Boys subtile Plausibilität: "Während MKO im Gefängnis war, während die Italiener Nigeria beschämend aus der Weltmeisterschaft warfen, während die Universitäten verbrannten, während die Schüler zu Hause müßig saßen, fand ein Paradigmenwechsel im Delta statt. Gerade vor etwas mehr als einem Jahr fand die Verhaftung von Ken Saro Wiwa statt; der Vorwurf der Anstiftung zum Mord machte ihn zu einer berühmten Sache für die Bestrebungen der Menschen im Delta. Im weiteren Verlauf des Romans erfahren wir: Der November war ein unvergessliches Monat. Es war auch der Monat, in dem Saro Wiwa hingerichtet, gehängt und schließlich, nach fünf Versuchen, für tot erklärt wurde. Er und seine Männer wurden dann in Schwefelsäure gebadet, um die Identifizierung ihrer Überreste für ihre Familien unmöglich zu machen. Als ob das noch nicht genug wäre, wurden die Männer in geheimen unmarkierten Gräbern begraben, um zu verhindern, den Ort zu einem Schrein werden zu lassen. Die internationale Gemeinschaft war in Aufruhr. Dies könnte wie ein Plädoyer gelesen werden."

Studentische Bruderschaften in nigerianischen Universitäten würden seit der wohlmeinenden Gründung der Piraten-Bruderschaft von Soyinka und seinen sechs Freunden im damaligen Universitätscollege Ibadan umstritten bleiben. In Fine Boys seien die tödlichen Bruderschaftsjungs Back Axe und Cosa Nostra Mörder, verantwortlich für die Misshandlung von Wilhelm, der tot ins Krankenhaus eingeliefert werde. Die Tragödie sorge dafür, dass Ewaens Vater Entschluss, Ewaen und seinen Bruder Osaze von der Universität von Benin zu nehmen, um sie ihre Schulausbildung in England fortsetzen zu lassen, beschleunigt werde, damit nehme er die Abwanderung der Intelligenz der Verwundeten-Generation vorweg.

Imasuen sei in der Tat ein sehr eingreifender Geschichtenerzähler, stellt der Rezensent beeindruckt fest. Er habe nach seinem ersten Roman To Saint Patrick, der die alternative Geschichte Nigerias zu sagen geruhte, definitiv zugelegt. Imasuen und seine Herausgeberin Molara Wood verdienten Beifall. "Fine Boys erzählt die nigerianische Geschichte in einem zwingenden nigerianischen Stil, der sich nicht nach hinten zu zweifelhaftem Universalismus verbiegt. Wenn es die Angelegenheit verdient, Walhalla genannt zu werden, nennt Imasuen es Walhalla ohne Schnörkel oder Drumherum-Erläuterungen." Kritisiert werden müssten Verlag und Druckerei da das Buch nicht gut gebunden sei. "Ich behandle ein Buch, das ich liebe und und besprechen will wie einen Schatz, der alle Arten von Engagement verdient, von der guten alten Missionarsstellung bis zur "unmöglichen indischen Position", wie es von Ayi Kwei Armah in The Beautiful Ones Are Not Yet Born bezeichnet werde. Es schmälert einen großen Höhepunkt, wenn die Seiten der Fine Boys nach jedem Umblättern fast auseinander fallen."

"Nun, die Bedrohung durch schlechten Druck und Bindung", stellt Uzor Maxim Uzoatu abschließend fest und spart nicht mit Lob, "sollte nicht dazu führen, sich von einem Autor zurückzuziehen, der so viel zu bieten hat. Imasuen ist eine beredte Stimme der Verwundeten Generation."
· (This Day, Nigeria, ÜEK: J.K.)  

Quelle:
This Day , englischspr. nigerianische Zeitung (This Day, Nigeria)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum

ÜEK: J.K.. --> Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert J.K. ©


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