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Dichtung
ist Wahrheit
John
Michael Coetzee beschreibt Die jungen Jahre
Von Manfred Loimeier (©)
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Dichtung ist Wahrheit, erklärt der südafrikanische Literaturprofessor
und zweimal mit dem Booker-Preis ausgezeichnete*
Schriftsteller John Michael** Coetzee in
seinem neuen Buch Die jungen Jahre, einem autobiografischen
Roman über seine Zeit als Programmierer in der britischen Metropole.
Der studierte Mathematiker Coetzee, der in Anglistik promovierte,
setzt damit die Beschreibung seines Lebens fort, die er vor fünf
Jahren mit dem Kindheitsroman Der Junge begann. |
| Coetzees
lakonisch distanzierter Stil, der es erlaubt, gleichermaßen neutral
über ungewollte Vaterschaft und Beziehungsunfähigkeit zu schreiben
wie über den intellektuellen Dünkel des Möchtegernpoeten John
und dessen frustrierend stupiden Berufsalltag beim Computerhersteller
IBM, verbreitet eine seltsam anrührende Aura der Wahrhaftigkeit
und Ehrlichkeit. Spröde widersetzt sich dieser verdichtete Lebenslauf
der bloßen Neugier am Biografischen und erschließt sich stattdessen
als Entwicklungsroman eines jungen Künstlers. Nicht nur Goethes
Dichtung und Wahrheit kommt einem während der Lektüre -
schon wegen Coetzees dezenter Anspielung darauf - in den Sinn,
sondern auch Hermann Hesses ungestümer Peter Camenzind
oder der abgeklärte Roman Kocoumbo von Aké Loba aus der
Elfenbeinküste, der wie so viele Autoren aus Afrika die Wege und
das Fremdheitsgefühl eines jungen Mannes aus den früheren Kolonien
in einer europäischen Großstadt schildert. Wer weitere intertextuelle
Bezüge Coetzees zum Kanon der Weltliteratur sucht, wird unschwer
fündig. |
| Sachlich
arbeitet Coetzee die Schritte seines
frühen Werdegangs ab, geht er diese Phasen der Irrungen und Wirrungen,
der ersten und nie zufriedenstellenden Schreibversuche in Poesie
und Prosa durch und führt mitleidlos vor, wie John dem romantisierend
verzerrten Bild eines Künstlers vergeblich nacheifert. Coetzee
hätte seinen 20 Kapiteln anstelle der Ziffern auch Überschriften
geben können - etwa "Der Dichter und die Frauen", "Der Dichter
und seine Brotarbeiten", "Der Dichter und seine liebste Lektüre"
- die Gedichte von Ezra Pound und T.S. Eliot - oder "Der Dichter
und die Politik". Coetzee erklärt seine anti-amerikanischen Vorbehalte
aus der Zeit des Kalten Kriegs - geschichtslos kulturelles Ödland,
Imperialismus! - und liefert mit Kuba-Krise oder Vietnam-Krieg
etwas Zeitkolorit. |
| Lediglich
in seiner Haltung zu Südafrika
ist eine ambivalent leidenschaftliche
Anteilnahme spürbar, im lange gehegten Abscheu über
die Politik der Apartheid und über das schreckliche Massaker
von Sharpeville, das Anfang der 60er Jahre dazu beigetragen haben
mag, dass der Autor und Protagonist einst sein Heil in Übersee
zu finden hoffte, weit weg von dem barbarischen Treiben in der
Republik Südafrika, das Coetzee übrigens in jedem seiner
nunmehr neun Romane vehement verurteilte. Aber fern der ungeliebten
Heimat zeigt sich auch, wie schnell der vertraute Klang einiger
Afrikaans-Worte den kühlen Panzer von Johns Verdrängung
seiner Herkunft zu durchdringen imstande ist. |
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Coetzees Vernetzung von Dichtung und Wahrheit macht ersichtlich,
wie sehr die Biografie - das keineswegs als Qualität erlebte Maß
an Disziplin und Selbstbeherrschung, die isolierende Reduziertheit
auf das Ich - den präzisen Stil des Autors geprägt haben. Die
Knappheit der Worte, die gezügelte Kontrolliertheit der Sprache,
der strenge Formalismus, dem in der Regel mehr Beachtung geschenkt
wird als der politischen Dimension von Coetzees Romanen - das
findet sich im kühl-gehemmten, aber doch entschiedenen Auftreten
dieses jungen John wieder, für den Musik, Kino und vor allem Poesie
die Brücke zu einer ersehnten Welt formten, die sich unserem Helden
aber auch in London nicht erschloss. |
| J.M.
Coetzee: Die jungen Jahre. Aus dem Engl. von Reinhild Böhnke.
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 220 S., 18,90 Euro. |
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(Originaltitel:
Youth. A Memoir. Scenes from Provincial Life, 2)
*
verfasst 2002, für die Marabout-Seite übernommen 11/2003
**
Zu den unterschiedlichen Vornamen siehe >
Autorenportrait Coetzee
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