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Khadra - Worauf die Affen warten
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Rezension: → Yasmina Khadra - Worauf die Affen warten

Schattenherrscher

Nach dem Ausflug ans Horn Afrikas, wo er von einer Entführung von Westeuropäern durch Piraten erzählte, kehrt der algerische Autor Yasmina Khadra mit dem vorliegenden, im französischen Original im letzten Jahr und in deutscher Übersetzung in diesem Frühjahr erschienenen Roman in seine Heimat zurück. Und auch mit dem Genre, dem des gesellschaftkritischen Kriminalromans, wendet er sich wieder seinen Wurzeln zu. Mithilfe seines wiedererstandenen Kommissars Llob hatte Khadra in  Nacht über Algier von den Unantastbaren berichtet. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, und auf den ersten Blick scheint sich nichts geändert haben. Jene arroganten, mit absoluter Macht ausgestatteten Patriarchen haben den Arabischen Frühling unbeschadet überstanden. Weder die Aufhebung des 19 Jahre währenden Ausnahmezustands, eine Grundforderung der Protestierenden, noch die ansatzweise umgesetzten gesellschaftlichen Veränderungen vermochten an ihrer Macht zu rütteln. Alt sind sie geworden, sehr alt, schließlich sind sie aus dem kolonialen Widerstand gegen Frankreich Mitte des 20. Jahrhunderts erwachsen, jene rboba oder Schattenherrscher, wie sie jetzt heißen. Doch klammern sie sich an die Macht, als könne sie ihnen Unsterblichkeit verleihen.

Die Romanhandlung konzentriert sich mit Hadsch Hamerlaine auf eine dieser widerlichen Gestalten, die sich vermutlich kaum von ihresgleichen unterscheidet, und der Autor übertrifft sich von Mal zu Mal in der Wahl scheußlicher Attribute und Vergleiche, mit denen er diese, deren Umfeld oder auch die Ermittler eines Kriminalfalls ausstattet, und nicht immer beweist er dabei eine stilistisch glückliche Hand.

Mit der Kommissarin Nora Bilal schafft Khadra einen Gegenpol zum Patriarchen – und gleichzeitig einen Beleg für gesellschaftliche Veränderung -, der krasser nicht hätte ausfallen können. Sie ist die ermittelnde Beamtin, als die Leiche einer ehemals schönen, nun aber grässlich entstellten jungen Frau aufgefunden wird. Die Ermittlungen führen sie in eine von Hamerlaines Residenzen, wo ihr von einem seiner Lakaien klar gemacht wird, dass der bloße Versuch, in die Nähe des Bosses zu gelangen, an ein Sakrileg grenzt. In diesen Chor fallen auch ihre Vorgesetzten mit ein. Schließlich jedoch steht sie ihrem Widerpart – begleitet von einem Kollegen – gegenüber, und zu aller Überraschung stellt sich heraus, dass die Ermordete Hamerlaines Enkelin Nedjma ist, von der auch der Patriarch nichts gewusst zu haben scheint. Ungeachtet dieser Tatsache und der sich aufdrängenden Frage, wer es gewagt haben kann, sich gegen Hamerlaine zu stellen, verbleiben die Ermittlungen in dessen Dunstkreis, ein von ihm mit demütigender Geste und eiserner Faust befehligtes Heer von Hausdienern, Bodyguards, bis hin zu einem Medienmogul.

Nora Bilal zur Seite stehen zwei Untergebene, von denen der eine – Guerd – wie so manch einer der Kollegen die Tatsache, eine Frau mit Verantwortung betraut zu sehen, nicht in sein konservativ-chauvinistisches Weltbild integrieren kann, umso mehr als diese Ermittlerin zwar nicht mehr ganz jung, aber "immer noch schön und begehrenswert" ist, zudem hat sie eine drogenabhängige Frau in ihr Heim aufgenommen und zur Bettgenossin erkoren. Ein Umstand, der sie im Verlauf der Ermittlungen, gefährlich nah an den vom Schattenherrscher kontrollierten Abgrund rückt. Ihr zweiter Kollege Zine scheint aus ganz anderem Holz geschnitzt zu sein. Ihm fällt der positive Part in diesem ungleichen Machtspiel zu, das der Autor über weite Strecken des Romans als einen einzigen, gegen Korruption und Egoismus gerichteten Hassgesang auf sein Land, dessen Hauptstadt und seine Landsleute inszeniert. Vor diesem Hintergrund nehmen sich die positiven Töne gegen Ende des Romans, eine Mischung von Hoffnung und aufrechtem Gang, mit denen Yasmina Khadra nun aufwartet, um so schärfer aus.

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Schattenherrscher
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Nach vielen Opfern und überraschenden Wendungen hinterlässt das Ende, das selbstverständlich hier nicht verraten wird, beim Leser einerseits ein tiefes Gefühl von Befriedigung, andererseits mag sich dieser fragen, ob der Autor in seinem erkennbaren Bedürfnis nach Symbolhaftigkeit nicht einen Schritt zu weit in Richtung Trivialität gegangen ist. Dem Kenner und Liebhaber der Krimis um Kommissar Llob mit seinem illustren Gefolge und seinen Hymnen aufs weiße Algier dürfte auch dieser Roman ein Genuss sein.

(Originaltitel: »Qu'attendent les singes«)

9/2015 © by Janko Kozmus

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