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Khadra - Die Engel sterben an unseren Wunden
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Rezension: → Yasmina Khadra - Die Engel sterben an unseren Wunden

Ein Boxer namens Arthur Rimbaud

Im vorliegenden Roman versetzt uns der Autor in die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Algerien war damals eine französische Kolonie und die Einheimischen noch "Eingeborene", um noch schlimmere Bezeichnungen zu vermeiden. Khadra erfindet für sie folgende Bezeichnung: Araberber. Mit dieser Wortneuschöpfung trägt er der Tatsache Rechnung, dass durch die Vermischung der arabischen und berberischen Bevölkerungsteile eine Trennung – zumindest heutzutage – kaum noch möglich ist, wobei ins Auge sticht, dass ein hoher Prozentsatz der Einwohner für sich eine arabische Abstammung reklamiert.

Im Mittelpunkt der im saharafernen Nordwesten des Landes spielenden Handlung steht ein junger Mann, dem nichts mitgegeben ist, als ein ausgeprägter Stolz mit hohem Sinn für Würde und dem unstillbaren Ehrgeiz, seinem Dasein eine neue Richtung zu geben. Er lebt mit seiner Familie in elenden Verhältnissen. Da sein Vater nach einem militärischen Einsatz nicht mehr in den Kreis der Familie zurückgekehrt ist, übernahm sein Bruder Mekki deren Führung.

Der junge Mann, von dem die Rede ist, nennt sich Turambo. Seine Versuche, der Armut, nicht aber der Verpflichtung für die Familie zu entkommen, werden von seinem Onkel wiederholt torpediert. Turambos Anstrengungen, als Schuhputzer ein geregeltes Einkommen zu generieren, werden genauso hinterfragt, wie der viel spätere Anlauf einer Karriere als Berufsboxer; beides Tätigkeiten, die eines Muslims nicht würdig seien. Dabei ist Turambo gläubig, hält sich beispielsweise an das Alkoholverbot. Nichtsdestotrotz orientiert er sich an eigenen Vorstellungen, die von denen des streng auf Traditionen bedachten Onkels abweichen, und er verfolgt seine Ziele konsequent.

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Ein purer Zufall verhilft Turambo auf flinke Boxerbeine. Bei einem Besuch in einem Boxstall wird der Betreiber DeStefano auf Turambos Linke aufmerksam, als dieser als Sparringspartner einspringt. Turambo selbst zeigt sich zunächst überhaupt nicht begeistert über die angebotene Berufsaussicht. Nach und nach jedoch wird er von seinem Umfeld – insbesondere von seinem Freund Gino – überzeugt, es doch zu versuchen. Die Anfänge sind schwer, und erst als ein gewisser Duc, ein potenter Investor, sich einschaltet, gewinnt das nicht unblutige Unternehmen an Fahrt. An diesem Punkt befindet sich der Leser bereits inmitten der Romanhandlung voller ausdrucksstarker Milieuschilderungen, die an einigen wenigen Stellen schillernd über das Ziel hinauszuschießen drohen. Das ist und bleibt, den Leser authentisch ins jeweilige Umfeld zu katapultieren, sei es Graba, ein Slum von Sidi Bel Abbes mit "Ratten so groß wie Hundewelpen" oder dieses lichterloh strahlende Oran, wohin die Familie flüchtet, als sie das Dasein in Graba nicht mehr erträgt. Hier traut sich der jugendliche Turambo irgendwann in die Innenstadt, voller Neugier und ungläubigem Staunen, welch grelle Blüten das städtische Tag- und Nachtleben treibt. Hier ist es auch, wo er Gino kennen lernt. Gino ist der Sohn einer bettlägerigen, maßlos fetten Mutter, bei der Turambos Mutter im Haushalt aushilft. Die beiden Jugendlichen freunden sich engstens an; in mehrfacher Hinsicht wird Gino richtungsweisend für Turambos Schicksalsweg. Doch der Reihe nach!

Turambos Erzählung, der Rückblick auf das eigene kurze Leben, beginnt an einem schrecklichen Ort: Er sitzt in der Todeszelle und hört das Klacken des Fallbeils der Guillotine bei der mechanischen Erprobung für seine eigene Hinrichtung.
Was läge näher, als seine Gedanken angesichts der düsteren zukunftslosen Aussichten, auf Attraktiveres in der Vergangenheit zu richten?! Turambo denkt an seine ehemaligen Freunde und vor allem an die Frauen, die ihm begegnet sind. Formal setzt der Autor diese Gedanken in eine Dreiteilung des Romaninhalts um, jeweils getragen vom Namen einer Frau: Nora - Aïda – Irène.

Auf Nora, seine Cousine, die mit ihm im Haus seiner Familie lebt, konzentriert sich Turambos erstes Begehren. Einer körperlichen Annäherung sind jedoch durch die gestrengen Moralregeln enge Grenzen gesetzt.

Im zweiten Teil, in welchem Turambo schon die ersten größeren Erfolge als Boxer feiert, wird sein Begehren manipuliert. Nachdem er versucht bei der Tochter des französischen Investors seines Boxstall zu landen, lässt der Duc ihn kurzerhand in einen Edelpuff verfrachten, in welchem er, ganz schnell seinen Protest beiseite schiebend, den Reizen von Aïda verfällt.

Im dritten und letzten Teil wird Turambo im Verlauf der zunehmenden Professionalisierung zur Vorbereitung eines wichtigen Kampfes in einem abgelegenen Gut einquartiert. Dieses wird von einem ehemaligen französischen, inzwischen an den Rollstuhl gefesselten Profiboxer zu genau diesem Zwecke angeboten. Für Außenstehende ein sympathischer und kauziger Typ, dieser Ehemalige, der es liebt, endlose Geschichten zu erzählen. Seine ihn pflegende Tochter Irène sieht ihn aufgrund der Familiengeschichte etwas kritischer. Sogleich verfangen sich Turambos begehrliche Blicke in Irènes Reizen. Es bedarf mehrerer Besuche, Irène weicht Turambo beständig aus, bevor aus der sich schließlich doch ergebenden Annäherung eine Beziehung entsteht, die von außen misstrauisch beäugt wird; eine Französin mit einem Einheimischen, das schickt sich nicht. Doch Irène ist eine selbstbewusste Frau, die sich nicht darum kümmert. Sie ist es auch, die, durch das negative Beispiel ihres Vaters abgeschreckt, Turambo vom Boxsport abzubringen versucht. Und es gelingt ihr trotz des bevorstehenden Kampfes gegen den – französischen – Nordafrikameister Turambos Motivation gewichtigen Zweifeln auszusetzen. Doch längst ist Turambo – wiewohl er sich weigert, sich dies selbst einzugestehen – in ein vielschichtiges Interessengeflecht eingebunden, dessen vordergründigstes und weitaus sympathischstes der Stolz seiner araberberischen Mitbevölkerung auf einen der ihren ist. Auch der Boxstall, vom Chef bis zum Letzten der Mannschaft, hängt vollständig von Turambos Erfolg oder Misserfolg ab. Durchaus als Drohung darf die Mahnung des besagten Investors Duc verstanden werden, der Turambo eindringlich rät, er möge sich nochmal überlegen, ob er dem Boxsport tatsächlich den Rücken kehren wolle.

Als eine Art Schaltstelle zwischen dem Boxstall und dem Duc sowie als Turambos Jugendfreund nimmt Gino eine besondere Stellung innerhalb der waltenden Interessen ein. Ökonomisch vollkommen von diesem Job abhängig, unternimmt er verzweifelte Anstrengungen, Turambo von seinem Entschluss abzubringen. An diesem Punkt vollführt der Roman überraschende Wendungen. Der Leser, der verständlicherweise darauf brennt zu erfahren, wieso sein Held in der Todeszelle sitzt, wird mehrfach von den Ereignissen, die an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, überrascht! Verraten sei nur so viel: Der Kampf gegen den Nordafrikameister findet statt und präsentiert dem Leser genau das, was er von einem Roman mit einem Boxer als Protagonisten erwarten darf: Dramatik und Höchstspannung über mehrere Seiten.

Erneut beleuchtet Yasmina Khadra mit seinem Werk die zwischen islamisch geprägter und westlicher Welt aufscheinende Reibungsfläche. Darüber hinaus wird dem Leser ein Roman der Liebe und der faszinierenden Milieuschilderungen offeriert; insbesondere erlaubt er das Eintauchen in die Lebenswelt der Ärmsten der Armen und – selbstredend – ins Boxermilieu, das auch damals schon in erster Linie als Geschäftsgrundlage diente. Als der Investor Duc sich über Turambos Namen wundert, erläutert dieser, es sei eigentlich der Name des Dorfes, aus dem er stamme und das sei von einer Schlammlawine fortgerissen worden. Ein Begleiter des Duc korrigiert jedoch, ein Ort dieses Namens existiere nicht, vermutlich meine er Arthur-Rimbaud, ein Nest bei Tessala, in der Nähe von Sidi Bel Abbes.

Unabhängig von der tatsächlichen Existenz eines Dorfes dieses Namens, erinnert die Erwähnung dieses großen Dichters französischer Provenienz an den Jugurtha-Mythos im Lande und lädt zur Spekulation ein:
Die Heldenfigur aus der Antike, ein Vasallenkönig des zum Römischen Reich gehörenden nordafrikanischen Numidien, der sich gegen die Herrschaft auflehnte, wurde von Rimbaud wiederbelebt, indem er Parallelen zum Lebensweg des Emir Abdelkader aufzeigte, einem algerischen Freiheitskämpfer seines, des 19. Jahrhunderts. Er bezeichnete diesen in einem Gedicht glorifizierend als "der zweite Jugurtha". Doch verschwieg Rimbaud in seinen Versen auch nicht das durch Napoléon III. herbeigeführte Ende des Freiheitstraums, worauf er dem Leser, den er zuvor für den Widerstand zu begeistern versuchte, tröstend versichert, Algerien werde unter dem französischen Gesetz gedeihen. Und somit wurde Rimbaud gleichzeitig Teil des dominanten Diskurses der damaligen Zeit, der den französischen Kolonialismus als Wohltatenüberbringer legitimierte. Yasmina Khadra erwähnt an keiner Stelle den mythischen Jugurtha, doch schwingt in nahezu jeder Zeile die Arroganz der französischen Siedler mit, die genau dieser Ideologie anhängen: der Kolonialismus als zivilisatorische Segnung. Gleichzeitig gewinnt der Leser den Eindruck, dass der Held dieses Romans, diese Haltung nicht ablehnt, geschweige denn angreift. Er gebärdet sich nicht als ein dritter Jugurtha, geht nicht in den Widerstand und sei es auch nur der innere. Es widerstrebt ihm zutiefst, die angemahnte Verantwortung zu übernehmen, es als Araberber den Franzosen zu zeigen, um seine unterdrückten Landsleute stolz zu machen. Sein Bestreben gilt der Verbesserung der eigenen und der familiären Verhältnisse.

 

Dieser Buchbesprechung liegt die gebundene Ausgabe des Romans zugrunde, pünklich zu Weihnachten ist auch die Taschenbuchausgabe erschienen: hier --> bestellen)

(Originaltitel: »Les anges meurent de nos blessures«)

12/2016 © by Janko Kozmus

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