DIE MARABOUT-SEITE
Linie

Linie
Linie
LANDOLFI: CANCRO REGINA bei amazon bestellen

Rezension: Tommaso Landolfi - Cancroregina


Die Krebskönigin!

Es heißt, der Italiener Tommaso Landolfi sei eine unnahbare Person gewesen. Der Öffentlichkeit habe er sich vollkommen verschlossen. Bloß im Casino habe man ihn beobachten können, wo er seiner Sucht frönte, dem Spiel.

Als eine ebenso verschlossene Person präsentiert sich der Ich-Erzähler des Bandes Cancroregina - Die Krebskönigin oder Eine seltsame Reise zum Mond. Seine Stimme erhebt sich aus dem Bauch der Krebskönigin, die sich in einer Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Ich-Erzähler ist allein, ein Zustand der ihm schmerzlich bewußt ist. Lediglich der Körper eines Toten begleitet die Krebskönigin in ihrem unablässigen Kreisen.

Trotz der ganz unwahrscheinlichen Geschehnisse, die der Ich-Erzähler zu berichten weiß, wird dem Leser die Zwangsläufigkeit der Abläufe gleich zu Beginn schlagartig bewußt. Da ist ein Mensch, der sich treiben läßt, den Einsamkeit und Verzweiflung zur Passivität verurteilen.

Dem vergleichsweise einfachen Inhalt zum Trotz übt der Text eine Faszination aus, der sich der Leser nicht entziehen kann. Tommaso Landolfi versteht es meisterhaft, die merkwürdig verworrene Gefühls- und Gedankenwelt des Ich-Erzählers ebenso real erscheinen zu lassen, wie die des Fremden, der diesen eines Abends aufsucht, freimütig gesteht, einem Irrenhaus entsprungen zu sein und ihn, den Einsamen, mit seiner Krebskönigin auf eine Reise zum Mond entführen zu wollen. Nein, verrückt sei er nicht.
Download
RTF-Datei
Landolfi Cancroregina
PDF-Datei

Der Ich-Erzähler, in seiner eingestandenen Schwäche, folgt dem Besucher ins Gebirge, wo Cancroregina, die Krebskönigin, in einem Berg eingeschlossen, ausharrt. Das Abenteuer mag beginnen. Es scheint, als könne der Ich-Erzähler seine festgeschriebene Lebensbahn verlassen.

(Originaltitel: »Cancroregina«)

2002 © by Janko Kozmus

Weitere Rezensionen zu anspruchsvoll phantasischer Literatur auf der Marabout-Seite (Auswahl)

Margaret Atwood: Unerwartete Allianzen (zu: Die Geschichte von Zeb)

Margaret Atwood: Schneemensch und Jimmy gegen den Rest der Welt (zu: Oryx und Crake)

Michail Bulgakow: Ein Teil von jener Kraft ... (zu: Der Meister und Margarita)

Italo Calvino: Von der Schönheit des Anderen (zu: Die unsichtbaren Städte)

Alban Nikolai Herbst: Vom Argonauten zum Infonauten (zu: Buenos Aires. Anderswelt)

Aldous Huxley: B-Picture mit philosophischem Rahmen (zu: Affe und Wesen)

Denis Johnson: Die Kubaner werden kommen (zu: Fiskadoro)

Alan Lightman:Einsteins Träume (zu: Und immer wieder die Zeit)

Guido Morselli: Karpinsky hilf! (zu: Dissipatio humani generis)

Marlen Haushofer: Die einzige Frau (zu: Die Wand)

Haruki Murakami: Ratte und Schaf (zu: Wilde Schafsjagd)

Haruki Murakami: Von der Phantasmagorie zur Allegorie  (zu: Tanz mit dem Schafsmann)

Pola Oloixarac: "Hacker oder Beherrschte" oder Schrecklich schöne (Unter-)Welt (zu: Kryptozän)

Ahmed Khaled Towfik: Eine dünne Kruste (zu: Utopia)

linie