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Halluzinationen in Karatschi
und anderswo |
| Das
besondere Interesse des aus Trinidad stammenden Autors Naipaul
gilt der Entwicklung ehemaliger Kolonien vorwiegend des Britischen
Empires. Im vorliegenden Falle scheint jedoch das Interesse weiterzureichen.
Die Suche nach Antworten auf die Frage: »Wie lebt man unter
dem Islam?« ist das entscheidende Motiv, die Islamische
Reise anzutreten. |
| Der
Wunsch, moslemische Länder zu bereisen, entstand im Winter
1979 zur Zeit der islamischen Revolution im Iran. Naipaul habe
sich damals in den USA aufgehalten und nicht minder spannend als
die Ereignisse im Iran selbst, erschien ihm die Reaktion der in
seinem Gastland lebenden Iraner. In zahlreichen Interviews mit
ihnen sei ihm der eklatante Widerspruch ins Auge gesprungen: Einerseits
ihre Begeisterung für die sich vollziehende religiöse
Umgestaltung, andererseits die immense Anziehungskraft, die die
westliche Welt und vornehmlich die USA auf sie ausübten.
Die Absicht des Hinterfragens dieser ambivalenten Gefühle
und insbesondere des Ausmaßes der Faszination von Religion
- in der Folge Vehikel der politischen Entwicklung - wird zum
Anstoß und Motor der Reise in den Iran. Weitere Reiseziele
sind Pakistan, Malaysia und Indonesien. |
| In
all den Ländern ist der Erzähler auf Reiseführer
und Erzähler angewiesen. Die Annäherung an seine Begleiter,
die mit ihm die Strapazen des Reisens teilen, schafft eine besonders
intensive Gesprächsatmosphäre, die dem Autor mehr Einblick
in das Leben und die Gedankenwelt seiner Begleiter und damit der
Bewohner des jeweiligen Landes gibt als Diskurse über Religion
mit dazu Berufenen, Ayatollahs und Gelehrten. Seine Kommentare
zum Erlebten und Erzählten sind geistreich und spannend,
auch indem sie Einsichten in die Gedankenwelt des Autors erlauben. |
| An
keiner Stelle nimmt Naipaul eine explizite Wertung vor. Er beschreibt
das Alltagsleben der Menschen, die ihm begegnen. Praktische Schwierigkeiten
eines Reisenden werden ebenso thematisiert wie das anschließende
Problem, am jeweiligen Ort zu einer Audienz bei einem Prominenten
vorgelassen zu werden. Die Unmöglichkeit, sich als ein von
Außen hereinbrechender Besucher richtig zu verhalten, wird
als eine Einschränkung empfunden. Das Bedürfnis, den
vorgefundenen kulturell und religiös bedingten spezifischen
Eigenarten oder auch nur Eitelkeiten gerecht zu werden, erweist
sich als ein weitaus schwierigeres Unterfangen als die bloße
Bewältigung geographischer Entfernungen. |
| Weitreichende
historische Ergänzungen, eingefügte Daten und Informationen
zur wirtschaftlichen Situation der bereisten Länder sind
hilfreich beim Versuch, den Erfolg des Islams in dieser historischen
Phase geistig nachzuvollziehen. Entscheidend aber bleiben für
den Autor wie für den Leser die zahlreichen Begegnungen mit
Ortsansässigen. Sein knapper, gleichzeitig belebender Stil
sowie die Fähigkeit, neue Perspektiven aufzuzeigen, lässt
die Begegnungen mit kommunistisch orientierten oder religiös
fanatischen Studenten im Iran in jeweils neuem Licht erscheinen.
Die nahezu sprachlose Gegenwart nomadischer Hirten in Pakistan
trägt ebenso zum Gesamtbild bei wie Gespräche mit einem
über Jahre inhaftierten Schriftsteller in Indonesien oder
einem Vater, der den Verlust an Intellekt seiner, dem Islam ergebenen,
studierenden Tochter, beklagt. |
| Das
schiitische Denken im Iran, die den islamischen Staat anstrebende
Gemeinschaft indischer Moslems in Pakistan, hinduistische und
buddhistische Wurzeln in Malaysia, die Sukarno-Ära und die
islamisch revolutionäre Strömung des Jahres 1965 in
Indonesien - unterschiedlicher könnte sich der historische
und kulturelle Rahmen kaum darbieten, ganz zu schweigen von chinesischen
und holländischen Einflüssen in gewissen Regionen. Die
lebendige Vielfalt offenbart aber auch die im Islam begründeten
Gemeinsamkeiten. Die Frage, aus welchem Grunde der Autor nicht
auch ausgewählte arabische Länder, von denen der siegreiche
Feldzug des Islams ausgegangen ist, zum Ziel seiner Studien macht,
wird nicht aufgeworfen. |
| Nach
den Wurzeln ihrer tiefen Religiosität befragt, erklären
seine Gesprächspartner, der Wegzug in die Großstadt
oder ins Ausland, also »die Reise aus dem Paradies«
- vornehmlich in der Absicht zu studieren -, habe sie zur Feststellung
des Verlustes der moralischen Werte, zur Sehnsucht nach der dörflichen
Idylle geführt, mithin zur Rückbesinnung auf die islamischen
Werte. Die Erkenntnis, der Islam halte für die allgemeinen
und die von ihm aufgeworfenen politischen Probleme keine entsprechenden
praktischen Lösungen bereit, biete stattdessen »nur«
den Glauben, »« den Propheten, scheint für sie
keinen Widerspruch zu beinhalten. Wichtiger als das analytische
Denken seien die Fragen des religiösen Verständnisses,
höherer Werte sowie die sorgfältige Erfüllung der
Gebote des Korans. |
| Die
eindimensionale Sicht der Dinge und Humorlosigkeit scheinen der
wenig reflektierten Grundhaltung der durchaus gebildeten Menschen
zu entspringen. Die Idealisierung der Lebensumstände verhindert
nahezu jeglichen technischen oder gesellschaftlichen Fortschritt.
Darüber hinaus ist in dieser Haltung auch ein gewisses Quantum
an Hysterie enthalten, das jederzeit zur Explosion führen
kann. Ein Moslem aus Sulawesi in Indonesien, ein gebildeter Mann
und erfolgreicher Unternehmer verrät Naipaul: »Wir
müssen viele Menschen umbringen, von diesen Javanern müssen
wir eine oder zwei Millionen töten.« »Alle Aufsteiger
- wie er selbst einer war - müssten umgebracht werden: alle,
die in der Regierung, den guten Stellungen, den Universitäten,
den schönen Häusern saßen.« - kommentiert
Naipaul. |
| Das
ernsthafte Anliegen des Autors, vorgefasste Meinungen abzulegen,
voller Neugier auf seine Gesprächspartner einzugehen, nichts
einem Werturteil zu unterziehen und den Versuch zu unternehmen,
der fremden Kultur näher zu kommen, verleihen seinem Bericht
große Authentizität. Dass einige Aspekte des Lebens
in islamischen Ländern nicht im befriedigenden Maße
verständlich erscheinen, liegt gewiss nicht am mangelnden
Einfühlungsvermögen des Autors. Der Situation der Frauen
räumt er in seiner Islamischen Reise wenig Platz ein,
da sich ihm verständlicherweise selten die Chance zum Gespräch
mit dem anderen Geschlecht bot. |
Die
präzise und einfühlsame Beschreibung der bereisten Orte
und Landstriche, der Ungastlichkeit von Wüsten und hohen
Bergen erlaubt einen tiefen Einblick in die Lebensumstände
und Ansichten ihrer Bewohner. Bemerkenswert ist, dass es Naipaul
schon 1981 gelang, Beobachtungen anzustellen, die in der späteren
Entwicklung der islamischen Länder ihre verblüffende
Bestätigung finden. Nicht zuletzt der Schönheit der
Sprache verdankt der Roman Eine islamische Reise seinen
Stellenwert als bedeutende Lektüre im Verständnis der
Vorgänge der heutigen islamischen Welt.
(Originaltitel: »Among The Believers. An Islamic Journey«)
6/2003
© by Ewa Bielska |
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