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Sansal - Rue Darwin
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Rezension: → Boualem Sansal - Rue Darwin

Kinder der Matrix

Vordergründig ist Rue Darwin, der neue Roman des 1949 geborenen algerischen Autors Boualem Sansal, ein sehr intimes Werk, das eine beständige Erforschung des Innenlebens des Ich-Erzählers Yazid vor dem Leser ausbreitet. Auf den zweiten Blick jedoch wird jene andere Dimension deutlich, die der Kritik an den sozialen, politischen und vor allem wirtschaftlichen Zuständen in seiner Heimat; insbesondere in der Zeit nach der gewonnen Unabhängigkeit von Frankreich und des Bürgerkriegs, der im Jahre 1988 seinen Anfang nahm. Einen besonderen Stellenwert nimmt die Kritik am Islamismus ein, keine abstrakte Schimpfkanonade, sondern überzeugende Distanzierung, da persönlicher Betroffenheiit des Ich-Erzählers entsprungen.

Eingerahmt vom Sterben der Mutter des Ich-Erzählers Yazid wird die Romanhandlung aufgefächert, ihre Spannung erhält sie durch eine Aufforderung, die Yazid am Totenbett vernimmt und die ihn in Algiers Viertel Belcourt befiehlt. Hinter dieser Aufforderung – so viel kann an dieser Stelle verraten werden – steckt das Geheimnis von Yazids wahrer Herkunft, das bis zuletzt nicht gelüftet wird.

Von Yazids Geschwistern kann Hedi, der jüngste Bruder, als einziger nicht zum Totenbett nach Paris kommen. Er lässt sich in Pakistan, so kam es der Familie über verborgene Kanäle zu Ohren, zum Selbstmordattentäter ausbilden. Yazid nennt ihn in seiner Reflexion unverblümt „nicht normal“ oder „Dummkopf“. Unverkennbar sind dies von Verzweiflung gesteuerte emotionale Ausbrüche hilflosen Zorns, frei von Überheblichkeit. Yazid liebt Hedi, so scheint es, nicht weniger als die anderen Geschwister. Im Fortschreiten der Handlung, die beständig von der Gegenwart in verschiedene Vergangenheiten zurückspringt, stellt Yazid einzelne seiner Geschwister genauer, andere weniger genau vor, wagt jedoch den Versuch einer möglichen Erklärung für Hedis Entscheidung. Hedi war ein Nachgeborener, die Mutter war bei der Empfängnis bereits in fortgeschrittenem Alter. Das Kind konnte seinen Charakter nicht an älteren Brüdern oder Schwestern abschleifen, da diese früh außer Haus gingen: "... er war noch keine drei Jahre alt, als er sich alleine im Nest wiederfand und ins Leere zirpte. Mit den kleinen Taliban aus der Medina hat er das Flügelschlagen gernt, die Krallen gewetzt und von seinem ersten Dschihad geträumt." Bei seiner Wiederkehr nach Belcourt schimpft der Ich-Erzähler unverhohlen auf Imame und Mullahs, die sein Viertel bis zur Unkenntlichkeit verändert haben, unter anderem war nicht nur hier, sondern in ganz Algier die jüdische Gemeinde geschmolzen.

Bis auf den Erzähler und Hedi sind alle Geschwister ins Ausland zum Studium abgewandert. Sie konnten zwar in Paris dem Sterben der Mutter beiwohnen, nicht aber dem Begräbnis in der algerischen Heimat, weil sie sich damit der Gefahr ausgesetzt hätten, vor Gericht gestellt zu werden, da sie nach dem Studium nicht zurückgekommen waren. Der Ich-Erzähler versucht den höchst unterschiedlichen individuellen Prägungen seiner Geschwister gerecht zu werden, ohne sie dabei zu einer Reflexions- oder Projektionsfläche seiner selbst zu degradieren. Ein nicht unbedingt selbstverständlicher Verzicht, da seine Suche nach Identifikation beständig dieser Versuchung ausgesetzt ist. Schließlich nehmen die Geschwister einen großen emotionalen Raum innerhalb seiner Entwicklung ein, die sich in zwei Familien vollzog, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Die eine gehörte der untersten sozialen Schicht an, die andere dem Geldadel, was es dem kritischen Autor Boualem Sansal, einem der wenigen französisch schreibenden, algerischen Schriftsteller, die noch in der Heimat verblieben sind, ermöglicht, soziale Ungleichheiten, die zwangsläufig in gesellschaftlichen Widersprüchen münden, inhaltlich kohärent darzustellen.

Seine erste Familie lebte im Schatten der "Zitadelle" weit ab von der Hauptstadt. Uneingeschränkte Herrscherin dieser sexuellen Festung war seine Großmutter Djeda. Sie thronte nicht nur über diesem Freudenhaus, sondern nannte viele solcher im ganzen Land verstreut ihr Eigen, was ihr ein sagenhaftes Vermögen und Einfluss bis in höchste politische und wirtschaftliche Kreise sicherte. Eines Tages nimmt die einige Jahre ältere Faiza den noch nicht siebenjährigen Yazid zur Seite und klärt ihn darüber auf, wie es sich wirklich in den von Djeda unterstützten Familien und in seiner eigenen verhält. Sie verrät Yazid, dass sein Vater, Djedas Sohn und "Kronprinz", nicht sein wahrer Vater und Djeda nicht seine wahre Großmutter ist. Auch was die Identität seiner Mutter anbelangt, wird er in große Zweifel gestürzt. Faiza ist ein waches Mädchen und schon bald wird auch Djeda auf sie aufmerksam und nachdem der "Kronprinz" bei einem Unfall ums Leben kommt, fällt ihr nach und nach seine Rolle zu. Yazid wird ihr in seinem späteren Leben noch begegnen und in blendenden Farben das Bild ihrer Schönheit malen.

Bald darauf wird Yazid von Farroudja, einer Vertrauten seiner angeblich wahren Mutter, entführt und in Algiers Viertel Belcourt gebracht, in die Rue Darwin. An der Emotionalität der Beschreibung dieses Viertels ist leicht erkennbar, welchen Ort Yazid als seine wahre Heimat empfindet. So versteht sich nur zu leicht das Gänsehautgefühl des am Totenbett der Mutter stehenden Erwachsenen, als er jene Aufforderung "Geh, kehre zurück in die Rue Darwin" vernimmt. Sie ist emotionalen und nicht – wie er selbst zu glauben scheint – mystischen Ursprungs. In dieser "armen Gasse meiner Kindheit" fühlte er sich am wohlsten. Hier war der alte Jude Simon zuhause, dessen Erzählungen die Kinder lauschten und der Krämer Moutchou, ohne dessen Kredit die meisten Familien am Monatsende nichts mehr zu essen gehabt hätten, aber hier tobte auch die sog. "Schlacht um Algier", die Anschläge der um Unabhängigkeit ringenden Einheimischen und die Gegenschläge der französisch-militärischen Geheimorganisation OAS, an der der Junge Yazid genau so teilnahm wie seine wilden Freunde, nämlich als Bote.

Die von Sansal verwendete Sprache ist überwiegend von jener einfachen Form getragen, wie sie sich nie in den Vordergrund drängt. Sie wechselt jedoch, wenn es sich um emotional stark besetzte Erinnerungen handelt, in drastische Töne und spart nicht mit Schimpfwörtern. Bild und Wortwahl des Autors sind treffsicher gesetzt, haben nichts von der Beiläufigkeit, die er dem Ich-Erzähler in den Mund legt: "Es ist merkwürdig, sich von Grund auf mit kleinen, zufälligen und in gewisser Weise hastigen Strichen von eigener Hand neu gestaltet zu sehen. Es ist furchteinflößend, man fragt sich, was dabei herauskommen wird und wie man damit umgehen kann." Schon diese Aussage allein würde es – trotz des persönlich gehaltenen Tons – dem Leser verbieten, das Roman-Ich mit den Autor Boualem Sansal zu identifizieren. Das Wissen darüber, inwieweit der vorliegende Stoff Selbsterlebtem des Autors entspringt, entzieht sich schlicht der Neugierde des Lesers, der jedoch amüsiert sprachliche Ausreißer wie diesen lesen kann: „Die Kinder der Matrix“. So kommentierten Yazid und seine Geschwister, die geschlossenen Reihen in der Zeit des islamischen Umbruchs, wenn die Kinder von der Schule zur Moschee wechselten.

Das Geheimnis um Yazids Herkunft wird erst gelüftet, als er mit seiner Rückkehr in die Rue Darwin nicht nur jener ersten Aufforderung nachkommt, sondern auch die zweite, von der Mutter auf dem Totenbett ausgesprochene beherzigt. Er solle zu Farroudja gehen, sagt sie ihm, mit jener Frau solle er reden, die ihn aus der Festung entführt und nach Belcourt gebracht hatte.

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Kinder der Matrix

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Boualem Sansal erzählt die Geschichte der Rue Darwin mit Zorn und Wut, mit Verzweiflung oder zärtlicher Nähe, mit viel Liebe zu seinen Figuren und mit angerauter Stimme wie aus dem Off, die ein Versinken in den Text ganz leicht macht. Jedoch wünschte sich der Leser gelegentlich etwas mehr von jenem Humor, von dem beispielsweise Harraga, sein vorletzter Roman, geradezu sprüht, um die inhaltliche Schwere zu mildern, die die Zerrissenheit Algeriens widerspiegelt. Schmerzhaft lässt der Autor Boualem Sansal seinen Ich-Erzähler Yazid den Niedergang seines Viertels Beldourt mit der Rue Darwin nachempfinden und meint doch – wie unschschwer zu erkennen ist – das ganze Land, seine algerische Heimat.

(Originaltitel: »Rue Darwin«)

10/2012© by Janko Kozmus
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